Wenn ich es mir recht überlege : Ich will mir , da ich von dieser Bühne abzutreten gesonnen bin ( bin ichs wirklich ? ) einen guten und womöglich praktischen Abgang verschaffen . Ich will sensationell abtreten , um - drüben ein anderes gutes Engagement zu bekommen ? Nein , das nicht . Aber es wäre vielleicht möglich , daß mir dieser Abgang die Möglichkeit gäbe , eine eigene Bühne , eine Protestbühne zu gründen . ? ... Hm . Die Perspektive ist gut ... Geht die Brochüre , so findet sich wohl ein spekulativer Herr , der mir meine eigene Zeitung gründet : Die Zeitung der Zurückgewiesenen , das Blatt der Bohèmes auf jedem Gebiete ... Und : Kein Zweifel , daß die Brochüre gehen wird ! Welcher Skandal ginge nicht ? Aber ich muß rücksichtslos sein , wie ein Wilder und boshaft wie ein Affe . Sagen wir ruhig : Es muß ein braves Pamphlet sein . Machen wir ! Ist nicht der Tintensumpf unleugbar ? Bin ich mir nicht das schönste Modell ? Hat mich dieser Sumpf nicht ruiniert ? ... Der Teufel , ich komme immer in den Stil für die Öffentlichkeit . Ich bin wirklich allerliebst eingeseucht ; es scheint , ich kann mir schon selber nicht mehr die Wahrheit sagen . Aber für diesen Zweck ist das eigentlich ausgezeichnet ! Ich werde teilweise unbewußt lügen , und eine unbewußte Lüge knattert viel stärker als zehn bewußte Wahrheiten . Eben rieb ich mir die Hände . Es scheint , die Bösewichter auf dem Theater sind echter , als wir glauben . Bösewicht ! Ich möchte jetzt mal in den Spiegel sehn . Wie sonderbar aufgeregt ich bin . Rein wie betrunken . Oh , ich ahne Räusche ! Wenn ich jetzt schon so außer mir gerate ! Und nun hab ich endlich das Wort für mich : Ich will wieder außer mir geraten können ! Komme , was will : Ich muß aus mir heraus , heraus aus diesem meinen Sumpf , und ich will mit gewaltigem Spektakel ans Land springen ! Platschen soll es . « Zweites Kapitel Gleich nach dem Erscheinen des Tintensumpfs hatte Stilpe sein Quartier aus dem Karlsbad , das ihm längst zu still gewesen war , in die Nähe der Weidendammer Brücke verlegt . Da hauste er nun vier Treppen hoch nach seinem Geschmack wie ein Student , nur , daß es keine kümmerliche Bude nach dem Hof hinaus war , sondern groß , hell , mit dem Blick nach der Spree und weithin über einen guten Teil Berlin . Und laut war sie , umbrodelt vom Lärm der Friedrichstraße , den man wie ein rollendes Rauschen hörte . Dazu das Rattern der Züge , die in den Bahnhof Friedrichstraße einfuhren , und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer Brücke her die dröhnenden Schläge des Rammwolfs , der die Notpfeiler in das Flußbett trieb . Da aber gefiel es Stilpen gut . Hier fühlte er sich zu Hause . Das war nach seinem Geschmack : Ein schmuckloses Zimmer mit abgenutzten Möbeln , die er nicht mit besonderer Schonung zu behandeln brauchte ; zu Nachbarn Garçons wie er , Studenten , Künstler und ein » besseres Mädchen « ; die Hausordnung dementsprechend liberal , die Wirtin desgleichen . - Ein guter Dunstkreis , hatte er gesagt , wie er die Wohnung bezog ; hier laßt uns die Götter locken mit Pfeifen und klingenden Gläsern . Er hatte gleich seine alte Frechheit wieder , die er so lange unter einer anderen hatte verbergen müssen . Es fehlten ihm nur noch die Genossen . Aber sein Aufruf am Schluß des Tintensumpfs : An das bischen Bohème in Berlin ! hatte bald gezogen . Es kamen sogar sehr viel mehr , als er gewünscht hatte , und vor Allem kamen sehr viele falsche Bohèmeleute , unglaubliches Volk voll innerlicher Philistrosität , Theorieenaushecker , Weltverbesserer , Pseudoanarchisten , auch einige lebendige Beispiele aus Krafft-Ebings Psychopathia sexualis : Alles , was irgendwie in der Welt nicht zurechtkam , glaubte zur Bohème zu gehören und im Verfasser des Tintensumpfs den Mann gefunden zu haben , der ihnen in einer neuen Zeitschrift weißes Papier bogenweise zur Verfügung stellen würde . Dagegen blieben anfangs die aus , an die allein er gedacht hatte : Die Dichter und Künstler . Nur einige Jünglinge , denen der Dilettantismus mit jenem bekannten Strohfeuer aus den Augen leuchtete , waren als Vertreter der Kunst bei dieser ersten Flutwelle . Erst nach ein paar Wochen , wie Stilpe von der gesamten Presse mit Einmütigkeit und ganz kurz als Schandfleck des Journalismus abgethan worden war , fanden sich die Rechten ein . Stilpe merkte es sogleich daran , daß sie ihn unverzüglich anpumpten , und dann beim » Orakel der Buttelje « . Sie tranken ungefähr mit derselben Technik wie er . Nach etwa vier Wochen hatte er wieder ein » Cenacle « beisammen , und diesmal war es ein echtes . Eine Maskerade mit französischem Namen war hier nicht mehr am Platze . Seine neuen Freunde waren selber Originale , kantig geblieben in der großen Rührbüchse eines derb zu greifenden Lebens , und gaben den Freunden Mürgers nichts nach . Es waren köstliche Kumpane für ihn und dabei entschiedene Talente für feinste Kunst und freiestes Leben . Nur ein paar von ihnen waren schon mit Werken an die Offentlichkeit getreten , und es war nun eine Quelle gemeinsamer herzlicher Freude , wenn sie und Stilpe die niederträchtigen Kritiken zitierten , mit denen » der gefürchtete Kritiker W. St. « sie einst an den Pranger gestellt hatte . Die Mehrzahl war so gut wie ungedruckt , denn es gab kein Blatt , das excentrisch genug für sie gewesen wäre . Nun sollte Stilpe natürlich dieses Blatt gründen . Bei allen Zusammenkünften , soweit sie nicht blos mit Trinken oder Rezitationen der » neuesten Sachen von Rang « ausgefüllt wurden , war diese Gründung das Hauptthema . Aber nun waren schon zwei Monate seit dem