Welche Ungerechtigkeit aber ! Es ist wahr , die alten aristokratischen Regierungen haben es möglich gemacht , daß Grund und Boden bei den großen Ansprüchen des Fiscus an die Staatskräfte oft steuerfrei durchschlüpften und meist mit einem blauen Auge davonkamen . Es ist wahr , daß der Grund und Boden in den Katastern oft falsch veranschlagt ist . Allein diese relativen Vortheile sind im Preise von Grund und Boden schon mit angeschlagen , und wie ich jetzt zwei mal mehr Steuern geben soll , so vergißt man , daß ich das Gut nur in der Voraussetzung kaufte , daß es beim Alten bleiben sollte und nur einfach zu zahlen hätte . Ich kenne diese Streitfrage , bemerkte Dankmar ; aber ich weiß nicht , ob man es nicht darauf könnte ankommen lassen , einmal der Aristokratie des Grundbesitzes die nothwendigen Folgen ihrer alten Regierungsmethode fühlbar zu machen . Man spricht von der Nothwendigkeit des isolirten Reichthums . Ich kann sie in diesem Sinne nicht anerkennen . Die gefährlichste Aristokratie bleibt die des Blutes , wenn sie sich auf einen großen und möglichst ungehemmt verwalteten Grundbesitz stützt . So lange wir , aufrichtig gestanden , das Adelsinstitut behalten , seh ' ich kein Heil für die Menschheit . Der Adel ist hier und da zuweilen liberal aufgetreten und hat sich dem Volke angeschlossen ; aber wie selten diese Ausnahmen ! Ich anerkenne den Unterschied der Menschen , den die verschiedenen Stufen der Bildung und auch des Besitzes mitsichbringen , aber einen durch die Geburt , durch Namen , durch Ahnen begründeten Unterschied sollte die Aufklärung nicht mehr dulden . Ich theile Ihre Ansicht in gewissem Sinne , erwiderte der Fremde . Nicht daß ich den Adel ausrotten will ; denn ich halte Das für unmöglich ; ich halte die Umwandelung eines berühmten Geschlechts in eine einfache bürgerliche Familie höchstens für eine komische Episode der Geschichte , die nur auf kurze Zeit möglich ist . Aber man soll erstens die Überwucherung des Adels beschneiden durch das Erstgeburtsrecht und zweitens den Nachwuchs des Adels edler anpflanzen als es unsere Fürsten thun . Den Adel für Geld ertheilen oder für höchst zweifelhafte bureaukratische Verdienste , Das ist eine tägliche Herabsetzung desselben Instituts , auf das sich doch die feudale Monarchie so gern stützen möchte . Der Adel an sich kann nicht verdächtig sein . Man verdächtigt ihn nur dem Volke durch die Art , wie man neuen Adel macht . In jedem Wald und jeder guten Waldhutung herrscht ein natürliches System des Nachwuchses ; nur beim Adel hat man dieses Nachwuchssystem nie beobachtet und deshalb sank die Achtung vor demselben . Das ist eben das Wort , das ich verbannen möchte , rief Dankmar ; Achtung des Adels ! Wozu eine Kaste von Menschen , die sich eines Vorrechts vor Andern berühmt ! Der Staat schafft die Vorrechte vor dem Gesetz ab . Das ist wahr . Der Bürgerliche kann alle Rechte genießen wie der Adelige . So heißt es in den Gesetzbüchern ! Und doch bleibt diese sonderbare geheime Verbindung unter den Adeligen . Es bleibt dieser geschlossene Bund , der sich immer wieder mit seinen Maximen hervordrängt , wenn ihn auch noch soviel Revolutionen zurückgeworfen haben . Sie wollen den Adel vermindern durch englisches Erstgeburtsrecht und besser anpflanzen durch Adelserhebungen wahrscheinlich an einen tapfern Krieger , einen geschickten Arbeiter , einen glücklichen Erfinder . Aber die Nachkommen der Letztern werden ebenso Aristokraten werden , wie es die Nachkommen der weiland zu Rittern geschlagenen Knappen und Kaufleute wurden . Es ist eben ein Institut , das ewig auf die Vegetation der Freiheit wie Mehlthau sich ansetzen und sie verderben wird . Die Französische Revolution hat den Adel abgeschafft , sagte der Gefährte , und er ist wiedergekommen . Napoleon hat ihn noch mit seinen geadelten Corporalen vermehrt , und die jetzigen Börsenmäkler ließen sich mit Freuden adeln , wenn sie nicht fürchteten , sich lächerlich zu machen .... O , so wünscht ' ich , wallte Dankmar halb zornig halb lachend auf : daß einmal eine kleine Sündflut käme und dieses närrische Menschengeschlecht wenigstens partiell verschlänge ! Es ist nichts mit ihm anzufangen . Das Gespräch ging jetzt über leichte Dinge hin und weckte Hackert endlich aus der Betäubung , in die er so plötzlich verfallen war . Jetzt erst schien er sich zu besinnen , daß er wieder als Kutscher galt . Er wurde über diese unwillkommene Entdeckung unruhig , blickte bald zur Seite , bald hinterwärts , maß den Fremden bald mit einem wüthenden Blick , bald begann er etwas an dem Riemzeug und der Peitsche zu bändeln und zu knüpfen , bis er plötzlich ganz still hielt . Auf ein starkes Nun ? das ihm Dankmar zurief , hieb er zwar wieder gewaltig auf das ermüdete Thier , dem die allmälige Annäherung an Hohenberg ebenso noththat , wie dem immer unruhiger und gereizter werdenden Dankmar , aber Dieser wußte nun in der That nicht mehr , wessen er sich noch Alles von Hackert zu versehen und worauf er sich zu rüsten hatte ...... Es war schon vier Uhr . Die Sonne lachte wieder freudig vom Himmel . Alle Wolken hatten ihn verlassen . Das schönste Ultramarin erquickte das Auge , wenn man empor , das lachendste Grün der Wiesen und Büsche , wenn man zur Seite blickte . Die Gegend wurde immer reizender . Nach jeder Anhöhe , die das müde Roß erklimmte , öffnete sich ein immer lieblicheres Thal . Die Vegetation , statt gebirgig zu werden , wurde eher südlicher . Kastanien- , Ahorn- und Nußbäume standen auf kleinen Anhöhen am Wege neben Kirchen und Pachthöfen . Der weiße Flieder , der sich traulich an Ställe und Scheunen schmiegte und jeder verfallenen Mauer einen malerischen Reiz verlieh , konnte wol den Fremden bewegen , auszurufen : Wie erinnern mich diese weißblühenden Gebüsche an das südliche Frankreich , wo es freilich der Feigenbaum ist , der mit seinen großen Blättern , seinen labyrinthischen Ranken und den versteckten grünen Früchten