einmal zugeflossen war , so schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu kennen , die sich um sie gehäuft hatten . So zauderte sie nicht einen Augenblick , einen kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer umzuhängen , das ihr gegen die übrigen zu ärmlich gekleidet schien , und sie tat das auf eine so neckische , geschickte Weise , daß niemand eine solche Gabe ablehnen konnte . Einer von ihrem Hofstaat hatte stets eine Börse und den Auftrag , in den Orten , wo sie einkehrten , sich nach den Ältesten und Kränksten zu erkundigen und ihren Zustand wenigstens für den Augenblick zu erleichtern . Dadurch entstand ihr in der ganzen Gegend ein Name von Vortrefflichkeit , der ihr doch auch manchmal unbequem ward , weil er allzuviel lästige Notleidende an sie heranzog . Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf als durch ein auffallendes , gutes , beharrliches Benehmen gegen einen unglücklichen jungen Mann , der die Gesellschaft floh , weil er , übrigens schön und wohlgebildet , seine rechte Hand , obgleich rühmlich , in der Schlacht verloren hatte . Diese Verstümmlung erregte ihm einen solchen Mißmut , es war ihm so verdrießlich , daß jede neue Bekanntschaft sich auch immer mit seinem Unfall bekannt machen sollte , daß er sich lieber versteckte , sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein für allemal mit der Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben . Das Dasein dieses jungen Mannes blieb ihr nicht verborgen . Er mußte herbei , erst in kleiner Gesellschaft , dann in größerer , dann in der größten . Sie benahm sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen andern ; besonders wußte sie durch zudringliche Dienstfertigkeit ihm seinen Verlust wert zu machen , indem sie geschäftig war , ihn zu ersetzen . Bei Tafel mußte er neben ihr seinen Platz nehmen ; sie schnitt ihm vor , so daß er nur die Gabel gebrauchen durfte . Nahmen Ältere , Vornehmere ihm ihre Nachbarschaft weg , so erstreckte sie ihre Aufmerksamkeit über die ganze Tafel hin , und die eilenden Bedienten mußten das ersetzen , was ihm die Entfernung zu rauben drohte . Zuletzt munterte sie ihn auf , mit der linken Hand zu schreiben ; er mußte alle seine Versuche an sie richten , und so stand sie , entfernt oder nah , immer mit ihm in Verhältnis . Der junge Mann wußte nicht , wie ihm geworden war , und wirklich fing er von diesem Augenblick ein neues Leben an . Vielleicht sollte man denken , ein solches Betragen wäre dem Bräutigam mißfällig gewesen ; allein es fand sich das Gegenteil . Er rechnete ihr diese Bemühungen zu großem Verdienst an und war um so mehr darüber ganz ruhig , als er ihre fast übertriebenen Eigenheiten kannte , wodurch sie alles , was im mindesten verfänglich schien , von sich abzulehnen wußte . Sie wollte mit jedermann nach Belieben umspringen , jeder war in Gefahr , von ihr einmal angestoßen , gezerrt oder sonst geneckt zu werden ; niemand aber durfte sich gegen sie ein Gleiches erlauben , niemand sie nach Willkür berühren , niemand auch nur im entferntesten Sinne eine Freiheit , die sie sich nahm , erwidern ; und so hielt sie die andern in den strengsten Grenzen der Sittlichkeit gegen sich , die sie gegen andere jeden Augenblick zu übertreten schien . Überhaupt hätte man glauben können , es sei bei ihr Maxime gewesen , sich dem Lobe und dem Tadel , der Neigung und der Abneigung gleichmäßig auszusetzen . Denn wenn sie die Menschen auf mancherlei Weise für sich zu gewinnen suchte , so verdarb sie es wieder mit ihnen gewöhnlich durch eine böse Zunge , die niemanden schonte . So wurde kein Besuch in der Nachbarschaft abgelegt , nirgends sie und ihre Gesellschaft in Schlössern und Wohnungen freundlich aufgenommen , ohne daß sie bei der Rückkehr auf das ausgelassenste merken ließ , wie sie alle menschlichen Verhältnisse nur von der lächerlichen Seite zu nehmen geneigt sei . Da waren drei Brüder , welche unter lauter Komplimenten , wer zuerst heiraten sollte , das Alter übereilt hatte ; hier eine kleine , junge Frau mit einem großen , alten Manne ; dort umgekehrt ein kleiner , munterer Mann und eine unbehülfliche Riesin . In dem einen Hause stolperte man bei jedem Schritt über ein Kind ; das andre wollte ihr bei der größten Gesellschaft nicht voll erscheinen , weil keine Kinder gegenwärtig waren . Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen , damit doch wieder einmal jemand im Hause zum Lachen käme , da ihnen keine Noterben gegeben waren . Junge Eheleute sollten reisen , weil das Haushalten sie gar nicht kleide . Und wie mit den Personen , so machte sie es auch mit den Sachen , mit den Gebäuden wie mit dem Haus- und Tischgeräte . Besonders alle Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen . Von dem ältesten Hautelisseteppich bis zu der neusten Papiertapete , vom ehrwürdigsten Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich , eins wie das andre mußte leiden , eins wie das andre wurde durch ihre spöttischen Bemerkungen gleichsam aufgezehrt , so daß man sich hätte verwundern sollen , wie fünf Meilen umher irgend etwas nur noch existierte . Eigentliche Bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden Bestreben ; ein selbstischer Mutwille mochte sie gewöhnlich anreizen ; aber eine wahrhafte Bitterkeit hatte sich in ihrem Verhältnis zu Ottilien erzeugt . Auf die ruhige , ununterbrochene Tätigkeit des lieben Kindes , die von jedermann bemerkt und gepriesen wurde , sah sie mit Verachtung herab ; und als zur Sprache kam , wie sehr sich Ottilie der Gärten und der Treibhäuser annehme , spottete sie nicht allein darüber , indem sie uneingedenk des tiefen Winters , in dem man lebte , sich zu verwundern schien , daß man weder Blumen noch Früchte gewahr werde , sondern sie ließ auch von nun an so viel Grünes , so viel