ein ... In dem Dünkel und Siegesübermuth , der sie , wie damals alle diese abenteuernden Fremden , gegen jede Vorsicht blind machte , steigerte sie sich selbst zuletzt zur Ueberzeugung , daß sie ihre allgemeine Anerkennung als Frau von Wittekind erst von spätern Zeiten abhängig machen müßte ... Nun ging unser Leichtsinn so weit , daß der eine künstliche Pacten schloß mit Siegeln von Aemtern , die nirgends existirten , der andere Correspondenzen mit der Familie eröffnete , der dritte falsche Dimissorialen des Pfarrers von Schloß Neuhof brachte , die nothwendigen Depense , die dem Freiherrn gestatteten , sich andernorts trauen zu lassen - kurz , wie es nur in einer Zeit möglich war , wo täglich die größten Ereignisse sich drängten , Throne wankten , Völker in Bangen und Zagen lebten . Wir erfanden und setzten dies Abenteuer unserer noblen Passionen wie eine Fastnachtsposse in Scene « ... Löb Seligmann schauderte über den ehrwürdigen Herrn Dechanten , der einst solcher Streiche fähig gewesen ... » In Paris hatte ich einen jungen geistvollen Gelehrten kennen gelernt , eine höchst geniale Natur ... Er nannte sich Leo Perl und war ein Jude « ... Löb ' s Athemzüge wurden ihm jetzt selbst fast vernehmbar . Er mußte aufstehen und zwei Schritte weiter gehen ... Dann stand er wieder still , um nichts zu versäumen , und horchte zitternd ... » Perl war « , las der Provinzial , » aus der Gegend meines jetzigen Wohnorts gebürtig und seines Zeichens Rabbiner . Sein Aeußeres war ein gar stattliches . Nach Paris kam er , um in den dortigen Bibliotheken talmudische Manuscripte zu lesen . Ich lernte ihn kennen und schätzen . Im Geiste der Zeit , der nicht mehr der Geist des Deismus , sondern ein Bestreben war , irgendwie aus dem Deismus herauszukommen , standen wir uns nahe . Frömmler waren wir natürlich am wenigsten ; das Leben nahmen wir leicht - ich wenigstens gab den Lebensanschauungen eines Alcibiades nichts nach « ... Alcibiades ! wiederholte sich Löb und wußte jetzt ein höheres Wort zur Bezeichnung des Leichtsinns ... » Wir hatten aber ein Bedürfniß des Positiven . Freilich - wir suchten es eher in Indien und an den Quellen des Ganges , als in Judäa und an den Quellen des Jordan . Leo Perl war halb aus Scherz halb ernsthaft Kabbalist , was mich als Curiosität anregte . Er sprach die meisten lebenden und mehrere todte Sprachen . Sonst war er aufgewachsen wie ein echter Rabbinerknabe in alten Büchern und mikrologischen Studien ; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der feinern Geselligkeit fremd , jedoch seine zähe Lebenskraft , sein Witz und manche Schalkhaftigkeit halfen ihm auch dort sich zu behaupten ... « Gott im Himmel ! sagte sich Seligmann und war nicht einverstanden mit dem Worte : Zähe Lebenskraft ... » Zugleich war Perl gefällig und interesselos , wie ein Kind ... Ihm verdank ' ich nicht nur den größten Theil meiner Ausbildung , die Läuterung meiner Lebens- und Kunstansichten - sogar meine Existenz « ... Ein Mensch ! rief Seligmann schmerzbewegt ... » Durch Perl wurde ich auf das Stift Sanct-Zeno an seinem Geburtsort aufmerksam gemacht und auf dessen alte Rechte und Urkunden ... Er begleitete mich nach Deutschland und gab mir Mittel und Wege , diese einträgliche Stelle mit Hülfe des Kaisers von Oesterreich aus der Säcularisation zu retten und für mich zu gewinnen . Ich habe ihm für alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld ist es nicht , wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch die an äußere Beweise meiner Dankbarkeit fügen kann . Plötzlich zog er sich von uns allen zurück ... Trotzdem , daß er infolge unsers Leichtsinns Christ wurde « Löb saß wieder zusammengekauert wie ein Jäger auf dem Schnepfenfang ... » Leo Perl hatte in seinem Wesen zwei unvermittelte Gegensätze . Der gewaltige Mann lebte höchst mäßig , entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur . Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelassenheit « ... Wie Veilchen ! sagte Löb ... » Er aß trocken Brot und sprach anerkennend über die , denen nur Trüffeln mundeten « ... Wie Veilchen ! ... » Er erklärte sich für unfähig , einen vernünftigen Satz zum Druck zu stilisiren und seine zierliche Hand schrieb doch Briefe voll Geist « ... Wie Veilchen ! ... » Perl war der strengste Kritiker , der jemals beizende Lauge im Urtheil über ein Ganzes mit der Fähigkeit verband , doch im Einzelnen die Tiefe der Absicht und die Schönheiten des Details zu erkennen « ... Das wurde Löb zu hoch und - » beizende Lauge « führte ihn sogar zerstreuend auf Veilchen ' s Spitzenhandel ... » Er tadelte in kleinen Aufsätzen ein Buch so , daß man dennoch den Verfasser lieb gewann . Alles das geschah mit so viel Bonhommie , daß man vor Lachen gesund wurde , wenn man seine Scherze las « ... Seligmann hauchte wieder für sich hin : Wie Veilchen ! ... » Ich nannte ihn den zwölften Apostel , den Christus zum Ersatz für Judas Ischarioth hätte nehmen müssen . Auch versicherte er mich , sein Vorgänger Judas Ischarioth wäre der unglücklichste aller Menschen auf Erden gewesen : er wisse bestimmt , er hätte Christus geliebt : er hätte ihn mehr geliebt , als Johannes ; er hätte Jesus nur verrathen , um ihn zur Entschiedenheit zu bewegen ; er hätte sich erhängt aus Verzweiflung , weil ihn ein Werk der Freundschaft mislungen . Würde ihn Jesus , sagte Perl , drei Jahre lang um sich geduldet haben , wenn er nicht Eigenschaften an ihm erkannt hätte , die wenigstens denen der andern Apostel gleichkamen ? ... So zwischen Ernst und Scherz , bald durch seine Behauptungen erschreckend , bald wieder wohlthuend , konnte Leo Perl plaudern . Wir gewissenlosen Cavaliere - immer ist es mir , als hätten wir nicht Ursache gehabt , uns der spätern Wendung