Papiere geprüft ; Schäffer war fortwährend auf dem Wege zwischen der Residenz und den Gütern ; dabei flogen Briefe und Depeschen hin und her , aber diese ganz angestrengte Thätigkeit hatte ein so ernstes , so düsteres Gepräge , als schwebe irgend ein Unheil in der Luft , dem man zuvorkommen oder gegen das man sich wenigstens rüsten wollte . Eugenie wußte allerdings , daß eine Differenz mit den Arbeitern bestand . Arthur selbst hatte es ihr mitgetheilt und hinzugefügt , daß die Sache von gar keiner Bedeutung sei und in Kurzem beigelegt sein werde . Sehr ruhig , sehr kühl hatte er ihr das gesagt und sie nur gebeten , auf ihren etwaigen Spazierfahrten möglichst die Dörfer zu vermeiden , in denen die Bergleute wohnten , da für den Augenblick doch eine etwas gereizte Stimmung herrsche . Die Beamten mußten jedenfalls Winke erhalten haben , die gnädige Frau nicht zu beunruhigen , denn Eugeniens Versuche , von dieser Seite irgend etwas Näheres zu erfahren , scheiterten an höflichem Ausweichen oder beruhigenden Versicherungen . Sie hatten ihr gesagt , daß durchaus nichts zu besorgen , daß die Sache überhaupt von gar keiner Tragweite sei und der Ausgleich jeden Tag zu erwarten stände , – und doch fühlte Eugenie deutlich die geleugnete Gefahr , wie sie die Veränderung fühlte , die seit dem Tode des alten Berkow mit ihrem Gatten vorgegangen war , obgleich er gerade ihr gegenüber sein Benehmen nicht geändert hatte . Die junge Frau war eine zu furchtlose , zu stolze Natur , um dies Ausschließen , diese sichtbare Schonung nicht als eine Art von Beleidigung zu empfinden . Freilich , sie hatte kein Recht auf Offenheit , auf Theilnahme an den Sorgen und vielleicht Gefahren ihres Mannes ; was andere Frauen beanspruchen durften , lag ihr unendlich fern . Wenn das Trennungswort bereits ausgesprochen ist und man nur noch „ anstandshalber “ einige Monate mit einander aushält , um der Welt möglichst wenig Stoff zum Gerede zu geben , so ist man ja auch den gegenseitigen Interessen fremd . Das sah sie ein , und hätte sie es nicht eingesehen , so würde Arthur es ihr fühlbar gemacht haben , der sich in dem Maße , wie er sich täglich kräftiger aus seiner früheren Trägheit aufraffte und sich energischer in die angestrengteste Thätigkeit warf , immer fremder und kälter von ihr zurückzog ; sie dankte es ihm wahrlich , daß er ihr das Peinliche des bevorstehenden Schrittes dadurch zu erleichtern suchte , daß er sie jetzt schon als eine völlig Fremde behandelte . Eugenie verhehlte sich nicht , daß der Tod Berkow ’ s ein [ 172 ] großes Hinderniß ihrer Wünsche aus dem Wege geräumt hatte . Er hätte schwerlich je in die Aufhebung einer Verbindung gewilligt , die sein Ehrgeiz so sehr erstrebt und die er theuer genug erkauft hatte . Sein Sohn dachte anders darin . Ihm war jene Verbindung ebenso gleichgültig , wie die Gemahlin , die er sich in seiner ehemaligen passiven Nachgiebigkeit hatte aufzwingen lassen . Er hatte ihr freiwillig die Trennung zugestanden , noch ehe sie selbst einen Versuch gemacht , dieselbe von ihm zu erreichen , und ein Schritt , der fast überall so unendlich viel Kämpfe , Thränen und Bitterkeiten kostet , der nicht selten alle Leidenschaften des Menschenherzens in ihrer ganzen Tiefe aufwühlt , vollzog sich hier so ruhig und leidenschaftslos , in einem so vollkommenen gegenseitigen Einverständniß , und mit einer solchen Kälte , Höflichkeit und Herzlosigkeit , daß es wirklich ganz bewundernswerth war . Afra bäumte sich plötzlich in die Höhe . Das Thier war nicht gewohnt , mit der Reitgerte angetrieben zu werden , und noch dazu so heftig , als es eben geschah ; es hatte überhaupt heute viel von der Ungeduld seiner Herrin zu leiden , und wäre diese nicht eine so vollendete Meisterin in der Reitkunst gewesen , das feurige , leicht gereizte Pferd würde ihr Mühe genug gemacht haben . So zügelte sie es nach kurzer Anstrengung , aber die feinen Augenbrauen der jungen Frau blieben zusammengezogen und die Lippen fest aufeinandergepreßt , wie in innerem Zorne , ob über den Widerstand Afra ’ s oder über den Mangel an Widerstand von einer anderen Seite , das ließ sich nicht entscheiden . Sie hatte inzwischen den Pachthof erreicht , der eine halbe Stunde entfernt im Thale lag , und nun ging es bergaufwärts , freilich nicht den steilen Fußpfad hinauf , den sie damals mit Arthur hinabstieg und der reitend überhaupt nicht zu passiren war ; nicht weit davon führte ein Fahrweg in langen , aber bequemen Windungen auf die ohnehin nur mäßige Höhe . Dennoch ertrug ihr Pferd , des Bergaufsteigens ungewohnt , nur unwillig die Anstrengung , und sie mußte , oben angelangt , Halt machen , um ihm die nöthige Erholung zu gönnen . Jetzt freilich waren die Nebelschleier verschwunden , die damals über dem Gebirge flatterten , und der helle Sonnenschein floß so leuchtend warm auf die Erde nieder , als habe es nie eine Zeit gegeben , wo sich Regen und Sturm hier um die Herrschaft stritten und die Landschaft ringsum einem grauen , gestaltlosen Nebelbilde glich . Noch lagen die Thäler duftig blau im kühlen Morgenschatten . Desto klarer standen die Berge da , all die zahllosen Kuppen , von denen eine die andere überragte , eine die andere zurückdrängte , nur ein einziges grünes Waldmeer , bis hin zu den fernen blauen Höhenzügen . Die dunklen Tannen hatten sich geschmückt mit lichtem , frischem Grün , und drinnen auf dem Waldboden , draußen auf dem felsigen Grunde , zwischen Wurzeln und Gestein , wo nur eine Ranke Platz finden oder ein Pflänzchen Wurzel fassen konnte , da blühte und duftete es auch in tausend Formen und Farben . Und dazu schäumten die Bäche in ’ s Thal hinab , und die Quellen rieselten , und darüber wölbte sich ein wolkenloser tiefblauer Frühlingshimmel . Das Alles war so goldig klar , so frei und