sprechen Sie mit mir . Ach , wenn Sie wüßten , was ich erlitten habe , was ich leide , und wie glücklich ich bin , Sie wiederzusehen ! Sie reichte ihm die Hand , die er fest in den seinen drückte , aber zu antworten vermochte sie noch nicht . Es entstand eine neue Pause , bis Alfred fest die Frage aufwarf : Und was soll jetzt aus uns werden ? Da nahm sich Therese gewaltsam zusammen , und mit klarer fester Stimme , ohne irgend ein Zeichen von Bewegung , sagte sie : Sie sollen nach wie vor mein theurer , mein werthester Freund bleiben , lieber Alfred ! Sie sollen vergessen , daß Sie ein paar Tage lang mehr in mir gesehen haben , als eine Freundin , die Sie von Herzen bewundert , Ihnen von Jugend an ergeben war und Sie jetzt doppelt und dreifach verehrt , weil Sie Ihre Pflicht thun . Stören Sie das schöne Bild nicht , Alfred , das ich von Ihnen habe . Sie thäten mir zu wehe damit . Er sah sie ernst und prüfend an , aber keine Miene ihres Gesichtes bekundete das Opfer , das sie in diesem Augenblicke brachte , und so sehr er nach einem Zeichen spähte , das ihm verrathen hätte , sie wolle ihn großmüthig über ihren Schmerz täuschen , er konnte keines entdecken . Dennoch mistraute er ihrer Ruhe , weil ihre leidenschaftliche Erregung vorher ganz unverkennbar gewesen war . Täuschen Sie sich , oder wollen Sie mich täuschen über ihr Gefühl ? fragte er sie . Menschen , wie wir Beide , haben Kraft zu leiden und gehen nicht unter , ich weiß das wie Sie . Ich habe entsagt und ich will vollenden , was ich über mich genommen habe ; aber lassen Sie mich als ein Pfand des Glückes den Glauben in meine öde Zukunft hinübernehmen , daß ich Ihnen theuer war . Sagen Sie mir nur einmal , daß Sie mich lieben , und dann fordern Sie von mir , was Sie wollen . Mein Freund ! antwortete sie , wie traurig wäre es , wenn ich wie Sie empfände ? Wir müßten uns trennen ohne Hoffnung , uns wiedersehen zu dürfen . Sie haben mir manchmal den Vorwurf gemacht , ich sei kalt , ich sei keiner Leidenschaft fähig . Ich glaube es selbst . Ich halte mich für eine jener Naturen , die mehr für die Freundschaft , als für die Liebe geschaffen sind . Ich wäre untröstlich , müßte ich Sie verlieren ; ich bin ganz befriedigt , wenn Sie mir , wenn Sie uns bleiben . Rauben Sie mir dies Glück nicht durch Forderungen , die ich nicht gewähren , durch Geständnisse , die ich nicht ewidern kann . Er war bestürzt . Theresen ' s Selbstbeherrschung täuschte ihn und war ihm schmerzlich , denn er ward irre an ihr und an sich selbst . Konnte er sich so sehr über ihre Gefühle verblendet haben ? War es nur der lebhafte Wunsch , ihre Liebe zu besitzen , der ihn zu dem Glauben verleitet hatte , daß sie seine Neigung theile und erwidere ? Sie hatte ihm allerdings niemals ein Wort gesagt , das ihn zu Hoffnungen berechtigen konnte , Sollte er sich wirklich betrogen haben ? oder sollte sie ihn dennoch täuschen ? Das Erstere zu glauben , fiel ihm schwer , das Letztere unmöglich , denn er kannte Therese als eine durchaus wahrhafte Natur . Quälende Zweifel rangen in seiner Seele , und eben wollte er die Geliebte nochmals dringend um Wahrheit beschwören , als Felix mit einem großen Buche herbeikam und von dem Vater Aufschluß über die Bedeutung eines Bildes verlangte . Es stellt Luther dar vor der Reichsversammlung zu Worms , erläuterte Alfred und erzählte dem Sohne kurz , was ihm zur Erklärung nöthig war . Luther wußte , sagte Alfred , daß ihm sein Geständniß das Leben oder die Freiheit kosten könne ; doch zögerte er nicht , die Wahrheit zu sagen , denn die Wahrheit ist das Heiligste in der Welt . Er ist abgebildet , wie er vor dem Kaiser , vor den Fürsten und den Cardinälen die unsterblichen Worte ausrief : » Hier stehe ich , ich kann nicht anders , Gott helfe mir , Amen ! « Der Knabe hörte ernsthaft zu . Hast Du niemals eine Unwahrheit gesagt , lieber Vater ? fragte er dann . Ich hoffe , daß ich es nie wissentlich gethan habe , antwortete der Vater . Und du , Tante ? fragte Felix weiter . Ich habe mich immer bestrebt , das Rechte zu thun ; sagte Therese . Dann hast Du gewiß nie eine Unwahrheit gesagt , meinte Felix . Aber die Wahrheit verhehlen , ist auch Sünde , rief Alfred mit Bedeutung , und schwere Sünde , wenn das Lebensglück eines Andern daran hängt , der gewohnt ist , unsern Worten zu glauben , der darauf sein Leben , seine Zukunft baut ! Der Knabe sah den Vater befremdet an , weil er ihn nicht verstand . Therese schwieg , Alfred befahl seinem Sohne der Tante Lebewohl zu sagen , und wollte sich entfernen . Noch in der Thüre wendete er sich um , noch einmal sagte er Theresen gute Nacht und zögerte , so lange er konnte ; denn immer noch hoffte er , sie werde ihm ein Wort , ein Zeichen geben , das ihm verrathe , sie liebe ihn wie er sie liebte . Aber Therese blieb freundlich wie immer und sagte , als er sich endlich von ihr trennte , so ruhig ihr » Auf Wiedersehen , lieber Reichenbach ! « daß er davor erschrak . Kaum aber hörte sie seine Tritte nicht mehr , als sie sich verzweifelnd in die Kissen des Sophas warf . Ich konnte nicht anders , Gott helfe mir , Amen ! rief sie aus und unaufhaltsam strömten ihre Thränen . Sie , die so ernst nach Wahrheit strebte