noch am Mittag nicht . Am Abend traf er dann endlich ein . Er allein , ohne den Kammerherrn . Lucinde hörte das von den Alten , die beim Hofkehren ihn hatten aussteigen und vom Landrath , der ihn begleitete , Abschied nehmen sehen ... noch immer war er in seiner glänzenden Uniform . Jetzt drängte sie ' s , zu ihm zu eilen , und doch fürchtete sie sich , dem Entsetzlichen entgegenzutreten . Auch mußte sie nach dem Vorgefallenen , nach dem Beweise des höchsten Vertrauens , das er ihr geschenkt , glauben , er würde bald aus eigenem Antriebe entweder selbst kommen oder um sie schicken . Da es endlich dunkel wurde und sich niemand bei ihr sehen ließ , auch vom Doctor immer noch keine Kunde kam und nur erzählt wurde , am folgenden Morgen würde auf einem der nächsten Kirchhöfe , der zu einer kleinen evangelischen Gemeinde gehörte , der Deichgraf bestattet werden , und als dann auch Abends von dorther klagend und fast wimmernd zwei kleine Glöcklein aus dem Thale heraufklangen , hielt sie es so nicht länger aus . Sie wagte sich über den großen Weiher des Parkes , dessen gefiederte Bewohner schon längst die Stockwerke ihres Thurms bezogen hatten , hinaus , sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern . Wie erstaunte sie aber , als sie dasselbe Gefährt , in welchem vor zweimal vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen gewesen , an der hintern Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr , der Sohn des Deichgrafen wäre oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand dürfte sie stören ! Sie traute ihrem Ohre kaum . Jetzt sah sie jedenfalls die Bestätigung erst der Unschuld des Kronsyndikus überhaupt , dann aber auch wieder , aufs neue grübelnd und die Vorgänge vergleichend , die so nahe Verwandtschaft zwischen beiden . Von den Leuten erfuhr sie , daß die Aussichten auf Entdeckung des Mörders sich gemehrt hatten . Theils behauptete man , daß von einem Morde überhaupt nicht die Rede sein konnte , sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels . Hatte der Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezücktes Messer ( ein gezogener Hirschfänger , wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen ) so unglücklich gewesen , gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren , so drehte er sich noch einen Augenblick ein wenig um und » weg war er « , wie Kenner versicherten . Man erzählte , daß so die Jäger mit dem Nickfänger dem Todeskampfe eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen . Alle aber wußten , daß sich die Umstände , wie es hergegangen , immer mehr lichteten , seit man einem Fetzen Tuch , den sicher im Ringen das Opfer seinem Mörder vom Kleide gerissen , diese einstimmige Erklärung gab . Man wußte auch , daß der Tuchfetzen von Farbe grün gewesen . Allen stand freilich , ohne daß eine Silbe laut wurde , dabei der Kronsyndikus vor Augen , der so ängstlich vorgestern seinen grünen Jagdrock bis oben hin zugeknöpft gehabt hatte , allen war begreiflich , daß der Geruch , der sich so pestilenzialisch im Schlosse nach seiner Rückkehr aus der Gegend des Grundes her verbreitet hatte , nur von einem verbrannten Kleide herrühren konnte ... aber niemand verweilte dabei ersichtlich , die einzige Lisabeth ausgenommen , die wie sinnlos hin- und herrannte , seitdem Stephan Lengenich aus Lüdicke nicht wiederkam . Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste ... jeder glaubte , dort wäre Hülfe nöthig ... Lucinde bebte ... die Lisabeth suchte nach Fassung ... sie schickte einen Diener , um die Befehle des gnädigen Herrn zu holen . Nach wenig Augenblicken kam der Diener zurück ... Das Roß sollte ausgeschirrt werden ! Ausgeschirrt ? war nur ein Ton , den alle zugleich sprachen . Man zerstreute sich kopfschüttelnd . Auch Lucinde zog sich zurück , dem Vorpark zu . Wieder aber klingelte es ... Der Diener kam aufs neue und brachte die Nachricht , man hätte Licht verlangt und - zwei Flaschen Burgunder ! Jetzt wußte Lucinde nicht mehr , woran sich halten . Sie fragte nach dem Kammerherrn , von dem niemand etwas wußte , dann schwankte sie , da nach ihr nicht begehrt wurde und sie auch nicht wußte , wie sie in eine so geheime Zwiesprache eintreten sollte , ihrem Häuschen zu , jetzt sich selbst mit ihrer Jugend und Lebensunerfahrenheit bescheidend . Sie sagte sich , daß sie bei ihren Jahren alles das schon zu verstehen - » zu dumm « wäre . Im Pavillon war es düster und gespenstisch . Der Sturm tobte , Zweige brachen . Die Mitbewohner schliefen schon . Sie glaubte immer noch , man würde sie nun wol nach vorne rufen . Es geschah aber nicht . Es verging die zehnte Stunde . Endlich suchte sie fiebernd das Lager ... Das Leid der Prinzessin Ilse aus dem » Liederbuch von Heine « , in dem sie eine Weile gelesen , rauschte ihr noch lange im Ohr : Es bleiben todt die Todten , Und nur das Lebendige lebt ; Und ich bin schön und blühend , Mein lachendes Herze bebt . Und bebt mein Herz dort unten , So klingt mein krystallenes Schloß , Dort tanzen die Fräulein und Ritter Und jubelt der Knappentroß . Bilder wie vom Hause im einsamen Tannenwald , Bilder vom ledernen Großvaterstuhl und der am schnurrenden Spinnrad sitzenden Großmutter , Bilder vom wilden Jäger und seinem Liebchen , vom Mondschein , vom Galgen , von Gretchen in ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her , als die Lebensschicksale der alten Stammers und einer ihnen frühgestorbenen Tochter sich trotz der Dunkelheit , die für sie auf ihnen lag , gespenstisch einmischten . Der Refrain » Dort oben auf dem Schlosse « blieb sich immer gleich und dazu geigte der buckelige » junge « Stammer unter ihrem Fenster und wisperten die Alten nebenan