Pole sich nannte , im überraschten Schmerz sie italienisch angeredet und schon im ersten Augenblick dieser unbewußten Annäherung dessen trauriges Geheimniß errathen . Das Entbehren aller sie begleitenden Dienerschaft war für Polen von Stande ohnedies so auffallend , daß es ihre Vermuthung zur Gewißheit erhob . Das Willenlose jenes momentanen Vertrauens störte sie nicht , hatte ja doch in jener beängstigenden Qual das tiefste Gefühl seines Herzens sich ihr ausgesprochen ! Gerade in dieser absichtslosen Hingebung lag für sie ein gewisser Reiz . Sie schwieg , bewahrte das Geheimniß mit fast religiöser Treue , während der neckische Dämon ihres unbezwinglichen Humors sie dennoch mitunter zu allerlei verfänglichen Fragen verleitete , die ihm den Schreck eines plötzlichen Erinnerns an seine eigne Unvorsichtigkeit geben sollten . Sie fand Rosalien zwar nicht besser , aber bei vollkommener Besinnung , voller Dankbarkeit und rührender , stiller Resignation . Gern weilte sie ein paar Stunden an deren Lager ; und da das mit Gästen überfüllte Haus die Dienste einer überall in Anspruch genommenen Hausmagd als ganz unzulänglich erscheinen ließen , sandte sie ihr die sehr zuverlässige Babet . Trzebinski sah zu Leontinen auf wie zu einem Schutzengel und kleidete seinen glühenden Dank in alle Farben einer durchaus südlichen Nationalität . Gräfin Werden , in deren Gesellschaft Leontine in Baden war , bemerkte auch heute nicht ihre verspätete Rückkehr . Das Fräulein sagte kein Wort , weder von der Krankheit ihrer jungen Nachbarin , noch von der zufällig angeknüpften Bekanntschaft . In dem Augenblicke war das gänzliche Verschweigen bloßer Uebermuth , aber noch im Laufe des nämlichen Tages fühlte sie vom eigenen Muthwillen sich gefangen und das Besprechen der ganzen Begegnung unmöglich gemacht . Als nämlich die gute Gräfin und deren nächste Bekannten , von der Tarantel der Neugier gestochen , in immer wunderlichkrauseren , immer abenteuerlicheren Vermuthungen über die Fremden sich ausließen , vermochte es Leontine nicht , ruhig zuzuhören , unwillkürlich reizte sie die Damen zu noch tolleren Aeußerungen und Voraussetzungen und hatte sich in ihrer vortrefflichen Laune bald so fest gerannt , daß es ohne gänzlichen Verstoß gegen alle conventionellen Formen nicht mehr ausführbar blieb , die dem Gespräch vorangegangene Bekanntschaft der interessanten Polen einzugestehen . Zum Glück war Gräfin Werden eines jener bevorzugten Wesen , die nur ihren Tag los sein müssen , gleichviel um welchen Preis und in welcher Gesellschaft . Sie ließ Leontinen gewähren . Sie fand in jedem nicht den Curpflichten geweihten Augenblick irgend eine Bekanntschaft zu machen , eine Handarbeit zu besehen , entdeckte einen noch nicht gekannten Laden , einen neuen Spazierweg , eine vorzügliche Kuchensorte , - faute de mieux , sogar eine verarmte Familie , deren Umstände sie sorgfältig erforschen mußte , und alle diese vielen Gründe machten ihr das Zuhausebleiben unmöglich . Enfin je ne suis pas sa gouvernante ! sagte sie , wenn Leontine ablehnte , sie zu begleiten . Auf diese Weise machte es sich ganz von selbst , daß Leontine einen Theil des Tages bei ihren neuen Freunden zubringen konnte , ohne von der Gräfin vermißt zu werden . Stanislaus von Trzebinski - so stand sein Name in der Brunnenliste - hatte sich längst auf seine frühere Unvorsichtigkeit besonnen ; er errieth aber auch Leontinens zartes Bewahren seines traurigen Geheimnisses und wußte es ihr doppelt Dank , da ihm , allgemeine Aeußerungen und Klagen über den gedrückten Zustand seines Vaterlandes abgerechnet , sehr schwer wurde , über Polen zu reden - das er nicht kannte ! Rosalie war ein schwärmerisch-weiches , kaum noch durch die lockersten Bande der Erde angehörendes Wesen . Im Kloster aufgewachsen , kannte sie die Außenwelt gar nicht , aber Religion und Vaterlandsliebe waren in ihrer jungen Seele zu einem Brennpunkt vereint , von dem alle Radien ihres Lebens ausgingen , dem alle Kräfte desselben wieder zuströmten : außer ihnen war das Nichts . Der Norden , so erschien ihr Baden , die kalte Fremde erweckten eine , sie täglich mehr und mehr aufreibende Sehnsucht in ihrer leidenden Brust ; das Gefühl einer unvermeidlichen , vielleicht lebenslänglichen Verbannung von Italien senkte sich , ein langsamer Tod , wie mit schweren dunkeln Flügeln auf ihre Sinne , auf ihr in Heimatsbangen vergehendes junges Herz . Mit jedem Tage nahmen ihre wenigen Kräfte ab . Der Arzt sah sich genöthigt , ihren Zustand als höchst bedenklich zu erklären , und bald reichte weder Leontinens , noch Babet ' s Pflege mehr aus . Zum Glück hatte Badens Heilquell eine der in Köln lebenden barmherzigen Schwestern hergezogen ; Leontine suchte sie auf und die lange Gewöhnung mitleidiger Selbstverleugnung ließ die gute alte Renate ihrer eigenen kaum vollendeten Genesung vergessen , um mit den neu geschenkten Kräften neuen Pflichten sich zu unterziehen . Daß die fromme Alte zwar ein wenig französisch , aber weder italienisch noch polnisch konnte , war ein zufälliger Gewinn , der das Geheimniß der freiwillig Verbannten , Geflüchteten sicherte und ihre Gegenwart nur heilbringend erscheinen ließ . Als Leontine die Schwester Renata zu Rosalien führte , ergriff Stanislaus ihre Hand , ihr Gewand , und drückte sie an seine Lippen ; er war im Begriff , ihr zu Füßen zu sinken . Alles , alles , jeden Trost meiner verödeten , zerrissenen Existenz danke ich Ihnen ! hauchte er bebend . Leontine war , tief erschüttert , zum ersten Male keines erwidernden Lautes fähig ; es gab kein Wort für diese so ganz ungewöhnliche Lage . Gräfin Werden sprach den ganzen Tag von der bedauernswerthen Krankheit der jungen polnischen Dame ; für ihr Leben gern wäre sie hinübergegangen . Leontine sah sich durch immer neue , sich häufende Gründe zu immer sorglicherem Schweigen gezwungen . Wie hätte sie der Gräfin Zudringlichkeit von ihren unglückseligen Freunden abzuwenden vermocht , hätte diese ihre Bekanntschaft mit denselben ahnen können ! Doch keine noch so sorgsame Pflege vermochte es , der armen Rosalie Blütenleben zu fristen . An ihrem Sterbelager , an der stillen ganz prunklosen und doch so selig vertrauenden Frömmigkeit des jungen schönen Mädchens und der hingewelkten alten Nonne