Tage vor ihrer Abfahrt hüllte sich die Welt in einen frühen Winterschnee , der so andauernd und so dicht auf die leicht gefrorene Erde fiel , daß es offenbar ward , aus der Wagenreise würde eine lustige Schlittenfahrt werden . Das machte Fanny Spaß . » Es gibt eine lustige Fuhre , « sagte sie , » voran Achim und ich im Schlitten mit den Juckern , hinterher der Kartoffelschlitten mit den Braunen als Gepäckdroschke . « Joachim staunte über den Riesenkoffer , den Fanny in den Flur schaffen ließ . » Soll alles , was da drin ist , in drei Tagen angezogen werden ? « fragte er . » Natürlich , « sagte Fanny , » ich gehe darauf aus , mit einigen Gersonschen Kleiderwundern Erfolg zu haben . « Sie , die Einfache , nie Geputzte , hatte sich in die Mühe des Nachdenkens gestürzt , was ihr am schönsten stände . Severinas Hände zitterten , als sie Fanny beim Einpacken half , und ihr Herz klopfte , als sie jetzt Joachim darüber scherzen hörte . O , es war nur seinetwegen , nur um ihm zu gefallen . Und sie war wieder so verblendet , ihm das zu sagen , ihm daraus einen Vorwurf zu machen - einen blinden , ungerechten Vorwurf . Die letzte , hastige Minute , die ihnen ein Zufall zum unbeachteten Abschied gönnte , ward ihr und ihm dadurch verbittert . Er fühlte Severinas Liebe gleich einer Tyrannei auf sich lasten , und sie litt unter seiner Unfreundlichkeit in einem unbeschreiblichen Grade . Die ganze Hausbewohnerschaft , die Pastorsleute , Adrienne und Severina standen im Flur und auf dem Beischlag , als die » lustige Fuhre « abging . Die Jucker , die Joachim selbst lenkte , trugen stolze schwarzweiße Roßhaarbüschel auf den nickenden Köpfen und eine schwarzweiß gestreifte Decke , die sich an den Schlitten schloß , in der Fahrt sich wie ein Segel blähte und die Schlitteninsassen vor umherspritzender Erde oder aufgestiebtem Schnee beschützte . Joachim hatte eine Pelzmütze auf dem Blondhaar und einen mächtigen Pelz an . Seine Hände staken in pelzgefütterten Fahrhandschuhen . Fannys Gesicht guckte gleichfalls aus dem hochgeschlagenen Kragen ihres Wagenpelzes ; auf ihrem Kopf saß ein Sealskinbaret . Sie sahen , als sie nun auch das Pantherfell über ihre Kniee gedeckt hatten , gerade aus , als wollten sie direkt nach Sibirien fahren . Trotzdem gab die Pastorin noch tausend Ratschläge und trotzdem lief Adrienne noch nach einem Cognacfläschchen . Severina hörte den lachenden Abschied mit stummer Verzweiflung an . Wie diese unnützen Reden vom glücklichen Hinkommen , vielmals Grüßen , nicht Erkälten , keinen Wind schlucken , wie sie ihre Ungeduld erregten ! Wie gleichgiltig , wie alltäglich , wie fade war das alles ! Unerträglich ! Die eine Warnung , die einzige , rief ihnen niemand zu ! Und alles andere war so verächtlich daneben . Da fuhren sie hin . Sie winkten lachend zurück . Die Glöckchen an den Roßhaarbüschen klingelten silbern . Die Decke blähte sich . Da fuhren sie und hinterher glitt das häßliche Lastgespann . Es war , als ob zwei auf Nimmerwiederkehr auszögen und gleich ihren Hausrat mitnähmen . Fort - da - und da - noch ein letztes Winken . Und Severinas Glück fuhr auf gleitendem Schlitten , auf glatter Bahn in die Welt hinein . Kam es ihr wieder ? Sie ging mit stummen Lippen und in schweigender Qual , in der Einsamkeit den Mut zur Hoffnung zu suchen . Wer kennt nicht die Schönheit der Welt , wenn sie in üppiger Sommerschwüle farbenprächtig ihre Reize enthüllt ? Wer kennt nicht die zarten Zauber der Natur , wenn sie in der Frühlingsjugend ihre ersten grünen Schleier über die Fluren hinbreitet ? Ueberall ist die Schönheit zu Hause : sie thront unter den Palmen Siziliens und schaut aus glühenden Augen über das blaue südliche Meer ; sie sitzt auf den grauen Felsenschroffen der Alpen und sieht mit ehernem Antlitz zum nahen Gewölk empor ; sie wandelt mit stillen , freundlichen Blicken unter den Buchenwäldern des Nordens , am schilfbesäumten Ufer langsam fließender Flüsse entlang . Aber nie ist sie so unbegreiflich , so geisterhaft schweigsam , als wenn sie über den unermeßlichen Schneegefilden der norddeutschen Ebene schwebt . Da ist ihr Wesen Majestät , aber es ist nicht die stolze Majestät des Lebens , es ist die erhabene der Ruhe . Weit und breit kein Farbenton als der silberweiße . Selbst dort am Horizont der Waldsaum , der sonst bläulich schimmert , ist von frischen Schneelasten weiß beschüttet . Die Knicke , welche die Landstraße einfassen , gleichen niedrigen weißen Mauern . Lautlos schlagen die raschen Pferdehufe auf die schneegepolsterte Straße , lautlos gleiten die Schlitten in der Spur . Das lustige Klingkling der Glöckchen ist der einzige Ton , der laut wird . Der andere Schlitten , auf dem die Jungfer bei den Koffern sitzt und mit dem Kutscher schwatzt , ist längst zurückgeblieben . Jetzt nähern sie sich einem Dorf . Der Rauch wölkt sich weißlich gegen den blauen Himmel ; die Schornsteine , denen er entsteigt , haben da , wo sie im Dache wurzeln , einen kleinen dunklen Kreis um sich , den die Wärme in den Schnee getaut . Der Schnee liegt locker , dick und weiß auf den schräg abfallenden Dächern ; die der Straße zugewandten Häuserseiten gucken mit ihren Fenstern aus dem Schneerahmen wie alte Frauengesichter aus weißen Tüllmützen . Aus den Pappeln fliegen Raben auf . Ein Bauernwagen mit dampfenden Pferden zieht langsam vorbei . Das eintönige Geräusch des Dreschflegels klingt aus einer Scheune und aus dem Schulhause der plärrende Gesang der Kinder . Der Schulmeister , der zum Fenster hinaussieht , grüßt - er hat die » Mittelbacher « erkannt . Vorüber ! Und wieder das weite , stumme , geisterhafte Land . Und Fanny und Joachim haben noch kein Wort zusammen gesprochen , kein einziges . Ihr ist es lange nicht aufgefallen , und er hat geschwiegen