, daß es nicht anders ging . Du bist immer mein Trost gewesen , nun mußt du es auch jetzt sein . Ich habe ein so groß gewaltig Verlangen nach dir gehabt . « » O Mutter , liebe Mutter « , rief Hans Unwirrsch , » sprich nicht so , als sei an meinem Glück und Wohlergehen mehr gelegen als an dem deinigen . O wenn du wüßtest , wie gern ich alles , was ich durch meine Arbeit in der Fremde errungen habe , hergeben würde , wenn ich dir dadurch nur den kleinsten Teil deiner Schmerzen verscheuchen könnte ! Aber es wird auch besser werden , bald wirst du wieder gesund sein . O Mutter , du weißt nicht , wie nötig ich dich habe ; keine Weisheit , die auf Erden gelehrt werden kann , kann das uns geben , was uns ein Wort und ein Blick der Mutter gibt . « » Sieh , sieh den Jungen « , rief Frau Christine . » Will er über die alte Waschfrau lachen . Solch ein gelehrter Herr ? ! Aber es ist schon gut ; - Hans , Hans , weißt du wohl , daß du deinem seligen Vater immer ähnlicher wirst ? Der konnte sich auch so haben , wenn sich die Sonne einmal ein bißchen hinter der Wolke verkroch . Er war auch so ' n Gelehrter , wenn er auch nicht studiert hatte , und ich habe mich oft über den Mann wundern müssen . Den einen Tag war er so hoch in den Lüften wie ' ne Lerche , und am andern Tag kroch er auf der Erde wie die Schnecke . Wirst auch schon wieder ins Blaue aufsteigen , Hans , sorge dich nur nicht um mich ; ich hab dem lieben Herrgott nichts vorzuwerfen , er hat ' s wohl mit mir gemacht , ein glückselig Leben hat er mir gegeben , und was er mir jetzt auferlegt , nun dazu kann er nichts ; das ist am Ende jedem bestimmt , und es wird wohl niemand darum wegkommen . « Hans fühlte sich sehr gedemütigt am Lager dieser armen , einfältigen Frau , die so große Qualen erdulden mußte und welche doch so heldenmäßig sprechen und trösten konnte . Wenn auch der Schmerz um den drohenden Verlust heftiger wurde , so verflog doch die schwächliche Mißstimmung der vorigen Tage . Er fühlte sich wieder sicher auf seinen Füßen , das echte , wirkliche Leid gab ihm die geistige Haltung wieder ; in seinem Beruf schied er das Wahre , den Inhalt von dem Nebensächlichen und trug ihn zum erstenmal wirklich in das Leben über . Diese schweren Tage wirkten bedeutender auf ihn ein als alle jene Tage , die er in den Hörsälen oder über seinen Büchern im halb unfruchtbaren Studium verbracht hatte . Aus dem Zauberbann schmeichlerischer , entnervender Phantasien und stumpfen , dumpfen Grübelns trat er jetzt zuerst in das wahre Leben ; er verlor den Hunger nach dem Idealen , dem Überirdischen , nicht , aber dazu gesellte sich nunmehr der Hunger nach dem Wirklichen , und die Verschmelzung von beiden , die in so feierlichen Stunden stattfand , mußte einen guten Guß geben . Neben dem Lager der sterbenden Mutter bereitete er seinen Arbeitstisch . Da saß er und schrieb , indem er zugleich den Schlummer der Kranken bewachte . Das Konsistorium hatte ihm die Examinationsaufgaben zugestellt , er begann dieselben mit einem Eifer , den er gänzlich in sich erloschen geglaubt hatte . Es war eine seltsame , traurig-glückliche Zeit . Welch ein Licht am Abend und in der Nacht die Glaskugel des Meisters Anton über den Tisch und durch das Gemach warf ! Niemals vorher und niemals nachher gab sie solchen Schein . In dem Glanz sah die Frau Christine ihr ganzes Leben wie in einem Zauberspiegel . Sie sah sich als Kind , als junges Mädchen und fühlte auch so . Die Eltern und der Eltern Eltern kamen und gingen : sie sah sie so deutlich und lebendig , wie nur die Base Schlotterbeck dieselben sehen konnte . An ihre Kinderspiele und alle ihre Freundinnen dachte die Frau Christine , und das Licht der Kugel war wie Mondenschein , Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oder wie der klare Mittag . Die kranke Frau hatte so vieles vergessen , und nun war es auf einmal wieder da , und nichts davon war verlorengegangen - man konnte sich wohl darüber verwundern . Die kranke Frau mußte oftmals die Augen schließen , weil die Gestalten und bunten Bilder in zu großer Fülle aus der fernen Zeit herüberschwebten ; - jetzt kam es ihr recht in den Sinn , wieviel , wie unendlich viel sie doch in ihrem Leben erlebt hatte . Da war ihr Anton , der wohl öfters geklagt hatte , daß er so still und so in der Dämmerung sitzen müsse und daß er gar nicht daran denken dürfe , wie so viele Menschen über Berg und Tal führen und über das weite Meer und wie man fremde Länder entdecke und wie soviel Gewimmel und Lärm in der Welt sei ; - die Frau Christine dachte dieser Klagen , wie sie auf ihrem Schmerzensbett lag , und nickte mit dem Kopf und schüttelte ihn und lächelte . Der närrische Anton , hatte er nicht Spektakel und Aufregung genug in seinem Leben ? Gab es darin nicht genug Hinundherrennen ? Da war zum Beispiel der Hochzeitstag , wo die Christine zum allerletztenmal als Mädchen tanzte und Anton so stattlich aussah in seinem Bräutigamsrock . War das nicht ein helles Leben , und war das nicht ein größer Ding , als über die See zu fahren nach den Affenländern ? Und was mußte man nicht erleben in der Franzosenzeit , als die Anna , welcher der Bruder Niklas sich beinahe versprochen hätte , mit den Husaren fortging . Das war Anno sechs , und es war doch merkwürdig , daran zu gedenken , welchen Kummer damals Anton