Ein Sonnenstrahlchen kroch zu mir heran , und da , wo innerlich die Nerven des Gehöres enden , erklangen mir die leisen , lieben Worte : Jetzt hab ich dich ! Ich bin ein Gruß aus Gottes Himmelreich und soll als Seele immer bei dir bleiben . Doch , halt mich fest ! Und komm aus diesem Winkel zu uns hinaus ans Licht ! Willst du mich nicht verlieren , so richte deinen Geist nach oben , nicht nach unten ! Ich brauche Gottesodem ; den kranken Hauch der Tiefe aber muß ich meiden ! Da warf ich meine Fetzen von mir ab und ging ans Licht des Tages , an die Wärme . Nun sah ich erst , wieviel die Huld des Herrn dem Menschen spendet , und griff mit fester Hand in diese Fülle , der Ahne denkend , der dies nötig war . Da eilten sie herbei , die Lebensprasser , die sich so wenig um die bleiche Armut kümmern , daß sie ihr selbst die Fetzen kaum noch gönnen . Da packten fette , goldgeschmückte Fäuste die hagre Armutshand , ihr zu entreißen , was sie in schwerer Arbeit sich errungen . Es kam der Kampf ! In seinen kurzen Pausen sah ich in mir zwei klare , milde Augen , die aber trüber , immer trüber wurden , und jene Seelenstimme flüsterte mir zu : Ich warne deinen Geist ! Er konnte es nicht sehen : die Fetzen waren Flügel ! Doch dieser Geist stieg zornig vor mir auf und machte seine heilgen Rechte geltend . Ich folgte ihm , und in des Kampfes Tagen , die nimmer enden wollten , verklang die Seelenbitte in weite , weite Ferne , bis ich sie nicht mehr hörte . Auch jene Augen sah ich niemals mehr . Ihr trüber Blick war für mich ausgelöscht ! « Hier hielt er inne . Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer Wehmut angenommen , die gewiß schon oft in stillen Stunden bei ihm Gast gewesen war . Aber es erheiterte sich wieder , als er fortfuhr : » Da kamst du ! Besinnungslos - krank- schwach - genesend ! Ich sah dich in allen diesen Stadien . Dein Auge hatte sie mit dir durchzumachen . Je mehr du dich erholtest , desto bekannter wurde mir dein Blick . Ich sann und sann - - und endlich fand ich es : Dschanneh , mein Sonnenstrahl ! Kann ein Mensch Seelenaugen haben ? Ich frage nicht ! Denn ich habe schon gefragt , vorhin , als ich wissen wollte , wer das sei , den du mir gabst ! Als ich nun dort am Fenster stand , wurde es heller und immer heller in mir . Noch ist es nicht ganz licht ; aber es wird , es wird , es wird ! Effendi , ich liege auch heut im fernsten , tiefsten Erdenwinkel . Es ist so kalt , so dumpf unter meinem Mantel . Ich fühle die Nähe meiner Ahne wieder . Wird jemand kommen , wie damals , um die geistigen Fetzen aufzuheben und mir meinen Gottessonnenschein , meine Dschanneh , zurückzubringen , die mir im Kampfe des Lebens verloren gegangen ist , weil ich nicht mehr auf sie achtete ? « » Ja , « antwortete ich . » Es kommt jemand . Er ist schon da ! « » Wer ? « fragte er . » Ich ! Ich bin es ! Wünschest du wirklich , daß ich deinen Mantel aufhebe ? « » Ja ! « nickte er , indem seine Augen leuchteten . » Und wirst du ihn , wie damals , von dir werfen und an das Licht des Tages gehen ? « » Gewiß , gewiß ! - Wie gern ! « Da schob ich ihn vom Tische hinweg , griff nach seinem Manuskripte und sagte : » Hier liegt er ! Das ist er ! Dein Leidensweg , deine Biographie , deine Rechtfertigung , das sind die alten Fetzen , welche ebenso in das Feuer müssen wie dort die Kästen mit den Makulaturen ! Ich bitte dich , auch sie mir zu schenken ! « » Das Manuskript , das ganze , ganze Manuskript ? « fragte er erstaunt . » Ja , das ganze ! « » Du kennst es ja nicht ! Du hast es ja noch gar nicht gelesen ! Lies wenigstens hinten das Gedicht ! « » Ustad , Ustad ! Du glaubst , durch dieses Gedicht das Manuskript retten zu können ! Ja , es ist wahr : deine Ahne sitzt bei dir , die geistige Armut , die ausgehungerte Denkschwachheit , das kraftlose Unvermögen , sich unter den Lumpen hervorzufinden , die man mit warmer Liebe um sich schlägt , weil man sie doch , und doch , und doch für ungeheuer kostbar hält , obgleich man es nicht wagt , dies einzugestehen ! Du glaubst , das Gedicht sei mir unbekannt . Ich kenne es besser als du . Höre zu ! Du sollst die Fetzen fliegen sehen ! « Ich schlug die vorletzte Seite auf und las . Freilich keinesweges in dem Tone , den er dabei jedenfalls angeschlagen hätte . Der meinige war ironisch frömmelnd , möglichst salbungsvoll , bei den letzten vier Zeilen sogar sarkastisch . Als ich geendet hatte , sah ich ihn an . » Effendi , du vernichtest mich ! « rief er aus . » Nein ! Nicht dich , sondern deine Ahne ! Meinst du , auf solche geistige Vorschatten stolz sein zu können ? Ich weiß , was ich thue ; aber ich kenne kein Erbarmen für jene feigen Geister , welche den römischen Kriegsknechten die Mantelfetzen des Erlösers entreißen und sich hineinwickeln , weil sie weder die Kraft noch den Mut besitzen , das zu thun , was er von ihnen fordert : Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach ! Du trugst diese Fetzen zu deiner Hosiannazeit ; das war lächerlich