, was die ihrem Wesen angemessene Art einer Erklärung war , und so überwanden sie leicht ihren Groll , und am Ende lachten sie mit ihrer Tochter zusammen , indem die Fröhlichkeit des unbefangenen Kindergemütes auf sie überstrahlte . Wie sie alle in dem Gasthause versammelt waren , sprach Luise , daß sie gedacht habe , sie wolle später , wenn sie in ihre Jahre gekommen wäre , den Dichter heiraten ; aber nun sei ihr doch klar geworden , daß sie ihn zwar immer noch so lieb habe wie früher , und vielleicht noch lieber , aber seine Frau könne sie nicht werden . Das wolle sie ihm gesagt haben , und weil sie sich noch nicht geküßt hätten bis jetzt , so wolle sie ihm nun , zum Abschied von ihrem gemeinsamen Plane , einen Kuß geben ; als sie das gesprochen hatte , faßte sie sein Ohrläppchen , beugte seinen Kopf zu sich nieder und küßte ihn auf die Lippen ; dann lächelte sie , indes ihr eine Träne in die Augen trat ; und auch der Dichter lächelte . So endete der beiden Liebesverhältnis . Indem Hans immer weiter in die Gedanken hineinkam , die in dem Kreise der Menschen um ihn herrschten , gelangte er bald zu dem Entschluß , daß er sein Studium ändern müsse . Aber Scheu vor den Eltern und Furcht vor dem Ungewissen hielten ihn eine Zeit in einem peinigenden Zustande , bis er sich am Anfang des zweiten Semesters zu einer schnellen Tat entschloß ; denn durch Zufall war die Tür der Amtsstube in der Universität einmal offen , wie er gerade vorbeiging : da trat er ein und erklärte , daß er sich in eine andere Fakultät umschreiben lassen wolle , und wie ihn der Beamte fragte , was er denn zu studieren gedenke , da sagte er ohne Besinnen und ohne daß er vorher eine Absicht gehabt hatte , er wolle Historiker werden . Dann belegte er seine neuen Vorlesungen , faßte sich auch ein Herz und besuchte einen der Lehrer ; der empfing ihn freundlich und hatte bald Hansens Meinungen erkundet , denn er hatte selbst in jungen Jahren freiheitlich gesinnte Ansichten gehabt , und wie damals gerade die Revolutionszeiten gewesen waren , hatte er als junger Gymnasiallehrer seinen Schülern lateinische Aufsätze aufgegeben über die Vorzüge der Republik vor der Monarchie und darüber , daß die Verbrennung der Leichen richtiger sei wie das Begraben . Wegen solcher Betätigung seiner Gesinnungen hatte die Behörde ihn damals abgesetzt , aber später wurde er an die Universität berufen . Dieser alte Mann bekam eine Freude an Hans , und der gewann so einige geringe Aussichten für seine Zukunft . Inzwischen war sein Jugendgenosse Karl gleichfalls nach Berlin gekommen und zeigte sich als von gleichen Ansichten . So beschlossen die beiden , eine nähere Bekanntschaft mit wirklichen Arbeitern zu machen , und da sie keinen andern Weg wußten , so dachten sie eine Volksversammlung zu besuchen , und gerieten in die Versammlung eines großen Fachvereins , in der ein Vortrag über die materialistische Geschichtsauffassung gehalten wurde ; denn damals , wo das Sozialistengesetz noch bestand , hatten diese Fachvereine in Wahrheit eine Art politischer Bedeutung , die zwar nicht ausgedrückt war , aber sich doch mit Notwendigkeit von selbst aus den Umständen ergab . Mit einer großen Furcht wie vor etwas Außerordentlichem hielten sich die beiden bescheiden im Hintergrund , wo neben ihnen am Tisch einige Arbeiter saßen , ein alter Mann und zwei junge Leute , die sie zuerst mißtrauisch betrachteten , und endlich sagte der eine junge Mann gerade heraus , sie seien doch keine Schuhmacher , es war nämlich der Fachverein eine Verbindung der Schuhmacher , und sie sollten ihm ihre Absichten sagen . Darauf erwiderte Hans , daß sie Studenten wären und gern die Verhältnisse der Arbeiter kennen lernen wollten . Hierüber wurden die Gesichter der andern freundlich und bewillkommten die beiden und zogen sich noch weitere Arbeiter an ihren Tisch , die alle fröhlich und liebenswürdig waren . Dabei stellte sich heraus , daß sie Hans und Karl für zwei Spitzel gehalten , weil man an ihren Daumen gesehen , daß sie keine Schuhe machten , und Hans trug Stiefel , die zu Hause von einem schlichten Schuster genau in der Form gearbeitet waren wie die Kommißstiefel , an denen die Geheimpolizisten erkannt wurden . Hans war recht erstaunt über die braven und ordentlichen Gesichter der Leute und über ihre sonntägliche Kleidung und fröhliche und ruhige Art. Einen gewissen Ernst hatten sie wohl alle , aber der war mehr ehrbarer und bürgerlicher Art , und sie zeigten nichts Düsteres oder Trauriges , sondern schienen , als wenn sie alle zufriedener und glücklicher Hoffnung lebten . Die meisten der Anwesenden waren jung , und man sagte Hansen , daß die Älteren , weil sie verheiratet seien , gewöhnlich das Geld nicht aufwenden könnten , welches das Gehen in die Versammlung koste , weil man doch sein Glas Bier trinke , oder auch zwei , und seine Zigarre rauche . Ganz vorn , auf einer Erhöhung , saßen an einem langen Tisch die Vorstandsmitglieder und an einem Tischchen daneben ein Polizeioffizier mit einem Schutzmann . Nach einiger Zeit eröffnete der Vorsitzende die Versammlung , und es wurden einige Angelegenheiten des Vereins erledigt in merkwürdig förmlicher und formelhafter Weise , indem der Vorsitzende häufig erklärte , so oder so sei die parlamentarische Sitte : denn das schien als besondere Hauptsache betrachtet zu werden , daß alles bis ins kleinste parlamentarisch zuging . Bei einem Punkte fragte Hansen sein Nachbar leise , indem er annahm , ein Student wisse diese wichtigen Dinge , ob das so richtig sei . Man verspürte bei allen , daß sie einen freudigen Wunsch nach Form und Regel hatten und nach Kräften eine Ordnung suchten , um sich ihr zu unterwerfen . Dann stand der Vortragende auf , der über die materialistische Geschichtsauffassung reden wollte . Der war ein älterer Arbeiter , in dessen Gesicht