dicht am Boden klebte sie und erging sich zwischen dem Gebüsch der Gartenecke , die in der Tiefe vom Giebel des Nikolaiklosters aus zu erblicken war . Wie schon gesagt , der Jüngling hatte ein gutes Auge aus dem Walde in die Stadt mitgebracht , und es entging ihm keine Einzelheit des grünen , von der Sonne beschienenen Fleckchens . Da stand zwischen Holundergesträuch eine weibliche Bildsäule von weißem Marmor , welche mit beiden Händen eine Schale , aus der Schlinggewächse herabhingen , über das Haupt erhob . Im Schatten des Holunders , dicht neben der schönen Statue , stand eine zierliche Bank und davor ein ebenso zierliches Tischchen . Auf der Bank saß ein junges Mädchen , welches einen breitrandigen Strohhut neben sich gelegt hatte und in eifriger Arbeit sich über einen Stickrahmen neigte . Solange der Winterschnee die Dächer und den Gartenabschnitt deckte , hatte Robert Wolf nicht auf diesen Erdenfleck , der seine Aufmerksamkeit jetzt sosehr in Anspruch nahm , geachtet ; die Katzen , der Rauch , welcher aus den Schornsteinen aufstieg , hatten mehr Interesse für ihn gehabt als die paar kahlen Zweige und die mit Stroh umwickelte Puppe . Das hatte sich mit Eintritt der Tag- und Nachtgleiche geändert . Von seinem Lexikon aufblickend , sah Robert eines Tages da grüne Blätter und Blütenranken , wo kurz vorher nur ärmliches Gestrüpp zu erblicken war ; ein sonniges Rasenstück war unter dem Schnee verborgen gewesen , und aus der Strohhülle hatte sich das weiße Bild der Götterschenkin Hebe losgewunden . Über Nacht war der Frühling auch in das Steingewirr dieses Teiles der großen Stadt gekommen ; und am Morgen kam ein zierliches Fräulein , stand in einem Sonnenstrahl und gab einem Gärtner Anweisung , was nun weiter mit dem vom Frühling geübten Zauberwerk anzufangen sei . Der Jüngling am Fenster des Klostergiebels sah es stehen , achtete jedoch anfangs weniger auf das niedliche Kind als auf das grüne Gebüsch und die Baumwipfel , an welchen die Blüten sich öffneten . Jeden Fortschritt der Vegetation auf diesem winzigen Punkt inmitten der grauen Einöde beobachtete er , sozusagen , gierigen Auges . Es lag ein Trost darin , eine Art Bürgschaft dafür , daß die Welt doch noch nicht ganz zu Mauerwerk , Schornsteinen und Feueressenqualm geworden sei . Um die Gesichtszüge des jungen Mädchens , welches auf diesem sonnigen Fleckchen wandelte , mit bloßem Auge zu erkennen , war die Entfernung doch zu bedeutend . Eines Tages aber kam der Polizeischreiber sehr ärgerlich gestimmt von dem Polizeibüro nach Hause ; eine Dame , welche von einer Nachbarin in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt war und welche an der Menschheit verzweifelte , hatte auch den Protokollführer beinahe zur Verzweiflung gebracht . Er hielt während des Mittagsmahls seinem Zögling eine donnernde Philippika gegen die Weiber , zog zur Verdauung Göckingks Gedichte aus seiner Bibliothek und trug dem gleichgestimmten Robert den beherzigungswerten Vers : Jüngling , hüte dein Herz und dünke gegen die Schönheit Nie dich weise genug , nimmer dich stärker als sie - nebst polizeilich angehauchtem Kommentar daraus vor . An demselben Tage richtete Robert in Abwesenheit des alten Ulex eins der Fernröhre des Astronomen auf den Gartenfleck , die Marmorbildsäule , die Laube und die junge Dame und erkannte nun das Gesicht wieder , welches an jenem Abend , wo er , von dem Wagenrade niedergeworfen , auf der kalten nassen Erde lag , sich so erschreckt , lieblich und rührend zu ihm niedergebeugt hatte . Der Garten gehörte zum Hause des Bankiers Wienand , das kleine Fräulein unter den Holunderblüten war Helene Wienand . Wir wollen jetzt versuchen zu sagen , was und wie der junge Mensch in diesem neuen Frühling dachte und fühlte , wenn er das junge Mädchen im Grün neben der weißen Statue sitzen sah . Der ersten Überraschung folgte in der Brust des Jünglings ein gewisser Mißmut , eine Art von ärgerlichen , verbissenen Grolles ; denn fürs erste sah er noch das ganze Geschlecht in der Gestalt der einen verkörpert , durch welche er solchen Schmerz erduldet hatte und noch dulden mußte . Während dieses Zustandes mußte Ulex seine wahre Freude an dem Schüler haben . Mit brennendem Eifer vertiefte dieser sich in die Bücher und machte in jeder Hinsicht solche Fortschritte , daß der Alte gegen Fiebiger sein Lob nicht laut genug aussprechen konnte . Doch wer kann immerdar über die schwarzen Lettern , wenn sie auch noch soviel Weisheit und Poesie enthalten , sich beugen ? Stets von neuem fordert das Lebendige sein Recht über das Tote , und von dem Buche mußte das Auge des jungen Mannes sich doch zuletzt wieder erheben - zum Himmel , zu den Wolken , die der Südwind über die Dächer trieb . Über die Dächer selbst mußte es schweifen , bis es wieder auf dem grünen Fleck , den es meiden wollte , haftete . Hatte der Knabe die Stelle , welche er so unwillkürlich suchte , gefunden , so fuhr er wohl ärgerlich zusammen , schlug er mit verdoppelter Energie ein Blatt der Leiden des klugen Wanderers Odysseus , des Äneas und seiner Genossen oder eine Seite im Schiffskatalog um ; aber dasselbe Spiel wiederholte sich von neuem , in der nämlichen Viertelstunde , auf die nämliche Weise . Der Sternseher hatte recht , wenn er sich nun über die Unbeständigkeit der Stimmung seines Schülers wunderte ; er schob dieselbe aber auf irgendeine schwierige lateinische oder griechische Konstruktion und pflegte zu sagen : » Gemach , gemach , mein Sohn ; die ruhige Hand greift am sichersten . Woran liegt es denn ? « Errötend ließ der Jüngling den Greis in seinem Irrtum und wies irgendeine klassische Schwierigkeit auf , über welche nicht fortkommen zu können er behauptete . Der Sternseher konnte unmöglich wissen , was an der Sache war ; er erklärte , und zwar mit Vergnügen ; um keinen Preis hätte er die begonnene Unterweisung des Schützlings Friedrich Fiebigers wieder aufgeben mögen . Geraume Zeit dauerte der Kampf Roberts