und Deinem liebenswürdigen Freund Stein in Verbindung bringen . Und was sagt Fräulein Helene ? Nichts ; Du kennst sie ja . Sie spricht nie von Familienangelegenheiten ; höchstens , daß sie einmal ihres alten Vaters erwähnt , den sie sehr zu lieben scheint . Sie ist still und ernst , aber nicht eigentlich traurig . Ich glaube , sie ist viel zu stolz , als daß sie wirklich traurig sein könnte . Wie das ? Trauer ist eine passive Stimmung , die Stimmung Jemandes , der einsieht , daß er gegen das Geschick nicht ankämpfen kann und sich wohl oder übel zum Dulden bequemt . Es giebt aber Charaktere , die sich wehren , so lange es geht , und wenn es nicht mehr geht , nicht die Waffen in demüthiger Ergebung strecken , sondern sie zerbrechen und dem Sieger trotzig vor die Füße werfen . Sophie schmiegte sich inniger an den Geliebten und sagte nach einer Pause : Ich gehöre nicht zu den Charakteren , Franz . Ich bin nicht zu stolz , um traurig zu sein ; ich bin in dieser letzten Zeit oft recht traurig gewesen . Ich war es schon , als Du mit Herrn Stein abgereist warst , trotzdem ich doch damals eigentlich gar keine Ursache dazu hatte . Und nun gar neulich , als Vater krank wurde und ich an seinem Bette saß und meine größte Angst nächst der , Vater könnte sterben , die war , daß Du meinen Brief nicht erhalten hättest , und Dich immer weiter und weiter von mir entferntest , während mein Herz vor Sehnsucht nach Dir fast zerbrach . Du bist doch , ehe Du mich abholtest , noch einmal da gewesen ? Natürlich . Es geht besser . Ich bat ihn , sich wieder niederzulegen ; aber er bestand darauf , bis zu unserer Zurückkunft aufzubleiben . Und ich habe so viel Zeit verplaudert ! Laß uns schneller gehen ! Es kommt nun auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an ; und überdies möchte ich gern definitiv mit Dir über unsere Zukunft sprechen . Wir müssen endlich einmal aus diesem Provisorium heraus , das weder Gott - ich meine der Natur - noch den Menschen angenehm ist und mit jedem Tage lästiger wird . Ein unverheiratheter Mann ist ein Fisch ; aber ein Bräutigam ist weder Fisch noch Fleisch . Wenn zwei Menschen durch die Liebe Mann und Weib sind in ihrem eigenen Herzen und Gewissen , so sollen sie es auch vor den Menschen sein , können anders die äußeren Bedingungen der Ehe erfüllt werden . Das ist aber bei uns der Fall . Wir haben genug zum Leben und mehr brauchen wir vorläufig nicht ; das Andere findet sich . Summa Summarum : Wollen wir unsere Hochzeit auf heute über vier Wochen festsetzen ? Aber Franz , ich bin noch nicht zur Hälfte mit meiner Aussteuer fertig ! So heirathen wir mit der halben Aussteuer . Und was wird der Vater dazu sagen ; Du weißt , wie unsäglich schwer es ihm wird , mich von sich zu lassen ; und soll ich gerade jetzt dies Opfer von ihm fordern , wo er meiner mehr als je bedarf ? Ich habe nicht den Muth , ihm den Vorschlag zu machen . Aber ich habe ihn ; Dein Vater weiß , daß ich nicht weniger aufrichtig , als er selbst , Dein Bestes will ; und er ist viel zu verständig , um nicht einzusehen , daß es so bei weitem am Besten ist . Komm , mein Mädchen , lasse den Kopf nicht hängen . Heute über vier Wochen sind wir Mann und Frau . Ach , Franz , ich wollte , wir wären es erst . Aber ich fürchte , ich fürchte ; Der Himmel meint es nicht so gut mit uns ! Warum nicht ? er meint es gut mit Allen , die den Muth haben , ihr Glück zu wollen . Denn , wie sagt der Dichter : In unsrer Brust sind unsres Schicksals Sterne . Die Eile , zu welcher Franz drängte , hatte in der Krankheit von Sophie ' s Vater einen sehr triftigen Grund . Franz wußte als Arzt am besten , daß das Leben des vortrefflichen Mannes nur noch an einem schwachen Faden hing . Er hatte sich von dem Schlaganfall , der ihn vor nun ungefähr vierzehn Tagen betroffen , allerdings sehr schnell erholt ; aber mehrere böse Symptome verkündeten , daß ein zweiter und dann , bei der nervösen , überaus fein organisirten Natur des Mannes , vielleicht tödtlicher Anfall möglich , ja sogar wahrscheinlich sei . Starb aber der Vater , bevor die Verbindung zwischen seiner Tochter und Franz zu Stande gekommen war , so wäre das arme Mädchen , dessen Mutter schon lange in der Erde ruhte und das weder Geschwister noch sonstige Verwandte hatte , in eine sehr kritische Lage gekommen . Denn , daß unter diesen Umständen das Haus des Mannes , den sie liebte , ihre einzige Heimath sei , würde die Welt nicht haben begreifen können . Heute zum ersten Male war der Geheimrath auf ein paar Stunden wieder aufgestanden und hatte sich in einem Lehnstuhle aus seinem Schlafzimmer vor den Kamin des Wohnzimmers rollen lassen . Er hatte darauf bestanden , daß seine Tochter , die seit dem Beginn seiner Krankheit sein Lager kaum verlassen hatte , in ihr Kränzchen ging ; er hatte seinen Schwiegersohn , der interimistisch seine Praxis übernommen hatte und der gegen Abend ihn zu besuchen kam , nach wenigen Minuten wieder weggeschickt : er wollte allein sein ; er wollte die erste Stunde , wo er den fürchterlichen Druck auf seinem Gehirn geringer fühlte , zum Nachdenken über seine Situation benutzen . Er würde eine so schädliche Aufregung freilich als Arzt einem Patienten streng verboten haben ; aber jetzt war er Arzt und Kranker zugleich und konnte an sich selbst erfahren , daß der Arzt gar Manches fordern kann , was