solche Geschichten nach der Natur zu schreiben . Ich hätte vielleicht auch gar nicht das notwendige Handwerkszeug dazu . Ich bin Dramatiker und nicht Novellist . Sie sind noch keines von beiden , aber Sie fühlen den Drang , als Novellist wenigstens einen Versuch zu machen . Wohlan denn ! Und Sie wollen keine schon millionenfach geschriebene banale Liebesgeschichte vom Hans und seiner Grete schreiben , sondern - etwas anderes . Auch keine krachledernen Hosenfabeleien aus dem dichterisch schon ganz zermürbten bayerischen Hochgebirg , keine Salontirolerei oder sonst eine troddelhafte Volksmünchhausiade , wie sie noch immer schockweise von den geriebenen Erfolgsspezialisten , die mit anderthalb Ideen zwanzig Bände vollschreiben , auf den Markt geschleudert werden . Das gefällt mir . Was es wird , wird sich ja am Ende zeigen . Zunächst gilt es : frisch zu wagen und nach echten Dokumenten zu arbeiten . Da setzt meine Handreichung ein ... Ohne die berühmte Liebe werden wir dabei freilich nicht auskommen . Denn wenn wir , nur einen Goetheschen Ausdruck zu nehmen , ein wahres Bild des beschatteten , buntgrauen Erdenlebens entwerfen wollen , müssen wir unseren Pinsel auch in jenen unheimlich gemischten Farbentopf tauchen , den uns die schlimme Teufelin Venus aus ihrem Schoße darreicht . Was nun dazu Eigenerlebtes gehört , das müssen Sie sich selbst erwerben . Auch die wichtigste Zuthat , warmes , rotes Herzblut , können Sie nicht aus zweiter Hand empfangen , das müssen Sie sich heißdampfend aus der eigenen Brust abzapfen . Aber vergeuden Sie die kostbaren Tropfen nicht . Aphrodite , die schöngelockte , mache es gnädig mit Ihnen ! Hüten Sie sich vor den blassen , blonden Lotosblumen , auch vor den roten , berauschend duftigen Nelken : die gehen bis ans Mark . Eine volle , üppige Rose , dornenbewehrt , das erträgt sich am besten . Und für das Studium reicht ' s. Unsere alten Helden nahmen ein blankes Schwert mit aufs Minnelager : ein Stock , oder eine Peitsche thut ' s auch - - - Unsere Liebesproblemdichter , die auf kaltem Verstandeswege arbeiten , kommen mir vor wie Prostituierte , die sich dem Liebesakte gewerbsmäßig hingeben , ohne jedwede Innigkeit der Empfindung , die bei der Umarmung nur den materiellen Gewinn fühlen , der in ihr Portemonnaie fällt , oder die stupide Befriedigung einer tierischen Laune , in welche höchstens die schamlos kühle Beobachtung und Vergleichung des gegenwärtigen Falles mit vorausgegangenen einen Zug entmenscht menschlicher Besinnung bringt . Diese sogenannten keuschen Dichter mit ihrer ausgeklügelten Liebesschilderei und Schleierweberei und Andeuterei sind die eigentlich unkeuschen Dichter ; sie leisten bei aller anscheinenden Wohlanständigkeit ihrer Darstellung der allzeit regen und aufgestachelten Phantasie ihrer Leser die schmutzigsten Kupplerdienste . Natürlich wissen sie sich sehr gescheidt damit zu decken , daß sie bei aller halbverhüllten Brünstelei und Liebesstöhnerei die legitime Regulierung des Liebestriebes zu fördern vorgeben . Nachdem sie ihr Liebespärchen und mit ihm den Leser und besonders die Leserin mit heißen Blicken , Küssen und anderen noch in den Rahmen der konventionellen Sittlichkeit fallenden Betastungen und Entblößungen weit genug gebracht haben , dann legen sie den Finger an den Mund , ziehen den Vorhang zu und pantomimen als echte Komödianten der Feigenblattmoral : So , meine Lieben , jetzt seht euch nach einem legitimen Strohsack oder , wenn ' s die Mittel erlauben , nach einem schwellenden Himmelbett um , und laßt den Herrn Standesbeamten oder den hochwürdigen Herrn Pfarrer rufen - und damit ist alles in schönster Ordnung , das sonst Zuchtloseste und Verfehmteste ist dann eitel Zucht und Sitte . Form ist alles . Legitimität und Justemilieu ! Und die gute , gedrillte Kulturmenschheit weiß sich nichts Erhabeneres in ihren Gedichten , Bildern , Romanen und Theaterstücken , als diese ewigen Liebes-Legitimitäts-Aufschneidereien abzuorgeln und - - - in Wirklichkeit doch alles hinterrücks so geschehen zu lassen , wie ' s der alten und ewig jungen Natur gefällt . Nein , mein Freund , mit solchem Zeug wollen wir nichts zu thun haben . Das ist den Tropfen Tinte nicht wert , mit dem man ' s niederschreibt . Herzblut und Wahrheit ! - - Haben Sie schon einmal gründlich erfahren , was Liebe ist - himmlische und irdische Liebe , wie sie unsere ästhetisch-sittlichen Spaltpilz-Spalter so weise und klug unterscheiden ? Haben Sie ... Ich verstehe Ihr Schweigen zu würdigen , junger Freund . Es ist kräftiger , als ein lautes Ja . Aber wollen Sie wirklich nicht Platz nehmen ? Ich spreche leichter , wenn ich Sie gut aufgehoben weiß . Ziehen Sie sich wenigstens den Schaukelstuhl ans Fenster ; sitzend hört man nicht nur bequemer , sondern auch besser . Und Sie sind noch müde und nervös von gestern und haben einen Tag voll Arbeit vor sich . Rücken Sie mir das Rauchtischchen näher , bitte ! So - Sie lieber Mensch . « Schlichting hatte sich im Schaukelstuhl am Fenster niedergelassen . Er wandte sein bleiches Gesicht dem Sprecher zu , dessen ruhendes Längenbild sich ihm in phantastischer Verkürzung zeigte , im Nebel des Zigarrettendampfes : zunächst die schimmernde Glatze eines fast kreisrunden Schädeldaches , dann den seinen Nasenrücken , dann die rote Fläche des Schlafrocks auf dem weißen Fell dann zwei gelblederne Pantoffelspitzen . » Es ist schade , Herr Schlichting , daß Sie nicht rauchen , und es ist zugleich ein Gewinn denn das Rauchen - ich denke dabei nur an die Zigarrette , nicht an den derben Glimmstengel , noch an die klobige Pfeife - ist eins der wenigen wahrhaftigen Vergnügen , die uns das erbärmliche Leben bietet und welches sich auch der Weise gestatten darf ; es ist leider aber auch eine Verführung zu erschlaffender Träumerei nicht allein , sondern auch zum Übermaß des Genusses . In letzter Hinsicht bin ich selbst ein abschreckendes Beispiel . Ich rauche viel zu viel , entsetzlich viel . Meine Stube ist ein blaues Wolkenheim , nicht wahr ? Und Sie leiden gewiß darunter ? Armer Freund , öffnen Sie nur ganz das Fenster .