als bisher , und alles hat einen tiefen Sinn bekommen , ist verständlich geworden - denn Sie sind gerettet . Sie leben , Sie müssen leben . Um das auszudrücken , was ich empfinde , fände ich keine eigenen Worte , kann nur wiederholen , was jener Grösste in Wort und Ton gedichtet : Winterstürme wichen dem Wonnemond ! - Immer wieder klingt es in mir : Winterstürme wichen dem Wonnemond ! - Ich weiss wohl , positivere Geister als ich würden darüber lächeln : Sie in Peking , ich hier am Atlantischen Ozean und - Wonnemond ? Und es ist doch so , dieses Gefühl grenzenlosen Glücks , unendlicher Dankbarkeit . Hat ein Gott die Menschen erschaffen , wie seit viel hundert Jahren den Kindern gelehrt wird , so sei Ihm Dank , dass er Sie geschaffen . Haben seit Äonen unbewusst wollende Zellen in dunklem Triebe sich so gefügt , dass schliesslich der Mensch erstand , so sei Dank jenen unendlich Kleinen , aus denen Sie wurden ! Mein Gottesgeschenk , mein Weltenwunder ! Was liegt an Namen und Glauben ! Empfindung ist alles , was wir wissen - Winterstürme wichen dem Wonnemond ! 65 Bay View , 19. August 1900 . Gleich nachdem die erste sichere Nachricht kam , habe ich Ihnen telegraphiert und Sie gebeten , mir sofort Nachricht zu geben , denn ich muss es von Ihnen selbst hören , dass Sie gerettet sind , muss mein eigenes Telegramm von Ihnen in der Hand halten können , ein Wort des Glücks , für mich allein bestimmt , in dem grossen Jubelklang , der durch die Welt tönt . Nun warte ich - o , wie ich warte ! - auf die erste Kunde , die von Ihnen wieder zu mir dringen wird , nach der langen , langen Zeit . Dieser Brief soll erst abgesandt werden , wenn ich Ihr Telegramm habe - denn ich werde ihn ja gar nicht mehr nach Peking zu schicken brauchen . Sicher reisen Sie doch gleich von dort ab . Was soll Sie denn auch hindern , wenn ich Sie rufe - und ich rufe Sie , liebster Freund , rufe Sie mit solcher Sehnsucht , dass Sie es fühlen und hören müssen , wo Sie auch sind und durch die dicksten chinesischen Mauern hindurch ! 20. August 1900 . Ich bin so ungeduldig . Kann das Warten auf Ihr Telegramm kaum mehr ertragen . Dann beruhigt mich mein Bruder und erklärt mir immer wieder , dass jetzt Telegramme viel langsamer als sonst nach Peking gehen . Ich sehe es ja auch ein , dass es gar nicht anders sein kann , und sicher warten viele Menschen jetzt gerade so wie ich auf ein paar liebe Worte und müssen sich auch gedulden , wie ich - und dann denk ich doch immer wieder , dies eine einzige kleine Telegramm könnte doch recht schnell durchgelassen werden , denn es trägt so viel Glück in sich , dass es den Vorrang vor allem andern auf der Welt verdient ! 21. August 1900 . Heute , liebster Freund , fühle ich , dass ich ganz sicher von Ihnen Nachricht bekommen muss , und dann soll der Brief gleich abgehen . Er soll Ihnen sagen ... Zuerst waren mir die Worte ein leerer Schall . Sie bedeuteten gar nichts . Erst ganz langsam hab ich sie verstanden . Die See draussen rauscht weiter , und die Wellen schlagen gegen den Strand - ganz so wie vorhin in der blassfernen Zeit , da ich die Worte noch nicht vernommen . Er wird das Rauschen nie mehr hören . Bedeutet es das , wenn sie sagen , dass er tot ist ? Und der Brief an ihn liegt begonnen vor mir . ... Er wird ihn nie mehr lesen . Ist es das , was sie damit meinen , dass er tot sei ? Heisst es , dass nichts von mir ihn je noch erreichen kann ? Dass die ganze Welt für ihn nicht mehr ist , dass ich für ihn nicht mehr bin , weil er selbst nicht mehr ist ? Heisst es das ? Ich höre immer nur dieselben Worte - er ist nicht mehr . Zuerst verstand ich ' s nicht - nun ist es alles , was ich noch weiss . Die Worte füllen die Welt - alles andere ist versunken . Hätte ich ihn doch nur ein einziges Mal noch sehen können ! Wär ich doch wenigstens zu allerletzt bei ihm gewesen ! Dass er da allein sein , allein sterben musste ! Seine Verlassenheit ermass ich an der eigenen Vereinsamung , seinen Jammer an meinem Jammer . Jahrelang hat er mich umgeben mit Zartheit und Fürsorge , hat mich geliebt - wie sehr , weiss ich erst jetzt - ich durfte damals ja gar nicht dran denken - musste vorbeigehen - wo er mir sein ganzes Leben gab . Ach , gäb es doch nur eine Stunde , von der ich mir jetzt sagen könnte , die habe ich ihm ganz geschenkt , deren hat er sich mit den allerletzten Gedanken sicherlich noch erinnert ! Hätte ich doch selbst den Trost solch einer einzigen Erinnerung ! Aber nichts durfte ich ihm sein . Nicht einmal in seiner letzten Stunde konnte ich bei ihm sein . Allein musste er sterben . Hätte ich ihm doch nur ein einziges Mal noch sagen können : » Nicht wahr , Du hast es doch immer gewusst , wie sehr ich Dich geliebt ? « Ach , dass ich doch bei ihm unter der Erde ruhte ! - Ich sehe immer nur ein endloses Trümmerfeld - wie öde der Weg , der nirgends hinführt - das war mein Leben . Wie Erinnerungen unzähliger Existenzen steigt es in mir auf . In ihnen allen war er , war ich . Wir wissen es nur nicht mehr . In ihnen allen haben wir uns gesucht , ich fühl es dunkel . Aber fanden wir uns je