absprechende Art aus , mit der er Paradoxen einzig deshalb nachzujagen schien , um durch deren Behauptung , wenn nicht die ganze Welt , doch wenigstens den kleinen Theil derselben , der ihm eben zuhörte , in Erstaunen und Bewunderung zu versetzen . Dieser streitbare Held war aber bei alle dem weit weniger unangenehm und überlästig , als man nach dieser Beschreibung glauben könnte . Er schien nicht bösartig , er hatte das Wort in seiner Gewalt , er zeigte mitunter recht viel Witz und Humor , und war dabei gewandt genug , sobald er gewahr ward , daß er es zu weit getrieben , sich gleich auf der Stelle abmerken zu lassen , wie es ihm mit seinen Behauptungen eigentlich gar kein rechter Ernst sei . Man sah deutlich , daß es hauptsächlich ihm nur um den Lärm zu thun war , den seine Redensarten herbei führten ; er glich hierin einem Kinde , das mit dem Munde den Trommelschlag überlaut nachzuahmen sucht , ohne sich weiter etwas dabei zu denken , und so war es denn unmöglich , ihm zu zürnen , obgleich er es mitunter recht arg machte . Ich weis nicht , wie es zugieng , daß gegen das Ende des Abends das Gespräch sich zulezt um ausgezeichnet edle , mit bedeutenden Aufopferungen vollbrachte Handlungen drehte , von denen beinahe jeder der Anwesenden ein paar Beispiele , zum Theil mit großem Wortaufwande , der Gesellschaft zum Besten gab . Nichts ist ansteckender , und zugleich dem guten Geist der Konversazion verderblicher , als diese Lust zu erzählen , die gewöhnlich alle ergreift , sobald nur einer den Ton dazu angiebt ; und doch ist auch nichts seltner als die Gabe , eine gute Geschichte gut vortragen zu können . Auch an jenem Abende hatten wir nur zu oft Gelegenheit , die Wahrheit dieser Bemerkung bestätigt zu finden , und zulezt kam sogar einer der unbarmherzigsten Erzähler an die Reihe ; einer von der Art , die nie das Ende der Geschichte finden kann , weil sie bei jedem Wort immer sich selbst wiederholt , um das schon Gesagte noch zu verbessern . Lothario , so laßt mich den streitsüchtigen Fremden nennen , dessen eigentlichen Namen ich nie recht erfahren habe , weil ich nur dies einemal ihn sah , Lothario ließ eine Weile den gewaltigen Wortschwall ziemlich gelassen an sich vorüber gehen , in welchem jener Grosmuth und Dankbarkeit und Edelmuth durcheinander wirrte ; doch endlich riß ihm die Geduld , besonders da er in unser Aller verlängerten Gesichtern Ueberdruß und Langeweile in deutlichen Zügen lesen mochte . Er sprang auf ; geht mir , rief er , in fast kläglichem Ton , indem er auf eine höchst komische Weise die Hände faltete , geht mir , ich bitte euch um Gotteswillen ! geht mir mit euern verwünschten Tugenden , die beim Lichte besehen nichts sind als Affektazion , Eitelkeit oder wohl gar Ungerechtigkeit , denn die kann man auch an sich selbst üben . Der Mensch trachte doch nur ja vor allen Dingen fürs erste gegen sich , wie gegen andere gerecht zu sein , ehe er es sich beikommen läßt , Grosmuth üben zu wollen , sezte Lothario sehr ernsthaft hinzu . Was wir Grosmuth nennen , ist gewöhnlich nur verkleideter Uebermuth , gerecht sein aber ist jedem unerläßliche Pflicht , und wem es ein rechter Ernst ist , diese vollkommen und überall auszuüben , der wird wahrscheinlich lange vorher zu seinen Vätern versammelt werden , ehe er bis zur Erlaubnis grosmüthig sein zu dürfen sich durchgearbeitet hat . Mit der Dankbarkeit kommt mir nur vollends gar nicht , rief Lothario fast überlaut , als mehrere Stimmen dieses Wort nannten , indem sie gegen ihn sich erhoben . Die Dankbarkeit ist eigentlich nichts weiter , als eine schlechte Gewohnheit , fuhr er fort , eigentlich und unter gewissen Modifikazionen könnte man sogar ein Laster sie nennen . Wer von andern sie fordert , ist , um ihn nicht noch jemanden schlimmern zu vergleichen , wenigstens eine Art Sklavenhändler , der mit einer miserablen Gefälligkeit oder mit ein wenig lumpigen Goldes , die Seele dessen , dem er nach seiner Meinung wohlthat , sich auf ewig erkauft zu haben meint ; der aber , der sich einem andern auf immer zu eigen giebt , weil dieser ihm einmal irgendwo aus der Flamme half , der ist aufs höflichste benannt , wenigstens ein Schwachkopf , weil er nicht fühlt , daß jeder , der eine honette That vollbringt , schon in der Freude daran seinen Lohn dahin nahm . Lothario ' s Worte machten einen unbeschreiblich traurigen Eindruck auf mich , denn sie erinnerten mich lebhaft an eine Zeit , an welche ich jezt nur mit sehr bitterer Empfindung denken konnte , in der auch ich , um genial zu erscheinen , ähnliche aus Wahrheit und Trug zusammengesezte Meinungen aufstellte und eifrig vertheidigte . Indessen erhob sich fast alle Welt gegen ihn , und er hatte alle Hände voll zu thun , um jedem , der ihn angriff , gebührend Rede zu stehen . Ohne eigentlich in beleidigende Heftigkeit auszuarten , ward das Disputiren immer lauter und lebhafter , zulezt blieb man bei dem Satz stehen , den alle bekämpften und den Lothario gewandt genug zu behaupten suchte : daß es eben so sträflich und unrecht sei , aus Partheilichkeit für andere das eigne Glück zum Opfer zu bringen , als wenn man um des eignen Nutzens willen andre zu bevortheilen suche . Wohlan denn ! rief Lothario endlich aus , da er in Gefahr stand , mit seiner Stimme durch den immer mehr überhand nehmenden Lärmen nicht mehr durchdringen zu können . Wohlan , ich fordre das Wort ! Beinahe ein jeder hat ein Geschichtchen erzählt , nur ich nicht . Ich bitte um die Erlaubnis , ein einziges Beispiel aufstellen zu dürfen , welches meine Behauptung erläutern soll ; denn es scheint mir , als wolle man nicht recht verstehen , wie ich es