er den Schlag öffnen , um ganz die Sonne hereinzulassen ... Und wenn es ihm allmählich wurde , als müßte schon die Lerche seines Frühlingsliedes steigen , so war es , weil sich zuletzt doch siegreich nur noch allein Paula ' s Bild in milder Anmuth auf sein inneres Auge senkte ... Das Gewitter in ihm verrollte ... Nur noch einzelne Schläge , nur noch das Zucken seines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes - dann zogen die drohenden Geister der Luft immer ferner dahin ... Auch der innere Himmel blaute wieder und all sein Leben ruhte im Blick hinüber auf Westerhof ... Dennoch , dennoch klagten die innern Melodieen : Muß ich es ewig sehn ! In deine Locken Flicht doch dereinst den Kranz die fremde Hand ! Der Myrte silberweiße Blütenflocken - Doch schimmern sie dir einst aus fernem Land ! Unsterblich Loos , an Sterbliche gegeben , Dich zu umfangen für ein ganzes Leben ! O lächle nicht zu hold ! Du kannst nicht wissen , Wie Lächeln wird zu Hoffnungdämmerschein ! Wie sich das Licht entringt den Finsternissen Und hüllt die Welt in Rosenwolken ein ! Du ahnst es nicht , wie deinem Zauberworte Zu sel ' gen Träumen sich erschließt die Pforte ! Es kann nicht sein ! Es soll nur still verhallen ! Wie Zephyrhauch am holden Frühlingstag ! Wie in dem Strom die stillen Tropfen wallen ! Nur wie die Knospe bricht im Rosenhag ! ... Und rief ' s die Welt im Chor - Dennoch entsage ! Spräch ' immer nur des Echos leise Klage - - In Witoborn wurde Bonaventura von dem alten Meßner Tübbicke angehalten ... Dieser bat ihn aufs dringendste , erst nach Sanct-Libori zu fahren , wo Norbert Müllenhoff plötzlich erkrankt war und das Bett hütete ... Eben entbot er ihm einen Vicar und vielleicht , bat er , hätte der Domherr auch die Freundlichkeit , den Pfarrherrn in seinen Functionen zu unterstützen ... Beichten , Messen , alles würde in Stocken gerathen , wenn die Krankheit andauerte ... Bonaventura mußte den Umweg über Sanct-Libori nehmen ... Sonntag war vor der Thür , aber nichts erschreckte ihn mehr , als die Aussicht auf Beichthören ... Er billigte als Aushülfe einen Vicar aus dem Seminar - aus demselben , aus dem einst Leo Perl gekommen ... An der Besitzung der Frau von Sicking brauchte er jetzt nicht , wie er gefürchtet , vorüberzufahren ... Den Pfarrer fand er in der That im Fieber ... Müllenhoff behauptete , sich beim Brand erkältet und über das Fräulein Benigna von Ubbelohde geärgert zu haben ... In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen , die vor seiner Thür gestanden hatten , der Anlaß seiner Krankheit ... Wie der Gensdarm von der Schmeling zurückgekommen war und den ganzen Hausstand derselben geschildert hatte , auch die Anwesenheit des verunglückten Dieners auf Westerhof , auch die der Finkenhofer Lene und ihrer Umstände , da legte er sich ins Bett ... Der Geschäfte gab es für den Eiferer so viele ... Gerade war der Kirchenconvent gekommen ... Er kam , um Strafen zu verhängen , um die neue Tanzordnung für den Finkenhof zu ordnen , um den Jünglings- und Jungfrauenbund für die Ostern einzuleiten ... Bonaventura mußte alle diese Neuerungen auf einen andern Tag verschieben ... Müllenhoff , wie sich bei einer so markigen und kernhaften Natur erwarten ließ , wand sich in ungeberdiger Ungeduld auf dem Lager . Vor Aufregung und Erhitzung durch den Thee , den ihm die Kathrein zu trinken gab , sah er wie zum Schlag treffen aus ... Bonaventura sprach ihm zur Beruhigung ... Besaß doch auch nur er diesen sanften Ton , der Herder ' s Behauptung widerlegen müßte , daß die Sprache von den Menschen erfunden ist ... Diesen Ton , der tröstend zu den Leidenden spricht , der wie ein Balsamhauch über brennende Wunden fährt ; den nicht die Zunge , den das Herz selbst einsetzt und gerade so einsetzt , wie der Schmerz seine Klage ... Diesen allein tröstenden Ton , den ein Arzt hat , wenn er , ein weiser Heilkünstler , in das Zimmer eines Kranken tritt ... den ein Vater hat , wenn er ein ' Kind an sein Herz zieht und es ermuntert nur ihm , ihm allein seine jungen Leiden anzuvertrauen , ihm allein die Erstlinge seiner Schmerzen zu opfern ... Müllenhoff meinte zaghaft : Ich möchte Ihnen wol beichten ! ... Bonaventura hielt dies Wort für ein Zeichen der Todeserwartung , für ein Begehren , schon die Sterbesakramente zu empfangen ... Er bat den excentrischen Mann , sich nicht aufzuregen ... So unterblieb das Abschütteln einer , wie es schien , drückenden Last ... Ein normirtes Vespergebet mußte Bonaventura im Stift Heiligenkreuz halten ... Das war unerläßlich ; - wer zählt die religiösen Pflichten , die sich an die Altäre der alleinseligmachenden Kirche auf Stunde und Minute knüpfen ! ... Kein Gotteshaus , und wär ' es noch so klein , es hat seine Ordnung und seine bestimmten Tage , die nur ihm allein angehören ... Geburtstage im Kalender der Heiligen ( die Geburt eines Heiligen ist sein Tod ) gibt es mehr , als Tage im Jahre ... So reicht die Zeit kaum aus für die Reihe der Zeugen und Bekenner , deren Gedächtniß die Kirche feiert ... Jede Diöcese besitzt ein Programm seines Kirchenjahrs , so festgeordnet auf Ort und Minute , wie die Astronomie die Constellation der Gestirne bestimmt ... Der Wittekind ' sche Wagen blieb zu Bonaventura ' s Verfügung ... Er fuhr damit nach Heiligenkreuz und hielt das Vespergebet zu nicht geringer Ueberraschung der Stiftsdamen ... Gib Acht , du kommst nach Westerhof und triffst schon Lucinden ! ... Dieser Gedanke verfolgte ihn ... Lange aber hatte ihm eine einfache kirchliche Function so wohlgethan , wie heute nach allen Aufregungen dies stille Murmelgebet in der kleinen dunkeln Kapelle des Stifts ... Und das hätte dann allerdings den Damen behagt , wenn Bonaventura ihnen Beicht abgenommen