und demütigen Augen , die jedermann um Verzeihung für diese Nase zu bitten schienen , die allgemeine Aufmerksamkeit . Sie hatte den Plan , an ihrem gemeinsamen Wohnsitz ein Heim für alleinstehende , invalid gewordene Mädchen zu gründen . Mit vereinten Kräften . Was sagten die Damen dazu ? Lebhafter , stimmenreicher Beifall folgte . Als hätte sie eine neue , herrliche Lustbarkeit vorgeschlagen , so drängte man sich , um Aufrufe zu erlassen und zu verbreiten , Lotterieen zu veranstalten , reiche Kaufleute um Beiträge anzugehen , den Magistrat um Überlassung eines Baugrundes anzugehen . Lauter Dinge , die den von ihrer Hände und ihres Kopfes Arbeit lebenden Mädchen nur neue Lasten auflegten . Aber ihre Tage bestanden doch schon in einem so unaufhörlichen , eiligen Jagen um den Lebensunterhalt , daß es nicht darauf ankam , noch mehr Lauferei und Hetzerei auf sich zu nehmen . Es galt ja ein gemeinsames Interesse , zu jeder einzelnen Vorteil . — Warum sind nur alle so lustig , dachte Agathe , sie haben doch gar keinen Grund dazu . Für den Braten und die süßen Speisen , die ihnen vorgesetzt wurden , mußte Fräulein Kriebler mit ihrer nervösen Hast viele Male die ganze Stadt durchtraben und mindestens fünfzehn Stunden geben . Das wußten sie alle . Aber sie wußten auch , daß es Fräulein Krieblers Stolz war — ein nicht unwesentlicher Teil ihrer Menschenwürde , die Kolleginnen einige Mal im Jahr bei sich zu bewirten . Jede von ihnen hielt auf diese Sitte . Und sie ließen es sich behaglich schmecken , während sie von dem Mädchenheim redeten , das ihnen eine Aussicht auf eine gesicherte Zukunft eröffnete . Die Zukunft , die sie sich im besten Falle mit ihrer energischen Arbeit bei Tage und die halbe Nacht hindurch , mit allem ängstlichen Sorgen und Sparen schaffen konnten — eine Stube mit einem Ofen in einem öffentlichen Stift , wo sie ihre paar Andenken um sich sammeln und darauf rechnen konnten , daß ein Fremdes ihnen eine Suppe brachte , falls sie krank wurden — denn dafür sollte ja die Stube sein : um , ohne jemand zu stören , einsam die letzten Arbeitstage hinzubringen und dann zu sterben . Ihre Heiterkeit war ein wenig laut und gewaltsam . Alle die Damen sprachen mit einer gewissen Aufdringlichkeit von ihrer inneren Befriedigung , von ihren segensreichen Berufspflichten , von den Beschwerden der Ehe und der Schönheit ihres freien Mädchenlebens . Schönheit — ach Du lieber , gütiger Gott — wo war denn da wohl ein Fünkchen Schönheit zu finden ? Wie geheimnisvolle Schuld , die andere Geschlechter ihnen aufgebürdet , mußten die armen Geschöpfe ihre körperlichen Gebrechen , den anmutbaren Frauenleib mit sich schleppen . Agathe versuchte vergebens , sich zum Mitleid zu zwingen . Ihre tiefsten Instinkte empörten sich — ihre zärtlich geschonte Seele wand und krümmte sich vor Entsetzen , unter diese Schar gezählt zu werden . Und man rechnete sie schon beinahe dazu . . . . . Sie durfte sich doch nicht zu den halbwüchsigen Kindern in die Kammer setzen wollen ? Interesse und Begeisterung für das Frauenheim ? — Es schauderte ihr davor , wie vor beginnender Verwesung . . . . . Geschenke für die Lotterie — ja , die versprach sie zu liefern , und Lose würde sie gern nehmen . Sie stand auf , denn sie ertrug es nicht länger — es kam ihr vor , als überschleiche sie die Ansteckung von Häßlichkeit und Alter in dieser harten , glücklosen Heiterkeit . Fräulein Kriebler zeigte sich empfindlich über ihren frühen Abschied . “ Wir sind doch so gemütlich beisammen ! Freilich — viel kann ich ja nicht bieten . A gipsy tea ! ” Agathe hatte darauf gerechnet , sich der verwachsenen Lehrerin anzuschließen , die in ihrer Nähe wohnte . Sie fühlte ein leichtes Bangen , weil sie sich des Abends niemals allein auf der Straße befand . Doch war es noch fast hell , und ganze Ströme von Menschen bewegten sich auf dem Pflaster . Handwerker , Ladenmädchen , Arbeiter , Bürgerfamilien mit Kindern kehrten aus den Biergärten , wo sie bei Militärmusik in Hitze und Cigarrenqualm den Sommer genossen hatten , nach Haus zurück . — — Sommer . . . War es zu glauben , daß irgendwo auf der Welt , gar nicht so fern von hier , weite Felder blaßgoldenen Kornes in schweren , langen Wogen , vom duftenden Abendwinde durchstrichen , der Ernte entgegenreiften ? Daß der Sommer heut , zu dieser Stunde , in vogelstillen Wäldern den reinen Würzgeruch des Harzes aus dunklen Fichten sog — und durch das hohe Gras der Obstgärten schreitend , ihre Früchte mit Saft und Fülle formte . Auf den Bänken der Pferdebahnwagen lag der Staub , wie auf den Röcken und Stiefeln der Männer , der Frauen . Er bedeckte ihren kläglichen Putz — ihr Haar , das glanzlos durch ihn geworden war . Und auf den Gesichtern der Kinder zog er graue Schattenstreifen . Schläfrig , mit Scheltworten überhäuft , wurden sie an der Hand der Eltern vorwärtsgezogen , der schwülen Nacht in der widrigen Luft ihrer ungesunden Heimstätte entgegen . Sommer . . . Warum tauchte er die ganze Natur in Gold und Grün und reifende Fülle und machte nur die Menschen müde , weinerlich oder zänkisch ? War es , weil sie allein sich Kinder Gottes nennen durften und geprüft — gequält — geläutert werden mußten ? Mit vor Traurigkeit ausdruckslosen Augen sah Agathe in das Gewimmel des Volkes , das sich schweißdünstend und schwerfällig an ihr vorüberdrängte . Sie war durstig , ihre Lippen waren trocken und zersprungen . Sie träumte von Wasser , das unter Farnkräutern hell über glatte Kiesel sprang . Aber die vielen , vielen Menschen hinderten sie , dorthin zu gelangen . Sie war eine von ihnen — nur ein Glied dieser Menge — der Staub des Abends lag auch auf ihr , der Schweiß dunstete auch aus ihren Poren . Und