Dotzky , est mort , vive Dotzky ! « Die anderen waren froh , die etwas gelangweilte und mitunter peinliche Stimmung mit neuem Gläseranstoßen und Hochrufen verscheuchen zu können . Dann begab man sich in den anstoßenden Empfangssaal . In den Gruppen , die sich bildeten , wurde natürlich von dem Ereignis des Tages gesprochen . Das Urteil über Rudolf lautete zwar nicht , wie er selber vorausgesagt , auf » Verrücktheit « - aber die ganze Skala von Worten , die den selben Sinn umkleiden , hielt dabei her : Überspannt - Träumer - Irregeleitet - Phantast - hm , ein Original .. XIX Rudolf stahl sich hinaus . Er war nicht aufgelegt , in Privatgesprächen den Gegenstand weiter auszuführen , über den er soeben eine Rede gehalten . Und ein eigentümliches Trauergefühl hatte sich seiner bemächtigt - etwas wie Abschiedsweh , das ihn drängte , sich von der heiteren Gesellschaft zu entfernen , und in einem einsamen Winkel seinen Gedanken nachzuhängen . Er suchte sein einstiges Arbeitszimmer - das Har lekinzimmer - auf . Es war schon halb ausgeräumt , die ihm persönlich gehörenden Bücher und Bilder in herumstehenden Kisten verpackt . Der Raum war durch eine Ampel von mattem Glas nur schwach beleuchtet . Dagegen sah man durch das unverhüllte breite Fenster hellen Mondenschein . Rudolf trat hin und lehnte die Stirn an die Scheibe . Wie zauberhaft lag da der Park seines schönen Brunnhof ... Nein , nicht mehr sein Brunnhof . ... Das war ja der Gedanke , den er ausspinnen wollte , das war das wehmütige Bewußtsein , das ihn beschlichen hatte : vorbei ! Zwischen seinem alten Leben , und dem , dem er jetzt entgegenging , war nunmehr wie ein eiserner Vorhang herabgerollt . Und ein Abgrund war gegraben , zwischen ihm und den meisten Menschen , mit denen er durch verwandtschaftliche und gesellschaftliche Bande verbunden gewesen . Vorbei die kameradschaftliche Gemeinschaft mit seinen Standesgenossen ; vorbei die huldreiche Freundschaftlichkeit der Spitzen des Landes ; vorbei die ehrerbietige Hingebung seiner zahlreichen Beamten- und Dienerschaft ; vorbei diese ganze Machtstellung , die aus dem Chef eines adeligen Majorats einen kleinen Potentaten macht ... dem allen ein ewiges vale - - Aber auch intimeres Abschiedsleid erfaßte ihn . In diesen Mauern , die er nun verließ , hatte sein häuslicher Herd gestanden . Auf dem Plätzchen da unten im Park unter der großen Linde , wie oft hatte er - das Bild trat ihm lebhaft vors innere Auge - wie oft hatte er da die Wiege seines Söhnchens gesehen und darüber gebeugt , die holdselige Gestalt der jungen Mutter . Diesen Besitz freilich , dem hatte er nicht selber entsagt , den hatte ihn der Räuber Tod entrissen - aber es wäre ihm ja so leicht möglich gewesen , sich auf demselben Grund einen neuen Herd zu bauen , dem Hause eine neue Herrin zu geben - dem Stammsitz einen neuen Erben . Diese Möglichkeit war durch seinen Verzicht nun abgeschnitten . Ein schwerer Seufzer hob seine Brust . So deutlich , so fest umrissen , so wirklich waren die Dinge , denen er entsagte , und so unsicher , so nebelhaft die Ziele , denen er entgegenstrebte . Nein , nicht die Ziele - die leuchteten ihm klar in Leitsternlicht , aber die dahin führenden Wege , die waren das unsichere . Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter . Er wandte sich um . » Du , Mutter ? « » Ich dachte wohl , daß ich Dich hier finden würde , mein Rudolf . Aber ich störe Dich vielleicht ? « » Ach nein ... Dich , gerade Dich jetzt hier zu haben , tut mir wohl . Denn Du bist die Einzige , die mich ganz verstehen kann ... auch in Anwandlungen der Verzagtheit ... verstehen und aufrichten . « » Bist Du verzagt , weil die da unten Dich nicht verstanden haben ? Wenn sie Dich verständen , wäre es da überhaupt nötig , als Lehrer und Kämpfer hinauszuziehen ? « » Hinaus , hinaus ins Dunkle , ins Kalte ... « » Um in das Dunkel Licht zu tragen ... Aber kalt - ja , da hast Du wohl recht - unter den Fremden , unter den Massen weht es einen eisig an - und nur eines kann Wärme und Kraft geben - - « » Was ist das eine ? « fragte Rudolf , da Martha inne hielt . » Man muß das Herz voll Liebe haben ... « » Für die Fremden ? Für die eisigen Massen ? « » Nein , für ein nahestehendes , ebenso warm liebendes als geliebtes Wesen . « » Das besitze ich an Dir , Mutter . « » So meine ich ' s nicht . Es muß die andere , die zärtlich glühende Liebe sein . Die gibt auch Kraft ... Das unendliche Glück , das dieses Gefühl im Besitz , die unendliche Trauer , die es im Verlust einflößt , die lassen einen erkennen , daß alles , alles daran gesetzt werden muß , den Haß aus der Welt zu schaffen . Glaube mir : Friedrich und ich haben nur darum so heftig den Drang empfunden , für die Erlösung der Mitmenschen von der Geißel des Hasses zu wirken , weil wir einander so übereinstimmend lieb hatten . Du hast Weib und Kind verloren - bist gar so einsam , mein armer Rudolf ... Und selbst in der Ehe bist Du einsam gewesen ... Ich weiß ja , daß Beatrix nicht das Wesen war , das Deine Seele ganz ausfüllen konnte . Wie wünschte ich Dir , daß - « » Nein , « unterbrach er , » ich will nicht wieder heiraten . Ich will frei sein , ganz fessellos - « » Um Dich in den Sturm hinauszustürzen ? Wieviel besser kann man das , wenn man weiß , daß man jeden Augenblick in den Hafen zurückkommen kann . Ja , Hort und Schutz und