, da kam das Heimweh nach der Heide mit aller Macht über mich ... Ilse war zwar noch da ; sie hatte sich einige Tage Urlaub zugegeben , um » einmal gründlich Ordnung in der Junggesellenwirtschaft meines Vaters zu machen « , und wohl auch , damit sie mich erst in dem neuen Boden ein wenig einwurzeln sähe . Allein das beschwichtigte mein unruhiges Herz nicht ; ich wußte ja doch , daß sie schließlich gehen und mich zurücklassen würde , und der Gedanke brachte mich stets in eine unbeschreibliche Aufregung . Im Vorderhause war man unsäglich gut gegen mich , aber ich haßte das dunkle , kalte Haus und betrat es nur gezwungen an Fräulein Fliedners oder Charlottens Hand . Zu einem Besuch aus eigenem Antrieb konnte ich mich nie entschließen . Dagegen zog es mich immer mehr in die Nähe meines Vaters . Auf seine zarte Zurechtweisung hin störte ich ihn freilich nicht mehr in der kräftigen Art und Weise wie neulich , wo ich unversehens meinen Arm um seinen Hals gelegt hatte - ich wagte es nicht einmal , wie meine Mutter , eine Blume auf sein Manuskript zu werfen ; aber seit ich Mut gefaßt , stand jeden Morgen eine Vase voll frischer Waldblumen auf seinem Schreibtisch , und im unhörbaren Vorüberhuschen ließ ich meine Hand scheu und leise über sein halbergrautes Haar hingleiten . Ich war gern in der Bibliothek , noch lieber aber in dem Saal » mit dem zerbrochenen Zeug « , wie Ilse beharrlich sagte . Alle diese stummen Gesichter gewannen allmählich Macht über mich und ließen mich manchmal sogar auf Augenblicke vergessen , daß droben im Norden die weite Heide lag , nach der meine ganze Seele fieberte . Aber ich wurde dort auch sehr oft verscheucht . Dagobert , der eine wahre Leidenschaft für Altertumskunde an den Tag legte und sich stolz den Famulus meines Vaters nannte , verweilte halbe Tage lang in Bibliothek und Antikenkabinett . Sobald ich ihn in die Bibliothek treten hörte , entfloh ich durch die entgegengesetzte Thür , rannte über Hals und Kopf die Treppe hinab , und dieser kindischen Angst und Scheu genügte oft nicht einmal der weite Raum zwischen Mansarde und Erdgeschoß - ich lief und lief , bis ich mich atemlos im Walde wiederfand . Dieses Stück Wald war köstlich in seiner scheinbaren Urwüchsigkeit . Die alten Herren Claudius hatten es angekauft und mit Mauern umzogen , nicht zur Nutzbarmachung für das Geschäft , sondern einzig und allein zu dem Zweck , daß sie ihren sonntäglichen Erholungsspaziergang , ungestört und unbehelligt durch fremde Gesichter , auf eigenem Grund und Boden ausführen konnten - der einzige Luxus , den sie sich gestattet ... Die heiße Sehnsucht nach dem schrankenlos weiten Himmel der Heide machte mich anfänglich eiskalt und verständnislos für die Waldschönheit . Meine Blicke richteten sich nie aufwärts - ein grüner Himmel , wie schrecklich ! - Desto zärtlicher aber hingen sie an den hellen Blüten , die mit scheuen , wilden Aeuglein aus Moos und Blattwerk und schattenfeuchtem Steingeröll hervorguckten - sie kamen mir so weltverschlagen und furchtsam vor , wie ich selber . So sorglos ich die Heide stets durchstreift hatte , so wenig Mut fand ich , tiefer in die anscheinende Wildnis einzudringen . Ich beschränkte mich auf die nahe Umgebung des Hauses , und mein liebster Aufenthalt wäre sicher das Ufergebüsch des Flusses geworden , denn da drinnen war es doch genau so wie daheim ; allein ich wurde schon am zweiten Tag meines Aufenthaltes in K. daraus vertrieben . Als Ilse den Brief auf die Post trug , begleitete ich sie bis an die Brücke . Unter dem zierlich geschwungenen eisernen Bogen hin floß das farblos klare Wasser so leise und lieblich murmelnd , wie der traute Heidefluß hinter dem Dierkhof . Ich schlüpfte in das Gebüsch - es waren Erlen und Weiden , und von draußen dämmerten weißglänzende Birkenstämme herein . Perlmuscheln lagen nicht auf dem Grund , wohl aber die kleinen glattgewaschenen Kiesel , und das seichte Ufer war mit Laichkräutern und weißblühenden Ranunkeln ausgekleidet . Ein zackiger , leuchtend blauer Fleck zitterte auf den Rieselwellchen - der hereinlauschende Sommerhimmel - alles , alles wie in dem kleinen Becken daheim ; ich warf die Fußbekleidung ab , und bald floß die blaugefärbte Flut um die Füße , die freilich zu meinem Verdruß in den wenigen Tagen strenger Inhaftierung schon weißer geworden waren . Es fiel mir wie Ketten von Leib und Seele und floß mit den Wellen dahin . Vor Vergnügen und Wonne lachte ich in mich hinein und stampfte wiederholt und übermütig das Wasser , so daß die blauen Tropfen hochauf spritzten . Da knisterte es im Gebüsch . - Spitz war ja so oft vom Dierkhof gekommen , hatte mich gesucht und war zu mir ins Wasser gesprungen . Er brach dann gewöhnlich quer durch das Buschwerk , und jetzt fühlte ich mich so ganz in die Umgebung der Heimat versetzt , daß ich bei jenem Knistern den lieben täppischen Gefährten zu hören glaubte . Laut rief ich seinen Namen - ach , ich hatte mich schön blamiert mit meiner Illusion - es kam selbstverständlich kein Spitz ; an der Stelle aber , wo ich das Geräusch gehört hatte , bewegten sich die Weidenzweige durcheinander , und ein hellbekleideter Männerarm zog sich hastig zurück . Mit einem Satze flüchtete ich an das Ufer ; ich hätte weinen mögen vor Aerger . Gleich in den ersten Stunden der bildenden zwei Jahre war ich rückfällig geworden ; Dagobert hatte die Eidechse bereits wieder barfuß gesehen - nun wurde gelacht und gespottet im Vorderhause ... Aber er war ja dunkel gekleidet gewesen , als ich ihn vor kaum einer Stunde zu meinem Vater hatte gehen sehen , und dann - hatte nicht ein heller Blitz aus dem Gebüsch herübergezuckt ? Das Blitzen hatte ich heute schon einmal gesehen , und zwar am Kontorschreibtisch , es kam von dem Ring an Herrn Claudius ' Hand ... Ich