Adam schien , ein Wenig Ungeduld , ein Wenig Zorn . Selten schielte sie einmal zu Adam hinüber . Blendend hob sich das weiße Garn von der kirschbraunen Tischdecke ab . Mit diesem dunklen Untergrunde , den weißen Fingern , dem blaßgelben Teint und dem schwarzen Haar Hedwigs bildete es eine Farbengruppe voll einfach-bizarrer Plastik . Adam aber begann also zu sprechen - allerdings nicht ohne vorher noch einmal im Stillen bedauert zu haben , daß ihm keine gute Cigarre die Rede begleiten und würzen sollte - : » Sie beurtheilen mich vielleicht doch etwas zu sehr nach sich , Herr Doctor - verzeihen Sie , daß ich sogleich mit einer deductio ad personam beginne . Es klingt ein Wenig paradox , enthält jedoch sehr viel Richtiges , wenn ich behaupte , daß wir , das heißt : ich und verschiedene Andere meiner Generation - wir sind übrigens so frech , uns immerhin zu den Besten des jungen Nachwuchses zu zählen ! - also daß wir mit dem Momente - ich möchte beinahe sagen : angefangen haben , mit dem Sie und mit Ihnen gewiß Unzählige Ihrer Generation aufhören . Ihre Entwicklung hat sich den individuellen Verhältnissen gemäß , von denen Sie ausgingen , ganz organisch , ganz normal vollzogen . Aber die unsere nicht minder . Zu Ihren Resultaten sind wir in unserem Gedanken- und Gefühlsleben schon vor Jahr und Tag gelangt . In einem Punkte mögen Sie allerdings Recht haben : die Jugend , das heißt : unsere allerdings vielfach lädirte , durchbrochene , beeinträchtigte Kräftegruppe , läßt sich nicht verleugnen - sie muß sich nach den natürlichen Gesetzen alles Geschehenen auslösen und in Handlungen umsetzen . So arbeiten wir trotz all ' unserer Müdigkeit ... und Blasirtheit - arbeiten ... einmal zielbewußt ... zumeist aber nur im Zwange jenes sogenannten metaphysischen Stadiums , wo das Individuum über sich hinausgeht ... wo sein Wille waltet und wirkt , ohne jedoch eine klare Tendenz zu besitzen . So sind wir denn vorwiegend auch in der Arbeit Aesthetiker - den ethischen Effekt bedingen ja so wie so die Gesetze , nach denen der sociale Zellenverband funktionirt ! . Aber wir arbeiten eben ... wenn auch stets der Gefahr ausgesetzt , das uns eine schwere , dunkle Stunde der Verzweiflung ... des erneuten Durchschauens ... der gespanntesten Sammlung und klarsten Umsicht in alle Horizonte - daß uns eine solche Stunde , sage ich , die Waffe zur letzten , realsten und ... reellsten Abfuhrthat in die Hand preßt ... die Waffe , die wir als Sclaven kleinlicher Umstände und Verhältnisse so oft schon bei Seite werfen mußten ... Es ist eben nicht nur sehr gut möglich - es ist sogar beinahe selbstverständlich , daß eine Erkenntniß einmal so intensiv und überzeugend wirkt , daß unter ihrem heißen Athem auch die letzte Rücksicht und Beanstandung dahinschmilzt ... Dann ist ' s eben aus - dann heißt es nur noch : tirez le rideau ! La farce est jouée ! - wir empfehlen uns auf gut Rabelais ' sch ... Aber vor der Hand ist ja dieser letzte Knalleffekt noch unvollbracht . Und wir müssen mit den Thatsachen rechnen ... so , wie sie liegen . Wir sättigen uns durchaus nicht an jedem Daseinsmomente in dem Sinne , wie Sie es vorhin meinten , Herr Doctor . Wir können uns eigentlich gar nicht mehr begeistern . Wohl sind wir noch großer , starker Gefühle fähig ... eben weil wir noch eine Fülle gesammelter , großer , unverbrauchter Kräfte besitzen . Aber wir stellen diese Gefühle zumeist in den Dienst des Intellekts , wenn ich mich so ausdrücken darf . Wir haben die historische Entwicklung der Philosophie vom Dogmatismus über den Skeptizismus zum Kritizismus in unserem individuellen Sonderleben in schneidender Schärfe und Betonung durchgemacht . So sind wir - und mag das noch so widerspruchsvoll klingen - hagebüchene Individualisten - geblieben ... und doch zugleich auch Positivsten und Phaenomenalisten geworden . Sie haben sich gerade umgekehrt entwickelt , Herr Doctor . Und ... offen herausgesagt : von der social-ethischen Bedeutung Ihres Resignationsstandpunktes verspreche ich mir nicht viel - mögen Sie Ihre Anschauungen nun im Sinne Schopenhauers , Hartmanns oder Mainländers krönen ... Kann sein , daß das sogenannte Volk für die Ethik eines Hartmanns eines Tages reif geworden ist - ich wüßte nicht , ob ich mich darüber freuen , oder ob ich es bedauern sollte ... Sie sind Aristokrat , Herr Doctor - wir sind auch Aristokraten . Aber wir sind Aristokraten der Zukunft ... vielleicht der nächsten - Sie dürfen , höchstens erst am jüngsten Tage in die Urne greifen und das große Loos der geistigen Weltherrschaft ziehen ... Nun ja ! Sie können uns bemitleiden ... Sie können über unsere Bescheidenheit ... über unseren praktischen , realistischen Sinn mit souveräner Erhabenheit lächeln ... Wir verstehen Sie verhältnißmäßig sehr gut , Herr Doctor . Denn wir haben einmal mutatis mutandis Ihnen sehr ähnlich gedacht und gefühlt . Mein Gott ! Die Entwicklung eines modernen Menschen , der einigermaßen außergewöhnlich ... einigermaßen über den Durchschnitt hinausragt , vollzieht sich ja verhältnißmäßig sehr einfach . Das mit reichen Kräften ausgestattete Individium entfaltet sich gewöhnlich in der ersten Zeit unter relativ guten Bedingungen . Dadurch wird ein ebenso hochgradiger , wie einseitiger Idealismus provocirt - ein Idealismus , der sich über Alles gern in Thaten setzen möchte ... dem aber Gott sei Dank ! vorläufig noch alle Thaten allergnädigst geschenkt bleiben . Allmählich kommt das arme-reiche Individuum mit der Welt in Berührung ... mehr und mehr . Natürlich stößt es an allen Ecken und Enden an ... findet allorts Widerspruch ... und zieht sich , in der Regel noch dazu sehr zart , sehr fein , sehr sensitiv von Natur , wieder scheu zurück ... Aber der heißen Schwüre , die es sich und Seinesgleichen in den großen Schwärmertagen seiner Jugend gegeben hat , kann es nicht vergessen . So stürzt es sich in die Welt zurück ... und tritt jetzt gewöhnlich sehr kühn und