fette Herr mit der weißen Weste . » Jüngere Söhne - hähä - sind immer radikal . « » Kurz , a queer fellow ! « setzte Mowbray als letztes Punktum . Miß Alice ermuthigte ihn durch einen schmachtenden Blick . Eine entscheidende gesellschaftliche Niederlage . » A queer fellow « - dieser Spitzname hatte den fremden Eindringling für immer gestempelt . Das kommt davon , wenn man diese Ausländer , diese Foreigners , in die britische Respektabilität aufnimmt Sie zweifeln an der Unfehlbarkeit alles Englischen , sie reden von unbequemen Sachen , welche die Verdauung stören . Sie verletzen die herkömmlichste Sittlichkeit in ihrem wilden barbarischen Größenwahn . Viertes Buch . » Bitu meine Nauze ? « flüsterte Mary in ihrem Kellnerinnen-Jargon , indem sie ihre Arme zum Abschied um Rothers Hals schlang . - » Adieu , mein Schatz . « Rother warf sich in eine Droschke , nachdem er die ihre bezahlt , um sie allein nach Hause fahren zu lassen . - Der Droschkengaul trug ihn langsam durch die lautlose Winternacht . Ein sonderbarer Geruch haftete an seinen Kleidern , wie auf einer Wange der Biß oder die Nässe eines allzufeurigen Kusses haften bleiben - ein Geruch , wie ihn ein transpirirender Mädchenkörper ausströmt , dessen Schweiß durch die Blumen und den Parfüm der Kleider einen durchdringenden wollüstigen Duft empfängt . Rother befand sich in einem Zustand willenlos mechanischer Apathie . Der Trieb zum Produciren schien ihm ganz verloren gegangen . Er bummelte in den Spelunken herum , wie ein von mechanischen Fäden , gezogener Automat . Bei Marys Freundinnen verlieh man ihm den Spottnamen » der Trompeter « , da Scheffels Säkkinger Aventüre diesen Weibern meist geläufig ist - sie wollten damit das Künstlerisch-Ideale bezeichnen und griffen daher , als Mary schwärmerisch von ihrem neuen Freunde meinte , er sei so süß und lieb wie der Trompeter von Säkkingen , diese Bezeichnung auf . Immer neue Flaschen Wem trinken , gilt als Bedingung eines innigen Verhältnisses in diesen Lokalen , wenn der Wirth sie väterlich sanctioniren und die Kolleginnen ein Auge zudrücken sollen . Das fängt auf die Dauer an , lästig zu werden . Aber Rother fühlte , wie sehr der Mensch ein Sklave der Gewohnheit wird , aus der man sich nur gewaltsam herausreißen kann . Auch behielt Mary in ihrer spanischen Mantille und ihrem Spitzenschleier für ihn etwas » Aristokratisches « und es besteht nun einmal ein lähmend Zwingendes in verliebter Herzenssympathie . Die Freundschaft mit einem Weibe wird für den Mann in den Widerwärtigkeiten des Lebens stets einen unerklärlichen Balsam besitzen , und wäre das Weib selbst eine Schenkmamsell . In dieser Beziehung zeigt sich die unverwischbare Allgewalt der Geschlechtssympathie . Mary hatte ihren Amant , wie das so üblich , ihrer Zimmer-Wirthin ( » Comment-Mutter « ) vorgestellt , welche ihr mütterliches Urtheil dahin abgab , daß der Herr mit dem hübschen Gesicht , so » blaue treue Augen « habe , also zu cultiviren sei . Marys Wünsche betreffs Einlösung ihrer versetzten Uhr , und dergleichen mehr , fielen bei Rother auf fruchtbaren Boden ; ihre Droschken nach Hause bezahlte er ihr pflichtschuldigst , aber sie selbst besuchte er selten . Es schien mit der Zeit mehr ein gewisses Mitleid , was ihn an sie kettete , indem er ihre Neigung für eine wirklich tiefere hielt . Hierin irrte er auch nicht , wohl aber , wenn er ihrer Versicherung Glauben schenkte , sie habe sonst kein » ernsthaftes Verhältniß « nebenbei . Ja , war denn das wirklich er , Rother , der sich , wie ein Ladenschwengel oder ein halbwüchsiger Student mit seiner Kneipmamsell oder Confectioneuse , mit einem thörichten Bierbaß-Mädel umhertrieb , die zufällig in ihn verliebt war und ihren Mund unersättlich mit der Mahnung » Kuß « ihm entgegenspitzte ? Und das Alles nur , um die nagende Sehnsucht und Erinnerung zu betäuben ! War das denn nicht eine Profanation seiner wirklichen wahren Liebe für jene Andere , die er sich doch mit Leib und Seele als Braut erkoren ? Und dabei liebelte er nebenbei noch mit der Dienstmagd der Wirthsleute , wo er wohnte ! Kein Zweifel , sein ganzes Wesen war in kindsköpfische Sinnlichkeit aufgelöst , er schien von einem erotischen Teufel besessen . Diesen Teufel kann man nur austreiben durch Beelzebub , den obersten der Teufel . Und so keimte denn in Rother der künstlerische Größenwahn um so stärker hervor , jemehr seine Farben auf der Palette trockneten und der Pinsel nervös seiner Hand entglitt . Stundenlang auf einem Divan ausgestreckt , eine Virginia nach der andern schmauchend - manchmal aus Apathie nur an dem Strohhalm derselben kauend , ohne den » Rattenschwanz « anzuzünden - , fing er an , über seiner verkannten künstlerischen Bedeutung zu brüten . Aber statt diese mit dem Pinsel zu beweisen , griff er zur Feder . Wegen leidlichen Stils geschätzter Correspondent einer Kunstchronik , verriß er nunmehr rücksichtslos alle Lebenden . Adolf Menzel sei nur ein Vorläufer des Naturalismus . Da sehe man dagegen die Warzen der drei alten Weiber in der Kirche an , mit denen Meister Laibl uns beschenkte - dafür gebe er , Eduard Rother , den ganzen Rafael ! Doch auch dies Gezanke um eine Kunst-Revolution vermochte seine innere Unrast nicht zu stillen . Wer irgend eine Handlung beging , die ihn schädigen oder lächerlich machen kann , wird ewig von den Dämonen einer ungewissen Furcht umhergesagt . Wie oft verwirklicht die Furcht sich nicht und wie oft tritt die gefürchtete Unannehmlichkeit grade an einer Stelle auf , wo man sie nicht erwartet ! Wie oft räumt das Schicksal oder der Zufall eine Reihe von Gefahren , die uns drohten , aus dem Wege , und wie oft schafft er neue Hemmnisse , an die man nicht denken konnte ! Wie sollte es denn Alles enden ! Nachdem eine etwas kühlere Ueberlegung seine blinde Leidenschaft abgeschwächt , legte er sich diese Frage täglich vor . Was für entsetzliche Schranken thürmten sich