den er nicht zu fassen vermochte . Ungeduldig über das Nachdenken , in das ihn die Scene versetzte , verstimmt über das Scheitern seiner Störungen eines abscheulichen Spionengeschäftes war er nahe daran , Schmelzing von hinten zu packen . Wie , wenn ich ihm die Gurgel zudrückte und ihn von der Zelle fortschleppte ? dachte er und erhob sich und schritt jetzt auf und ab , ohne sich um Schmelzing ' s wüthende Winke zu bekümmern . Bei diesen Wanderungen , die wiederum bewirkten , daß Schmelzing nicht aufhorchen konnte , kam Hackert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz , wo ebenfalls gesprochen wurde . Er hörte überrascht hin und vernahm eine gebrochene französische Aussprache , wie an dem Mittelkreuz . Andere Stimmen mischten sich in den Vortrag des prononcirteren Franzosen . Eine gewichtige Baßstimme stimmte in die Äußerungen des Franzosen mit ein , während eine andre opponirte . Der Schall mochte ihn verführen , die Gesellschaft für zahlreicher zu halten , als sie war . Deutlich hörte er das Klappern eines Degens , mußte also annehmen , daß auch ein Offizier in der Nähe dieses dritten Kreuzes war . Bald unterschied er das Thema , das besprochen wurde . Es war ein politisches . Er hörte den Namen der Jesuiten nennen . Man bat mehrfach den Franzosen , sich offen über diese Gesellschaft auszusprechen . Man versicherte ihn , daß er sich unter Freunden befände , unter den aufrichtigsten Verehrern einer Politik , die nicht auf Kleinliches und Geringes , sondern auf Weltplane lossteuere . Als die Baßstimme mit priesterlicher Salbung sagte : Dies ist der berühmte General , der mit dem Jahrhundert Fangball spielt , gleich dem Eskamoteur des Zaubertisches , der vielgefürchtete sogenannte Jesuitenfreund ... als Hackert diese Worte überlegte , für seinen Fall erwog , kehrte er zu Schmelzing zurück und machte ihm Gestikulationen , die nichts Anderes sagen wollten als : Esel ! Esel , die wir sind ! Hier liegen wir und vergeuden die Zeit ! Da ist die Stelle , wo Pax unsre Ohren hinbeordert hat . Ein Franzose , nicht wahr ? Ja wohl ! nickte Schmelzing . Ein Offizier ? Natürlich ! Donner ! Hier sind ja die Rechten ! Hier sitzen die Mordbrenner ! Ich bin starr , was ich gehört habe ... Königsmord ! Allmächt ' ger Gott ! Schmelzing ! Hier ist ' s ja ! Stimmen so heiser wie die Banditen ! Sie hören hier jedes Wort ! Kommen Sie einmal her ! Damit zog Hackert den erstaunten Schmelzing empor . Dieser , der ein Misverständniß für nicht unmöglich hielt , folgte . Als er den Franzosen husten und näseln , den Degen des Generals klappern hörte , war ihm kein Zweifel mehr . Die Phrase , die eben ausgesprochen wurde : Wir leben nun einmal im Zeitalter der Revolutionen ! zog ihn wie auf ' s Commando sogleich zur Erde nieder . Und wie ein Stenograph sich nicht erst lange besinnen darf , sondern mechanisch die Hand dem Ohre sogleich folgen läßt , so schrieb auch schon Schmelzing , während er sich noch niederließ . An den Wein und den Eßproviant , den Hackert in seine Nähe rückte , dachte er nicht ; so emsig holte er das Versäumte nach und schrieb und schrieb und blickte nicht mehr auf , denn sein Pergament füllte sich , Streifen auf Streifen . Er schrieb wie athemlos . Während Schmelzing die gemüthliche Unterredung des Propstes Gelbsattel mit dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emissair einer philanthropischen Gesellschaft , Herrn Sylvester Rafflard , die man in einer völlig abgeschlossenen Trinkzelle des vielgesuchten alterthümlichen Rathskellers veranstaltet hatte , Wort für Wort für die Polizei niederschrieb und nun nicht im Mindesten mehr von Hackert in seinem Amtseifer gestört wurde , wandte dieser ihm den Rücken und hörte , endlich freiathmend , die ihm nun allein vernehmbare Erzählung , die nach einem lebhaften Zusammenklang der Gläser eben der Offizier unter seinen Freunden vortrug und in welcher ihn anfangs nichts interessirte , nichts ihm verfänglich schien . Er hörte gleichgültig bis auf die Stelle , wo ein Verhältniß erwähnt wurde , das dem seinigen zu Melanie Schlurck außerordentlich ähnlich sah . Als er hörte , daß dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Mädchens die Rede war , das dieser durch Bildung , Eifer und Anstrengung sich erobern wollte , entfuhr ihm so laut jener unten vom Major gehörte Seufzer , daß sich Schmelzing umwandte und ihm drohte . Die Erzählung brach aber ab oder wurde leiser , weil wehmüthig . Er hörte nichts von dem ferneren Unglück Leidenfrost ' s. Er war in ein düsteres , trübes Sinnen verfallen . Erst als Dankmar seine Stimme erhob und wieder kräftig über die Zeit und die Menschen im Allgemeinen zu reden begann , verstand Hackert deutlich , was verhandelt wurde . Dankmar ' s Rede konnte er sich natürlich nur in den Hauptideen merken . Wörtlich aber lautete sie , wenn wir wieder zu der Gesellschaft zurückkehren wollen , wie folgt . Zehntes Capitel Dankmar ' s Weiherede Das Erbe der Gebrüder Wildungen , sprach Dankmar , erscheint also im Lichte der öffentlichen Meinung als ein ungerechter Rückgriff in den Lauf der Zeiten ! Und doch ist es ein sprechender Beweis für den Kampf der Interessen , wie sie sich befehden , vernichten . Auch wir berufen uns auf dasselbe Siegel , von dem der Staat und die Kirche , das Allgemeine und die Gemeinde ihre Rechte herschreiben . Wir zeigen an einem grellen Beispiele , daß sich Gesetze und Rechte wie eine » ewige Krankheit « forterben . Ob wir gewinnen , ob wir verlieren , die Zukunft wird es zeigen . Man wird Lücken in meinen Beweisführungen entdecken , man wird Papiere finden , man sucht sie wenigstens , die unsere Ansprüche entkräften sollen . Gesucht nur oder gefunden , ich schwinge mich auf einen höheren Standpunkt und will in dem Wettkampfe , den die berechtigten Gewalten aus ererbter Autorität täglich