das letzte : Unbegreiflich ! hatte sie , ohne es zu wollen , laut ausgesprochen . » Mir scheint es sehr natürlich « - antwortete er , und nach einer Weile , da sie schwieg , rief er : » Wollen Sie mich beurlauben , Gräfin ? ich habe nicht umhin können , der Lady Geraldin eine ihrer ewigen Schachpartien zu versprechen . « » Thun Sie , was Sie thun müssen , « sagte Faustine boshaft . » Nur wenn Sie mir Urlaub geben . « » Sie sind nicht in meinem Dienst , wie in dem der Lady Geraldin : wie könnte ich Ihnen Urlaub geben . « » Wünschen Sie wirklich , daß ich nicht zur Schachpartie gehe ? « » Warum soll ich es nicht wünschen ? « fragte sie unbefangen , und sah ihn groß an . » Dann bleibe ich gewiß auf diesem Platze an Ihrer Seite . « » Das habe ich ja nur gewollt ! erzählen Sie mir von Ihrer jüngsten Schwester , deren Gefährtin Cunigunde nun bald sein wird . « » Meine Schwester Marie ist achtzehn Jahr alt , ziemlich gescheut und sehr hübsch mit blondem Haar und braunen Augen . « » Das ist eine äußerst trockne Beschreibung , « sagte Faustine belustigt . » Ach , « rief Mario , » was kann ich Ihnen von Andern erzählen ! Immer und ewig möchte ich Sie reden hören und , wenn ich sprechen müßte , von Ihnen selbst zu Ihnen sprechen . « » Himmel , das wäre langweilig für mich ! « » Das glaube ich nicht ! Giebt es ein Wesen , für das Sie sich lebhafter interessiren , als für Sich selbst ? « » Schlimm genug , wenn das der Fall - und ich kann es nicht leugnen . Denn wie soll ich Respect haben vor irgend einer Wesenheit , wenn ich nicht bei meiner eigenen anfange ? und habe ich überhaupt erst diese Achtung für menschliche Entwickelung und menschliches Streben gefaßt , wie sollt ' ich nicht suchen , zuerst mich selbst durchzuarbeiten ? Das ist unser Ziel , das ist unsere Seligkeit . Muß der Mensch nicht stets diesen letzten Zweck alles Seins im Auge behalten ? « » Und nebenbei den unerschütterlichen Stützpunkt der ewigen Moral : daß diese Seligkeit durch kein Unrecht zu erringen ist ! Wer sich mit seinem raffinirten Egoismus im Weltall isolirt , indem er alles Leben nur als den Born betrachtet , welcher ihm frische Nahrung zuströmt , der wird bald genug vogelfrei zwischen seines Gleichen sein , aber nicht frei - nicht geschützt in seiner Eigenthümlichkeit und durch sie , weil er keinen Respect vor der fremden hat . « » O , ich mag nicht vogelfrei sein ! Ich will ja nur das Bächlein sein , welches in das große Meer des Alls zurückströmt und spurlos verschwindet - wie gern ! wenn nur mein Lauf klar und meine Welle rein gewesen . « Marios Blick hing unverwandt an ihr ; aber der Strahl ihres Auges glitt bei diesen Worten an ihm vorbei und stieg leuchtend wie eine Girandola gen Himmel . In diesem leuchtenden Strahl zerschmolz ihr Herz und wallte empor , wie das Opfer von der Altarflamme verzehrt als Weihrauch aufsteigt . Es war etwas in dieser Frau , was sie befähigt hätte , eine große Heilige zu werden : der schmachtende , unauslöschliche Durst nach dem Ewigen . Mario dachte heimlich wie einst Clemens : und kann sie denn überhaupt lieben ? länger lieben , als den Augenblick , wo die Sonne der Liebe ihre jungen Strahlen in die Welt hineinwirft ? fester lieben , als das Lüftchen , welches süß und schmeichelnd meine Stirn umweht und versäuselt ? tiefer lieben , als eine Fee , welche drei Minuten lang den Geliebten beseligt und dann ihn verläßt ? - - So war es zwei Uhr Nachts geworden . Faustine wollte fahren . Ihr Bediente war nicht da ; Mario ließ ihn umsonst durch den seinigen suchen . » Der Mensch muß krank geworden sein , « sagte sie , » das ist ihm nie begegnet .... oder was kann ihm sonst widerfahren sein ? « Sie beunruhigte sich heftig ; sie wollte nach Hause und fürchtete sich . » Könnte er nicht auch meinen Schrank erbrochen , Geld genommen und entflohen sein ? es war freilich nicht sehr viel da - « Mengen lachte , aber er sagte : » Mein Wagen ist zu Ihrem Befehl ; ich werde Sie begleiten und dann sogleich nach dem Abtrünnigen forschen . « » Ach , guter Mengen , wie freundlich von Ihnen ! « seufzte Faustine . Er gab ihr seinen Mantel um , führte sie herab und fuhr mit ihr fort . Sie sagte : » Nun kann ich Ihnen Cunigundens Brief gleich mitgeben ! und morgen schreiben Sie Ihren Eltern und fügen ihn bei . Wann können wir Antwort haben ? « » Spätestens in acht Tagen . « » Wenn sie günstig lautet , aber erst dann , theil ' ich sie Cunigunden mit . « Faustinens Wohnung war bald erreicht . Im Vorzimmer kam ihre Kammerjungfer ihr wie gewöhnlich entgegen . Faustine fragte : » Wo ist Ernst ? « » Vor einer Stunde ist er gegangen , die gnädige Gräfin abzuholen . Aber Herr von Walldorf ist noch hier . « » Welcher Einfall , Jeannette , um diese Stunde Besuch anzunehmen ! « rief Faustine heftig . » Ernst hat es gethan , gnädige Gräfin , ich nicht . « Faustine öffnete rasch die Thür des Salons und trat ein ; Mengen mit ihr . Eine Lampe brannte ziemlich dunkel in dem großen Gemach , in dessen entferntestem Winkel Clemens saß , im Lehnstuhl vergraben , die Arme auf den Knien , das Gesicht mit beiden Händen bedeckt . » Herr von Walldorf ! « sagte Faustine zürnend . Er fuhr auf und sah sie bestürzt an . »