Manne verursacht hatte - gerade in dem Zeitpunkt , wo ich aller Kräfte bedurft hätte , um den physischen Schmerz zu bewältigen - durch den war ich widerstandsunfähig geworden , und es fehlte nicht viel , so wäre ich unterlegen . Meinem armen Manne mußte der Arzt , seinem eidlichen Versprechen gemäß , den traurigen Bericht schicken , daß das Kind gestorben und die Wöchnerin in Todesgefahr sei . Was die Nachrichten betraf , die von ihm anlangten , so konnten mir dieselben nicht mitgeteilt werden . Ich kannte niemand und delirierte Tag und Nacht . Ein sonderbares Delirium . Ich habe davon eine schwache Erinnerung in das zurückgekehrte Bewußtsein mit hinübergenommen - aber dies mit vernünftigen Worten wiederzugeben , wäre mir unmöglich . In dem anormalen Wirbel des fiebernden Hirns bilden sich eben Begriffe und Vorstellungen , für welche die dem normalen Denken angepaßte Sprache keine Ausdrücke hat . Nur so viel kann ich andeuten - ich habe das phantastische Zeug in die roten Hefte einzuzeichnen versucht - : daß ich die beiden Ereignisse , den Krieg und meine Niederkunft , miteinander verwechselte ; mir war , als wären Kanonen und blanke Waffen - ich fühlte deutlich die Bajonettstiche - das Werkzeug der Geburt und als läge ich da , das Streitobjekt zwischen zwei aufeinander losstürmende Armeen ... Daß mein Gatte fortgezogen , wußte ich ; doch sah ich ihn in Gestalt des toten Arno , während Friedrich an meiner Seite , als Krankenwärterin verkleidet , den silbernen Storch streichelte . Jeden Augenblick erwartete ich die platzende Granate , welche uns alle drei - Arno , Friedrich und mich zersplittern sollte , damit das Kind zur Welt kommen könne , welches bestimmt war , über Dänewig , Schlesstein und Holmark zu regieren ... Und das alles that so unsäglich weh und war so überflüssig ... Es mußte doch irgendwo jemand geben , der es hätte ändern und aufheben können , der diesen Alp von meiner Brust und von der ganzen Menschheit mittelst eines Machtwortes hätte abwälzen können - und die Sehnsucht verzehrte mich , diesem jemand mich zu Füßen zu werfen und zu flehen : Hilf ab - aus Barmherzigkeit , aus Gerechtigkeit hilf ab ! - Die Waffen nieder - nieder ! ! Mit diesem Ruf auf den Lippen erwachte ich eines Tages zum Bewußtsein . Mein Vater und Tante Marie standen am Fuße des Bettes , und beschwichtigend sagte mir der erstere : » Ja , ja , Kind , sei ruhig , - alle Waffen nieder - « Dieses Wiedererlangen des Ichgefühls nach langer Geistesabwesenheit ist doch ein eigentümlich Ding . Zuerst die frohe erstaunte Wahrnehmung , daß man lebt und dann die gespannte , an sich selber gerichtete Frage : wer man eigentlich sei ... Aber die plötzlich mit vollem Licht hereinbrechende Antwort auf diese Frage verwandelte mir die eben erwachte Daseinslust in heftigen Schmerz . Ich war die kranke Martha Tilling , deren neugeborenes Kind gestorben , deren Mann in den Krieg gezogen war ... Seit wann ? Das wußt ' ich nicht . » Lebt er ? Sind Briefe da ? Depeschen ? « war meine erste Frage . Ja , es hatte sich ein ganzer kleiner Stoß von Briefen und Telegrammen angesammelt , welche während meiner Krankheit eingelangt . Zumeist waren es nur Anfragen über meinen Zustand , Bitten um tägliche , um möglichst stündliche Benachrichtigung . Dies natürlich nur , solange der Schreiber an Orten sich befand , wo der Telegraph ihn erreichen konnte . Man wollte mir nicht gleich erlauben , die Briefe Friedrichs zu lesen ; - es hätte mich zu sehr aufregen und erschüttern können , meinten sie , und jetzt , da ich kaum aus dem Delirium erwacht , mußte ich vor allem Ruhe haben . So viel konnten sie mir sagen : Friedrich war bis jetzt unversehrt . Er hatte schon mehrere glückliche Gefechte durchgemacht - der Krieg müßte bald zu Ende sein ; der Feind behauptete sich nur noch auf Alsen ; und war dies einmal genommen , so würden unsere Truppen - ruhmgekrönt - heimkehren . So sprach mein Vater tröstend auf mich ein . Und Tante Marie erzählte mir meine eigene Krankheitsgeschichte . Es waren nun mehrere Wochen seit dem Tage ihrer Ankunft vergangen , welcher zugleich der Tag war , an welchem Friedrich schied und an welchem mein Kind geboren wurde und starb ... Daran war mir die Erinnerung geblieben , aber was dazwischen lag : des Vaters Ankunft , die laufenden Nachrichten von Friedrich , der Verlauf meiner Krankheit - von dem allen wußte ich nichts . Jetzt erst erfuhr ich , mein Zustand sei ein so schlimmer gewesen , daß die Ärzte mich bereits aufgegeben hatten und mein Vater gerufen worden war , um mich » ein letztes Mal « zu sehen . An Friedrich waren die bösen Nachrichten gewissenhaft geschickt worden , aber auch die besseren Nachrichten - seit einigen Tagen nämlich gaben die Ärzte wieder Hoffnung - mußten zur Stunde schon in seinen Händen sein . » Wenn er selbst noch am Leben ist « - warf ich mit einem schweren Seufzer ein . » Versündige Dich nicht , Martha , « ermahnte die Tante ; » der liebe Gott und seine Heiligen werden Dich nicht auf unser Flehen hin gerettet haben , um Dich dann so heimzusuchen . Auch Dein Mann wird Dir erhalten bleiben , für den ich , Du kannst es mir glauben , ebenso heiß gebetet habe , wie für Dich ... sogar ein Skapulier habe ich ihm nachgeschickt ... Ja , ja - zucke nur die Achseln - aber schaden können sie doch keinesfalls , nicht wahr ? Und wie viele Beispiele hat man , daß sie genützt haben ... Du selber bist mir auch wieder ein Beweis , was die Fürsprache der Heiligen vermag - denn Du warst schon am Rande des Grabes , glaube mir - da habe ich mich an Deine Schutzpatronin , die heilige Martha , gewendet - «