peinlichste empfand , wie ihm denn jedes unnütze Aufsehen ein Greuel war , schickte sich an , Caspar zur Rede zu stellen , wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings abgeschreckt , auch machte ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter stutzig . Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor . Ihm war , als habe er , was jetzt geschah , schon einmal erlebt . Wie mit einer Sturzwelle riß es ihn zurück , und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten . Da war die alte Frau , fürstlich geschmückt und majestätisch anzusehen ; wie , glich sie nicht einem Weib , das einst in ein Gemach gekommen , wo auch er gewesen war , und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen ? Lag nicht jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen ? Da war der Diener , der eine silberne Platte in Händen hielt ; war das nicht alt ? Stand nicht auch damals einer da , der Geschenke brachte oder Süßes oder Kostbares ? Da waren feierlich gekleidete Männer , die auf einen Befehl zu harren schienen , darauf warteten , daß einer käme , noch festlicher angetan als sie selbst , vor dem sie sich verneigen mußten ? Und diese schlanken weißen Mädchen in weißen Schleiern , deren Blicke tief und bang waren ? Und hier oben die Dämmerung , die sich über zahllose Marmorstufen hinab ins Licht verlor ? Caspar hätte jauchzen mögen , denn er erschien sich fremd und zugleich von allen angebetet ; sie senkten das Haupt , sie erkannten den Herrn in ihm ; ja , er ahnte , was er war und von wo er kam , er spürte , was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte ; ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen . Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst stilles Ende . Er führte Caspar in sein Zimmer , gebot ihm , sich zu Bett zu begeben , wartete , bis er lag , verlöschte dann selbst das Licht und sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton , er werde ihn am andern Morgen wegen seiner ungehörigen Aufführung zur Rechenschaft ziehen . Darum scherte sich Caspar wenig . Es wurde auch nicht viel aus der gedrohten Abrechnung . Herr von Tucher sah ein , daß den Grundsätzen eigentlich nichts zuleide geschehen war . Sein Koch verriet ihm im hohlen Ton der Prophezeiung , Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal aufs Dach steigen und herunterstürzen . Herr von Tucher konnte den Mond nicht abschaffen ; da der Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen schien , durfte man ihn für gewisse Fehltritte nicht verantwortlich machen . Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle , war noch immer unentschieden . Es mußte hierzu die Meinung des Präsidenten Feuerbach eingeholt werden . Herr von Tucher nahm sich vor , im April nach Ansbach zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen . Caspar aber war voller Erwartung . Er wartete auf einen , der kommen mußte , auf einen , der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu ihm suchte , und so fest war der Glaube an diesen Kommenden , daß er jeden Morgen dachte : heute , und jeden Abendmorgen . Er lebte in einem beständigen innerlichen Spähen , und seine ahnungsvolle Freude glich einem Traum . Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlägt , wenn er seine häßlichen Füße gewahrt , so machte seine eigne Stimme , sein eigner Schritt ihn schon wieder zaghaft , um wieviel mehr erst der Anblick von Menschen , die täglichseine Erwartung enttäuschen mußten . Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war außergewöhnlich , und die aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von Wahnwitz . Freilich , zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot sie ein andres Gesicht und hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen Stoff für seine Ideen geliefert . Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen , und es überlief ihn kalt , wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel . Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf , und weil er oftmals erwachte und die Finsternis ihn quälte , bat er , daß man neben seinem Bett ein Öllämpchen brennen lasse . Dies geschah . Einstmals in einer Nacht spürte er , noch schlummernd , ein eigentümliches Ziehen im Gesicht , als ob ihn von oben her ein kühler Atem streife . Jählings richtete er sich auf , blickte über Bett und Wand und gewahrte eine große Spinne , die an einem Faden in der Nähe seines Kopfes hing . Entsetzt sprang er aus dem Bett , und unfähig , sich zu regen , beobachtete er , wie das Tier sich aufs Kissen niederließ und über das weiße Linnen kroch , einen glitzernden Faden hinter sich herschleppend . Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen , schaudernden kalten Haut bedeckt . Er preßte die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und seltsam schmeichelnd : » Spinne ! Was spinnst du , Spinne ? « Die Spinne duckte den gelblichen Leib . » Was spinnst du , Spinne ? « wiederholte er flehend . Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer . » Was schickst du dich denn so , Spinne ? « hauchte Caspar . » Warum so eilig ? Suchst du was ? Ich tu dir nichts ... « Die Spinne war schon oben an der Decke . Caspar setzte sich auf den Stuhl , wo die Kleider hingen . » Spinne , Spinne ! « sagte er tonlos vor sich hin . Es schlug vier Uhr draußen , und er hatte sich noch immer nicht ins Bett zurückgetraut . Dann , ehe er sich hinlegte , wischte er Kissen und Wand eifrig mit dem Taschentuch ab . Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon , die ihn mehrere Tage ans Lager fesselte . Er wurde traurig , des Wartens war er schon müde . Obwohl