, so atmet nur der Glückliche . Sie tänzelte über Rosen und sah die Sünde nicht , die sie umrauschte , nicht den Tod , der im Hintergrunde lauerte . Und nun saß ich oben in der Laube . Fragt mich nicht , was mich hinaufgetrieben hatte , oder wieviel Stunden es mich dort gebannt . Ich hatte kein Maß für die Zeit , hatte keine bewußte Vorstellung . Alles lag mir in Dumpfheit und Nebel . Der erste Schimmer dämmerte im Osten ; zu meinen Füßen sah ich einen blauen Streifen . » Dorothees Haarband vom Frühlingsfeste , « murmelte ich , hob es auf und wickelte es mechanisch um einen Finger . Dann wieder hörte ich das Pförtchen gehen und hastige Männertritte . Ich rührte mich nicht . Sie kamen näher und näher . » Hardine ! « rief es am Eingang der Laube . Ich saß noch immer wie gelähmt . Er war im Reisekleid und schattenbleich . Doch blickte er mir fest ins Auge und nahm ruhig das Band aus meiner Hand . Hatte er das gesucht ; ein erstes Andenken und ein letztes ? Hatte er von oben mich in der Laube erkannt ? » Sie wissen alles , « sagte er , » und das ist gut . Nun scheide ich ruhig . Kehre ich zurück , ich schwöre es bei Gott ! wird sie die Meine . Bleibe ich , dann hat sie nur Sie , Hardine - aber Sie ! - « Das Rollen eines Wagens auf dem Plateau drang durch die Stille . Er warf noch einen Blick nach der Luke , an welcher ich in der Nacht gelauscht hatte . Eine Träne glitt über seine Wange und tropfte auf meine Hand , die er in der seinen gefaßt hielt . » Schütze das arglose Kind , schütze mein Weib , mein geliebtes Weib . Schütze es für mich , um meinetwillen , Schwester Hardine ! « flüsterte er , drückte mich an seine Brust - und ich war wieder allein . Wenige Minuten und ein Posthorn schmetterte . Der letzte Laut verlor sich nach Westen hin . Gen Morgen stieg die Sonne in die Höhe : heute nicht wie damals in Reckenburg mir ein Gottesauge : ein leuchtender Ball , der über Verzweiflung und Wonne , Verrat und Liebe mechanisch dahingleitet , klar und seelenlos . Auf dem Platze , wo ich saß , hatte vor zwei Jahren ein Freund um die Gespielin meiner Kindheit geworben und mich als Bürgin für die Treue seines verlobten Weibes angerufen . Auf dem nämlichen Platze , der den Treuspruch gehört , war die Treue gebrochen worden und hatte heute ein anderer Freund , der heimlich die Lust meiner eigenen Seele war , mir das treulose Weib als Schwester an das Herz gelegt . Es gibt Verhängnisse , die gesetzmäßig aus unserem Sein erwachsen und doch jeder gesetzmäßigen Lösung zu spotten scheinen . Das Rad des Schicksals rollt hinweg über unseren Stümperwillen und in der entscheidenden Stunde ist es nicht die Leuchte aller Tage , es ist ein Funken aus unerforschten Tiefen , der - sei es zur Zerstörung , sei es zur Erfüllung - uns die Richtung gibt . Und einem solchen Verhängnis gegenüber wurde ich in dieser Stunde gestellt . Siebentes Kapitel Der Tag von Valmy Unsere Frühstücksstunde schlug . So lange hatte ich in fruchtlosem Wühlen in der Laube gesessen . Nun stieg ich hinunter . Die Eltern wußten bereits um die Abreise des Prinzen . Das langgehegte Geheimnis hatte sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt verbreitet . » Er ist auf guten Wegen ; Gott geleit ihn ! « rief der Vater und drückte meine Hand . Die Mutter aber sagte : » Du siehst blaß und erkältet aus , liebe Tochter . Geh und ruhe ein paar Stunden . « Aber ich durfte nicht ruhen ; ich mußte Dorothee vorbereiten , die der Kraft und des Mutes mehr bedürfen würde als ich selbst . Ich kam zu spät . Schon auf der Treppe vernahm ich ihr angstvolles Stöhnen . Aus blauem Himmel hatte sie der Blitz getroffen . Sie lag am Boden in ihren Tageskleidern . Die Arme , quer über dem Bette ausgestreckt , zuckten konvulsivisch , die Augen starrten nach der Tür , ohne daß sie die Eintretende bemerkten . » Fort , fort ! « war der einzige Laut , der sich der hastig arbeitenden Brust entrang . Ich hob sie auf das Bett und setzte mich an ihre Seite . Der Krampf währte eine Weile ; endlich bemerkte sie mich und winkte leidenschaftlich , daß ich mich entferne . » Du bist krank , Dorothee , « sagte ich . » Ich werde den Arzt rufen lassen . « Das Wort brachte sie außer sich . » Nein , nein ! « schrie sie auf . » Keinen Arzt ! Ich bin gesund . Oh , nur allein , ganz allein ! « Ich zog die Bettvorhänge zusammen und tat , als ob ich mich entferne , setzte mich aber verborgen in den Hintergrund . Allmählich wurde sie ruhiger ; ein Tränenstrom machte ihr Luft ; ich hörte sie schluchzen , endlich nur noch leise wimmern und seufzen . Nach einer Stunde etwa richtete sie sich auf , strich den verschobenen Anzug zurecht , trocknete ihre Augen und blickte sich scheu im Zimmer rundum . Als sie meiner gewahr ward , überflog sie von neuem ein Schauder . » Gehen Sie , Fräulein Hardine , « flehte sie . » Um Gottes Barmherzigkeit willen , lassen Sie mich allein ! « Ich entfernte mich nun wirklich ; aber von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick in das Nachbarzimmer . Dorothee saß weinend und händeringend auf ihrem Bett . Sie sprach kein Wort , aber sie war gesund . Wochen gingen hin in mechanischem Tageslauf . Langsam brachten die Zeitungen , rascher von Zeit zu Zeit ein durchreisender Kurier Kunde über den zögernden Vormarsch