verhallenden Gesang noch zu hören . Da oben auf der Höhe war große Einsamkeit ; nachdem auch das Geheul der Hunde , die das Psalmieren obligat begleitet hatten , verklungen war , spürte ich in die Ferne ; da hörte ich dumpf das sinkende Treiben des scheidenden Tags ; ich blieb in Gedanken sitzen , - da kam aus dem fernen Waldgeheg von Vollratz her etwas Weißes , es war ein Reiter auf einem Schimmel ; das Tier leuchtete wie ein Geist , sein weicher Galopp tönte mir weissagend , die schlanke Figur des Reiters schmiegte sich so nachgebend den Bewegungen des Pferdes , das den Hals sanft und gelenk bog ; bald in lässigem Schritt kam er heran , ich hatte mich an den Weg gestellt , er mochte mich im Dunkel für einen Knaben halten , im braunen Tuchmantel und schwarzer Mütze sah ich nicht grade einem Mädchen ähnlich . Er fragte , ob der Weg hier nicht zu steil sei zum Hinabreiten , und ob es noch weit sei bis Rüdesheim . Ich leitete ihn den Berg herab , der Schimmel hauchte mich an , ich klatschte seinen sanften Hals . Des Reiters schwarzes Haar , seine erhabene Stirn und Nase waren bei dem hellen Nachthimmel deutlich zu erkennen . Der Feldwächter ging vorüber und grüßte , ich zog die Mütze ab , mir klopfte das Herz neben meinem zweifelhaften Begleiter , wir gaben einander wechselweise Raum , uns näher zu betrachten ; was er von mir zu denken beliebte , schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen , ich aber entdeckte in seinen Zügen , seiner Kleidung und Bewegungen eine reizende Eigenheit nach der andern . Nachlässig , bewußtlos , naturlaunig saß er auf seinem Schimmel , der das Regiment mit ihm teilte . - Dorthin flog er im Nebel schwimmend , der ihn nur allzubald mir verbarg ; ich aber blieb bei den letzten Reben , wo heute die Prozession in ausgelaßnem Übermut auseinandersprengte , allein zurück : ich fühlte mich sehr gedemütigt , ich ahnete nicht nur , ich war überzeugt , dies rasche Leben , das eben gleichgültig an mir vorübergestreift war , begehre mit allen fünf Sinnen des Köstlichsten und Erhabensten im Dasein sich zu bemächtigen . Die Einsamkeit gibt dem Geist Selbstgefühl ; die duftenden Weinberge schmeichelten mich wieder zufrieden . Und nun vertraue ich Dir schmucklos meinen Reiter , meine gekränkte Eitelkeit , meine Sehnsucht nach dem lebendigen Geheimnis in der Menschenbrust . Soll ich in Dir lebendig werden , genießen , atmen und ruhen , alles im Gefühl des Gedeihens , so muß ich , Deiner höheren Natur unbeschadet , alles bekennen dürfen was mir fehlt , was ich erlebe und ahne ; nimm mich auf , weise mich zurecht und gönne mir die heimliche Lust des tiefsten Einverständnisses . Die Seele ist zum Gottesdienst geboren , daß ein Geist in dem andern entbrenne , sich in ihm fühle und verstehen lerne , das ist mir Gottesdienst - je inniger : je reiner und lebendiger . Wo ich mich hinlagere am grünenden Boden , von Sonne und Mond beschienen , da bist Du meine Heiligung . Bettine Am 25. Juni Du wirst doch auch einmal den Rhein wieder besuchen , den Garten Deines Vaterlands , der dem Ausgewanderten die Heimat ersetzt , wo die Natur so freundlich groß sich zeigt ; - wie hat sie mit sympathetischem Geist die mächtigen Ruinen aufs neue belebt , wie steigt sie auf und ab an den düstern Mauern und begleitet die verödeten Räume mit schmeichelnder Begrasung und erzieht die wilden Rosen auf den alten Warten und die Vogelkirsche , die aus verwitterter Mauerluke herablacht ! Ja , komm und durchwandre den mächtigen Bergwald vom Tempel herab zum Felsennest , das über dem schäumenden Bingerloch herabsieht , die Zinnen mit jungen Eichen gekrönt ; wo die schlanken Dreiborde wie schlaue Eidechsen durch die reißende Flut am Mäuseturm vorbeischießen . Da stehst Du und siehst , wie der helle Himmel über grünenden Rebhügeln aus dem Wasserspiegel herauflacht , und Dich selbst auf Deinem kecken eigensinnigen basaltnen Ehrenfels inmitten abgemalt , in ernste , schaurig umfassende Felshöhen und hartnäckige Vorsprünge eingerahmt ; da betrachte Dir die Mündungen der Tale , die mit ihren friedlichen Klöstern zwischen wallenden Saaten aus blauer Ferne hervorgrünen , und die Jagdreviere und hängenden Gärten , die von einer Burg zur andern sich schwingen , und das Geschmeide der Städte und Dörfer , das die Ufer schmückt . O Weimar , o Karlsbad , entlaßt mir den Freund ! Schließ Dein Schreibpult zu und komm hier her , lieber als nach Karlsbad ; das ist ja ein Kleines , daß Du dem Postillon sagst : links statt rechts ; ich weiß , was Du bedarfst , ich mache Dir Dein Zimmer zurecht neben meinem , das Eckzimmer , mit dem einen Fenster den Rhein hinunter und dem andern hinüber ; ein Tisch , ein Sessel , ein Bett und ein dunkler Vorhang , daß die Sonne Dir nicht zu früh hereinscheint . Muß es denn immer auf dem Weg zum Tempel des Ruhms fortgeleiert sein , wo man so oft marode wird ? Eben entdeckte ich den Briefträger , ich sprang ihm entgegen , er zeigte mir auch von weitem Deinen Brief , er freute sich mit mir und hatte auch Ursache dazu , er sagte ; » Gewiß ist der Brief von dem Herrn Liebsten ! « » Ja , « sagte ich , » für die Ewigkeit ! « Das hielt er für ein melancholisches Ausrufungszeichen . Die Mutter hat mir auch heute geschrieben , sie sagt mir ' s herzlich , daß sie mir wohl will , von Deinem Sohn erhalte ich zuweilen Nachricht durch andre , er selbst aber läßt nichts von sich hören . Und nun leb wohl , Dein Aufenthalt in Karlsbad sei Dir gedeihlich , ich segne Deine Gesundheit ; wenn Du krank wärst und Schmerzen littest , würde ich sehr mitleiden ;