eben erhalte ich von Korinth Nachricht , daß der beschwerlichste meiner Nachsteller den Weg , den ich genommen , entdeckt habe , und morgen in Athen eintreffen werde . Er soll das Nest leer finden . Morgen mit dem frühesten fliege ich nach Korinth zurück . Aber damit sich doch die Athener eine Zeit lang meiner erinnern , muß ich noch etwas thun , das in ihrer Stadt vermuthlich noch nie gesehen worden ist . Ich habe alle Bekannten , die ich hier gemacht , junge und alte , zwanzig bis dreißig an der Zahl , zu einem kleinen Abschiedsfest einladen lassen . Ein halb Duzend Köche sind bereits in voller Arbeit ; denn ich werde meine Gäste mit einem Symposion in Korinthischer und Cyrenischer Manier bewirthen . Alle Götter der Freude sollen von der Partie seyn ; ich lasse die berühmtesten Citherspielerinnen und Auletriden104 dazu bestellen , und deine Grazien sollen alle ihre Talente in Gesang , Tanz und Mimik den Augen und Ohren der entzückten Cekropier Preis geben . Du siehst es will sich nicht anders schicken , als daß die edle Anaximandra von Cyrene , die mit dem Pracht und Vergnügen liebenden Aristipp verwandt zu seyn die Ehre hat , den Athenern ihre Dankbarkeit für die gute Aufnahme , die sie bei ihnen fand , auf eine seiner würdige Art beweise ; und muß ich nicht meinem erhabnen Liebhaber zeigen , daß seine Lehren und Ermahnungen auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen sind ? Denke ja nicht , daß ich seiner dadurch spotten wolle . Die Grazien haben auch ihre Philosophie , und er soll sehen , daß sie sich mit der seinigen , wenn sie anders nicht gar zu störrisch ist , ganz gut verträgt . Ob ich auch deinen sauertöpfischen Antisthenes zu der freundlichen Tugend bekehren werde , die , um die Herzen zu gewinnen , die Gestalt der Freude annimmt ? Wir wollen sehen . Ich melde dir von Eleusis aus , daß alles recht gut abgelaufen ist . Meine Gäste schienen von mir und meinem Gastmahl und den Talenten meiner Grazien bezaubert . Sogar die finstere Stirne des strengen Antisthenes entrunzelte sich . Den Sokrates allein glaubte ich bald ernsthafter bald ironischer zu sehen als gewöhnlich , und man hätte zuweilen denken sollen , er sey von der Polizei bestellt mich zu beobachten , so scharfe Seitenblicke heftete er von Zeit zu Zeit auf mich . Aber Anaximandra machte es wie Hippokleides105 und ließ sich ' s nicht kümmern ; oder vielmehr , sie begegnete ihm mit der zärtlichen Aufmerksamkeit einer guten Tochter , und schien nichts an ihm zu sehen , was ihre fröhliche Stimmung hätte unterbrechen können . Das Fest dauerte ziemlich weit in die Nacht , und Sokrates war einer der letzten , die sich zurückzogen . Nachdem die Gesellschaft sich in einzelne Gruppen getheilt hatte , und während die meisten den Spielen und Tänzen zusahen , fanden wir uns wie durch Zufall in einer Ecke des Saals allein . Ich lenkte das Gespräch mit guter Art auf dich , und bat ihn , mir ganz offenherzig zu sagen was er von dir denke . Aristipp , antwortete er , ist ein junger Mann von vorzüglichen Anlagen ; als ein Liebhaber des Schönen möchte er auch wohl die Tugend lieben , wenn sie nur keine Opfer forderte . Seine Sinnesart ist edel ; aber was ihm immer gefährlich seyn wird , ist sein Hang zu einem freien Leben und zur Sinnenlust . Ich . Wir haben ihn nie ausschweifend gekannt . Sollte er die Gelegenheit , weiser bei dir zu werden , so wenig benutzt haben , daß er sich erst zu Athen verschlimmert hätte ? Sokrates . Auch ich habe ihn nie über die Gränzlinien des Wohlanständigen hinausschweifen sehen , und über einen gewissen Punkt beschämt seine Unsträflichkeit unsre meisten Jünglinge . Aber sein letzter Aufenthalt zu Aegina machte mich vielleicht seinetwegen besorgter als nöthig war . Ich . Wie so ? Hat man dir vielleicht von seiner Anhänglichkeit an eine gewisse Lais von Korinth gesprochen ? Sokrates . Ich höre wenig auf Gerüchte . Sie soll außerordentlich schön , geistvoll und liebenswürdig seyn ; und eben darum halte ich sie bei der freien Denkart , wovon sie Profession macht , für eine sehr gefährliche Zaubrerin . Ich . Sokrates , du siehst Anaximandren jetzt zum letztenmal , und sie könnte sich nicht verzeihen dich länger zu täuschen . Ich selbst bin diese Lais , die du unter einem andern Namen liebenswürdig gefunden hast , und die dir in diesem Augenblick des Scheidens gesteht , daß sie dich allen Männern vorzieht , die sie jemals gesehen hat . Sokrates . Deine Aufrichtigkeit , schöne Lais , ist der Erwiederung werth : du sagst mir nichts Neues ; schon diesen Morgen wußte ich wer du warst . Du glaubtest ich schwärme ; jetzt begreifst du , daß ich bei ruhigem Muthe war . Lebe wohl , und erinnere dich zuweilen an den Oelbaum der Polias ! - Ich konnte mich nicht erwehren meinen Mund auf seine Hand zu bücken , und so wahr mir Urania gnädig sey , eine Thräne , glaube ich , fiel auf sie herab . Er drückte die meinige und entfernte sich . 26. Aristipp an Lais . Es war der allesvermögenden Lais Anaximandra vorbehalten , uns an Sokrates eine Seite zu zeigen , die ohne sie entweder gar niemals , oder wenigstens in keinem so schönen Lichte , sichtbar geworden wäre . Die ganze Art seines Benehmens gegen dich macht ihn in meinen Augen sehr ehrwürdig ; und besonders am letzten Tage ist er so ganz Sokrates , so ganz , was nur er allein seyn kann , der seltenste , oder soll ich sagen seltsamste , Hermaphrodit von Vernunft und Schwärmerei , den die menschliche Natur vielleicht jemals hervorgebracht hat ! Wirklich glaube ich , daß du dir nicht zu viel schmeichelst , wenn du ihn ( wiewohl nur im Scherz ) unter deine Liebhaber