, auf welche der Fuß der schönen Heloise treten sollte . Um vier Uhr kam auch der Herr Landrat vom Amte heim . Er hatte nebenan sein Arbeitszimmer . Eine Zeitlang hörte man drüben Leute kommen und gehen ; der Amtsdiener brachte Aktenbündel , ein Gendarm machte eine Meldung , auch bittende Stimmen wurden laut , und Margarete mußte denken , wie doch die tiefe , behütete Stille in den oberen Regionen des alten Kaufmannshauses völlig verscheucht sei durch Bewohner , die den Namen Lamprecht nicht führten . Das hätten sich die alten Kaufherren auch nicht träumen lassen ! Es war immer ihr Stolz gewesen , das mächtige Vorderhaus allein zu bewohnen und das obere Stockwerk lieber leer stehen zu lassen , auf daß kein fremder Fuß das Recht habe , ihre schöne , breite Treppe auf und ab zu wandern und profanen Lärm zu machen . Trotz des Sturmes , ja , gerade in einem Moment , wo die Fenster unter heftigen Windstößen klirrten , wurde auch ein reizend arrangierter Korb voll köstlichen Tafelobstes aus dem Prinzenhof gebracht . Der Frau Amtsrätin zitterten die Hände vor Freude über die Aufmerksamkeit . Sie breitete schleunigst ein verhüllendes Tuch über den Weihnachtsteppich und rief den Sohn herüber , nachdem sie den Boten mit einem reichen Trinkgeld entlassen . Der Landrat blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen , als sei er betroffen , noch jemand außer seiner Mutter im Zimmer zu finden ; dann kam er näher und grüßte nach dem Fenster hin , an welchem Margarete saß . » Guten Tag , Onkel ! « erwiderte sie seinen Gruß freundlich gleichmütig und stickte an dem Teppichende weiter , das unter dem Tuch hervorsah . Er zog flüchtig die Brauen zusammen und warf einen zerstreuten Blick auf den Obstkorb , den ihm seine Mutter entgegenhielt . » Seltsame Idee , bei solchem Wetter einen Boten in die Stadt zu jagen ! « sagte er . » Das hatte doch Zeit - « » Nein , Herbert ! « unterbrach ihn die Frau Amtsrätin . » Das Obst ist frisch gepflückt und sollte seinen Duftanhauch nicht verlieren . Und dann - du weißt ja , daß man draußen nicht gern einige Tage vergehen läßt , ohne daß gegenseitig Lebenszeichen ausgetauscht werden ... Welch köstlicher Duft ! - Ich werde dir gleich einen Teller voll Birnen und Trauben arrangieren und hinüberstellen - « » Danke schön , liebe Mama ! Freue dich nur selbst daran . Ich erhebe keinen Anspruch - die Aufmerksamkeit gilt einzig und allein dir . « Damit ging er wieder hinüber . » Er ist empfindlich , weil das Liebeszeichen nicht direkt an ihn selbst adressiert war , « flüsterte die Frau Amtsrätin der Enkelin ins Ohr , während sie nach ihrer Brille griff und die Arbeit wieder aufnahm . » Mein Gott , noch kann und darf ja Heloise nicht in der Weise vorgehen ! Er ist so scheuverschlossen , so unbegreiflich wenig selbstbewußt und scheint fast zu hoffen , daß sie zuerst das entscheidende Wort herbeiführen soll . Dabei ist er furchtbar eifersüchtig , selbst auf mich , auf seine selbstlose Mama , wie du eben gesehen hast ... Ja , Kind , darin wirst du nun auch deine Erfahrungen machen ! « setzte sie laut in neckendem Tone hinzu und war damit wieder bei dem Thema angelangt , das der Bote vorhin unterbrochen . Sie versuchte die Fensternische zum Beichtstuhl zu machen - es handelte sich um das Schreiben des Herrn von Billingen-Wackewitz . Margarete hatte das Papier gestern abend noch verbrannt , und die ablehnende Antwort war bereits unterwegs , darüber entschlüpfte ihr aber kein Wort . Sie antwortete diplomatisch einsilbig und war innerlich empört , daß die alte Dame den Namen des Zurückgewiesenen einigemal so laut und ungeniert nannte , als gehöre er bereits zur Familie . Es verletzte sie um so mehr , als die Thüre des Nebenzimmers vorhin nicht fest genug geschlossen worden war ; der klaffende Spalt erweiterte sich zusehends , und wer drüben aus und ein ging , konnte jede dieser indiskreten Bemerkungen hören . Die Großmama hatte die Thüre freilich im Rücken und konnte nicht wissen , daß sie offen stehe , bis sie durch ein Geräusch drüben aufmerksam wurde und sich erstaunt umdrehte . » Wünschest du etwas , Herbert ? « rief sie hinüber . » Nein , Mama ! Erlaube nur , daß die Thüre ein wenig offen bleibt ; man hat mein Zimmer überheizt ! « Die Frau Amtsrätin lachte leise in sich hinein und schüttelte den Kopf . » Er denkt , wir sprechen von Heloise , und das ist selbstverständlich Musik für sein Ohr , « raunte sie der Enkelin zu und sprach sofort vom Prinzenhof und seinen Bewohnern . Nicht lange mehr , da fing es an zu dämmern . Die Arbeit wurde zusammengerollt und weggelegt , und damit waren auch die überschwenglichen Schilderungen der Großmama zu Ende . Margarete atmete auf und verabschiedete sich schleunigst . Sie brauchte auch nicht einmal in das Nebenzimmer zu grüßen , die Thüre war längst wieder leise von innen zugedrückt worden . Im Treppenhause fing sich der Zugwind - kein Wunder ! - in der Bel-Etage stand ein Flügel des großen nach dem Hofe gehenden Fensters offen , und der Sturm , der von Norden her über das Dach des Packhauses kam , schnob direkt herein und zog wie Orgelton an den hallenden Wänden hin . Beim Herabkommen sah Margarete ihren Vater an dem Fenster stehen . Der Sturmwind fuhr ihm gegen die breite Brust und zerwühlte das volle Kraushaar auf seiner Stirn . » Willst du wohl heruntergehen ! « rief er heftig in das Tosen und Klingen hinaus und winkte mit dem Arm über den Hof hin . Die Tochter trat an seine Seite . Er schrak zusammen und wandte ihr hastig sein tieferregtes Gesicht zu . » Der Tollkopf dort will sich wahrscheinlich das Genick brechen ! « sagte er gepreßt und