Ach , schweigen Sie von Verwesung , Hackert ! Sie haben gut reden ! Sie haben den feineren Stufengang der Sinne , Schmelzing , und ich fürchte sehr , ich habe nur den gemeinen . Sie machen Possen ! Im Ernst , Sehmelzing . Ich sterbe umgekehrt ab . Ich rieche schon jetzt gar nichts . Mein Geschmack ist dürftig . Der Wein z.B. mundet mir keineswegs und doch seh ' ich an der Etikette , daß es der feinste ist , den der Polizeiminister kaum besser hat . Mein Gefühl ist leidlich . Aber sehen kann ich durch ein eichen Bret und hören ist meine Leibpassion . Ich höre z.B. jetzt eben ... Was hören Sie ? Hören Sie nicht die Thür knarren ? Machen Sie mir keine Angst ! Lassen Sie Das ! Es ist möglich , daß ich mich täusche . Wissen Sie was , Schmelzing , ich will mich hinlegen und schlafen . Hier sprang Schmelzing auf . Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens so eigenthümlich dargestellt , daß Schmelzing an die alte Nachbarschaft und das frühere Nachtwandeln Hackert ' s dachte , von dem dieser behauptete , jetzt gänzlich geheilt zu sein ... Es fehlte nicht viel , so hätte Schmelzing nun laut gesprochen . Der Dialog über die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die Zeichensprache sehr leicht zu versinnlichen . Die beiden Sprecher hatten immer nur nöthig , auf die betreffenden Organe zu zeigen . Diese Andeutung aber , daß Hackert hier schlafen wolle und wohl gar in seinen alten Zustand verfallen könnte , diese Möglichkeit , verbunden mit so scharfem Gehöre , daß er eine Thür wollte knarren gehört haben , war Schmelzingen zuviel . Hätte er nicht das Geräusch gefürchtet , er hätte Hackerten sein Holzpennal an den Kopf geworfen oder einen Tintenstecher , den er schon aus der Tasche zog . Hackert ließ in seinen Angriffen auf Schmelzing ' s Ruhe nach , denn Siegbert hatte aufgehört zu reden . Das Durcheinander von Stimmen , das herauftönte , brachte jetzt nicht ein einziges gefährliches Wort . Schmelzing war außer sich vor Zorn , als er auf seine leeren Blätter blickte . Es wurde unten ruhiger . Eine Stimme sprach , die Hackert nicht kannte . Es war dies die Stimme von Leidenfrost . Anfangs dachte er , der mag reden , soviel er will ! Plötzlich nahmen Leidenfrost ' s Äußerungen aber einen Charakter an , der Schmelzingen bestimmte unwillkürlich auszurufen : Herr Gott ! Nun kommt ' s ! In der That war Das die Rede eines vollständigen Demagogen . Ja , dachte Hackert , Das wird nun arg ! Es sind in der That die unvorsichtigsten Menschen von der Welt da unten . Wie kann Siegbert Wildungen ableugnen , daß er in Gemeinschaft eines solchen Aufrührers politische Berathungen gepflogen hat ! Und nun entschloß er sich rasch , Schmelzingen auf ' s neue in Verwirrung zu bringen . Die erste Schwäche des Schreibers , sein Ehrgeiz , war schon ergiebig gewesen . Er entschloß sich , mit einer neuen anzubinden . Schmelzing war verliebt . Hackert wußte Das nicht nur im Allgemeinen , sondern hatte sogar an mancher Zudringlichkeit gegen Louise Eisold beobachtet , daß er einen Eindruck seiner hagern , gespenstischen Figur auf das junge , ihn verachtende Mädchen für möglich hielt . Ihm , Hackerten , war der Gedanke an Louisen etwas Heiliges . Er liebte sie nicht , er fürchtete sich vor ihr ; er entfloh sogar in allen seinen Gedanken der Erinnerung an dies edle , sittenreine Mädchen . Sein Athem stockte , seine Brust beklemmte sich , wenn er ihrer gedachte , ihrer , die er verlassen , die er nie wieder aufgesucht hatte , auch im Geiste geflohen war ! Aber nun mußte er ihr Andenken heraufbeschwören . Wachrufen in der gemeinen Seele dieses dürren Schmelzing ! Er besann sich , ob er denn nicht irgend ein anderes Mädchen wisse , dessen Namen er entweihen durfte , um Schmelzing ' s Phantasie zu verwirren . Er fand keine . Da hörte er , daß der Sprecher unten die Barrikaden erwähnte , und ohne lange Besinnung machte er einen Griff an seinen linken Ringfinger und zeigte auf denselben Finger an Schmelzing ' s Hand . Schmelzing wollte nicht hören . Hackert wiederholte das Zeichen . Wo haben Sie denn Ihren Ring , Schmelzing ? sagte er . Zum Donnerwetter ! Welchen Ring ? Den Ring von Louise Eisold ! Ich einen Ring von Louise Eisold ? Wie Sie auszogen - Wie wir auszogen ? Den Ring , den sie Ihnen zum Abschied an den Finger steckte ? Mir einen Ring ? Sie schlafen wol ? Schlaf ' ich ? Träum ' ich vielleicht ? Hackert , seien Sie still ! In meinem Leben nehm ' ich Sie nicht wieder hier mit ... Was wollen Sie denn ? Ich weiß doch , daß Sie da an der linken Hand immer einen Ring trugen und Louise hat mir selbst gesagt , daß sie Ihnen noch einen Ring geben wollte . War ' s der nicht ? Mir einen Ring geben ? Sie verwechseln sich wol mit sich selbst ! Halten Sie mich für eitel ? Die Louise hat Nachsicht mit mir gehabt , weil ich Ihr Freund bin . Lassen Sie mich in Ruhe ! Aber ich habe ja die Haare selbst gesehen , die sie für Sie abschnitt . Köstliche braune Haare , Schmelzing . Sie gab sie zum Haarflechter und es sollt ' ein Ring für Sie werden . Hernach zogen Sie aus und erkundigten sich nicht mehr nach einem Mädchen , das Sie überraschen wollte ! Sie staunen , Schmelzing ? Sehen Sie , daß Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem schlechten Gesicht und Gehör . Plato hatte auch kein Glück in der Liebe ; denn er war kurzsichtig . Man nennt Das die Platonische Liebe . Man muß ein scharfes Auge haben , um in ' s