man nicht mehr frägt : Was ist recht vor Gott und macht das Herz nicht schwer , wenn es noch heute gestorben sein muß ? , sondern : Wie komme ich am weitesten und was trägt mir am meisten ein ? Das ist ein so gewöhnlicher , gemeiner Standpunkt und es stehen so viele Menschen darauf , daß man es nicht einmal merkt , auf was man steht und wer darauf steht . Vreneli stund aber nicht auf diesem Standpunkte . Ehrlich währe am längsten , daran glaubte es , und für unehrlich hielt es , was man nicht gern hatte , daß es einem in Handel und Wandel angetan würde . Es sah zu seiner Sache , nahm gerne einen guten Preis dafür , über , vorteilte jedoch niemand , hing niemand was Schlechtes für was Gutes an . Es hatte die ganz sichere Ansicht , daß bei der Ehrlichkeit der größte Vorteil sei . Betrüge ich jemand , so hütet sich der vor mir und sagt es noch Andern . Gebe ich ihm die Sache recht und gut , so kömmt er wieder und sagt es Andern . So habe ich guten Absatz und gerne gibt man mir , was ich fordere . Ich möchte mir nicht nachreden lassen , daß ich jemand verkürzt hätte , sei es Reich oder Arm , so kalkulierte Vreneli . Uli im Nebel seines Treibens verlor die Fassungskraft für diese Grundsätze , sein Gesichtskreis zog sich zusammen , er begann dafür zu halten , daß ein Spatz in der Hand besser sei als eine Taube auf dem Dache , daß man nicht einen Kreuzer nach einem Taler werfen solle , indem man leicht um beides kommen könne , daß jeder heute machen müsse , was er könne , dieweil er nicht wisse , ob morgen noch ein Tag für ihn sei . Das ist die kurzsichtige Politik kurzsichtiger Menschen , welche nie an die Folgen denkt , eine Politik , an welcher so unendlich Viele verarmen an Leib und Seele , eine Politik , welche jedoch durchaus nicht zu verwechseln ist mit dem Ausspruch des Herrn : Sorget nicht für den morgigen Tag ! Es ist genug , daß jeder Tag seine eigene Plage habe . Der führt uns bloß zu Gemüte , daß wir uns nicht kümmern sollen um das , woran wir nichts machen können , was aus Gottes Hand alleine kommt , daß wir trachten sollen nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit , also darum uns kümmern sollen , das Rechte zu tun , in allen Dingen den Willen Gottes zu vollbringen wie die Engel im Himmel , daß zu uns komme sein Reich , daß geheiligt werde sein Name . Es schien Vreneli , als ob es kalt werde um ihns . Es war ihm , wie es dem Frühling sein muß , wenn er , in der Liebe der Sonne aufgeblüht , allmählich abnehmen fühlt der Liebe Wärme , kalte Winde um ihn wehen , eisig , tödlich der Reif sich naht ; wie es der Erde sein müßte , wenn feindselig unwiderstehlich eine Macht ihr ins Herz dringen würde und dort ausblasen wollte mit eisigem Munde die Feuer , welche des Herrn Hand selbsteigen sich angezündet auf dem aller , heiligsten der Altäre , auf dem Herzen der Erden . Die Sterne über seinem Leben schienen erbleichen , sein Leben sich gestalten zu wollen zum Leben eines Hundes in einer Tretmühle , wo die Tage umgehen , aber das Trippeln und Trappeln alle Morgen neu angeht in gleicher Pein und gleichen Ängsten , bis am Abend die Glieder steif geworden und die Ruhe gesetzliche Notwendigkeit . Es war nicht die Arbeit , welche Vreneli beschwerlich fiel , es war die Atmosphäre , in welcher die Arbeit verrichtet werden sollte . Mit erfrornen Fingern macht man keine Knoten auf , mit erkältetem Gemüte wird Leichtes schwer verbracht . Liegt wohl hier ein bedeutender Teil der Schuld , daß Arbeit so schwer wird , die Klagen darüber so laut , die Sucht nach bloßem Genuß so mächtig , der Neid gegen Begünstigtere so giftig , die Menge oben und unten so weichlich ? Sehr möglich , daß der Dunstkreis des Gemütes der Arbeit so günstig ist bei uns wie der Dunstkreis in Grönland Äpfeln und Birnen , von Trauben wollen wir nicht einmal reden . Es ging schwer und alle Tage schwerer , das fühlte Vreneli wohl und mit alle Tage größerem Schmerze . In Beziehung auf den Landbau gehörte das Jahr zu den mühseligen zwar und doch zu den gesegneten . Es gibt solche Jahre zuweilen , wo man alles so mühsam stehlen muß , und wenn man am Ende alles übersieht , so hat man einen reichen Segen gewonnen , Jahre , wo unser Herrgott das ganze Jahr hindurch es selten jemand recht macht , ein beständiger Jammer ist , es sei nicht gut , es komme nicht gut , und am Ende ist alles wohl geraten , alles gut gekommen , und jedermann muß sagen : Es ist doch gut , daß ein Anderer als ich das Wetter macht und daß unsere Gedanken nicht seine Gedanken und unsere Ungeduld nicht seine Ungeduld ist . Uli machte mehr als hundert Taler mit Raps oder Reps , mit Klee und Flachssamen , hatte eine Masse überflüssiger Kartoffeln , war glücklich im Stall gewesen ; er hatte das Meiste selbst besorgt , so daß er aus Sachen , welche man sonst eben weniger rechnet , eine bedeutende Summe löste . Es läßt sich mit solchen Pflanzungen aller Art viel machen , aber sie brauchen fleißige Hände . Sie nehmen Leute und Zeit in Anspruch , und wo man ohnehin von beiden zu wenig hat , schaden sie mehr , als sie nützen . Man versäumt entweder sie oder die Hausarbeiten , und nichts ist beim Landbau nachteiliger als unrechte Zeit und schlechte Arbeit . Was man an der Arbeit spart , muß man doppelt und dreifach am