Widerwärtigen . – Heute nacht noch zieh ich weiter nach Chur . Bringt mir dorthin bald über die Stimmung des Landes Bericht . « Jenatsch bückte sich tief über die Hand des Herzogs , und suchte dann noch einmal sein Auge mit einem Ausdrucke sprachlosen Schmerzes . Rohan sah in diesem langen seltsamen Blicke die Teilnahme eines Getreuen an seinem ausnahmsweise herben Lose er ahnte nicht , welche Wandlung sich im Geiste des Bündners zu dieser Stunde vollzog und daß Georg Jenatsch nach innerm schweren Kampfe sich von ihm lossagte . » Ihr tut wohl , edler Herr « , sagte der Oberst , sich beurlaubend , » in der guten Stadt Chur Euern Sitz zu nehmen . Ihr seid dort hochgeliebt , und solange die Churer Euer Angesicht sehen , und Ihr es seid , o Herr , der den König in Bünden vertritt , wird das Land nicht aufhören von Frankreich das Beste zu hoffen . « Der Herzog sah dem Scheidenden sorgenvoll nach , ohne Mißtrauen , aber im Gefühle , daß , wie er selber eine Zuversicht an den Tag gelegt , die nicht in seinem müden Herzen war , auch der Bündner die Stürme seines unbändigen Gemüts niedergehalten und vor ihm verheimlicht habe . Er blickte noch eine Weile , im Innersten entmutigt und traurig , hinüber an den dunkelnden Berg . Eine Klage entwand sich seiner Brust : » Herr « , seufzte er , » warum hast du deinen Diener nicht in Ehren dahinfahren lassen ! « Fünftes Kapitel Fünftes Kapitel Jenatsch war hinausgeeilt . Ein Sturm wildstreitender Gedanken tobte in seinem Innern , den vor dem Herzog niederzuhalten ihn Anstrengung gekostet hatte . Er verabscheute die Möglichkeit , während dieses Seelenkampfes irgendeinem Menschen Rede stehen zu müssen . Mit eilenden Schritten stieg er , das Gewühl des wachen Dorfes unter sich lassend , die dämmerigen Bergwiesen hinan und ließ seine zornigen Gefühle dahinstürmen wie eine Schar ins Gebiß knirschender Rosse ; aber sein berechnender Geist behielt die Zügel und lenkte die brausenden Mächte seines Gemüts auf immer neuen immer gefahrvolleren , aber wohlbemessenen Bahnen . Das Ziel wonach er sein ganzes Leben lang gerungen , das seine Tage beschäftigt und seine Nächte beunruhigt hatte , um das er mit den verschiedensten Kräften seines Wesens gekämpft , das Ziel wonach er auf den blutigsten Irrwegen geklommen und dem er sich seit Jahren mit gebändigtem Willen als ergebenes Werkzeug einer edeln und , wie er glaubte , in ihrem Machtkreise unbeschränkten Persönlichkeit auf dem sichern Wege der Gerechtigkeit und Ehre genähert hatte – dies Ziel , das er noch heute mit der Hand berührte , es war ihm entrückt – nein , es war vor ihm versunken ! Denn eines stand vor seiner Seele mit entsetzlicher Klarheit : Bünden sollte nie frei werden , sollte nach der Absicht des allgewaltigen und gewissenlosen Geistes , der Frankreichs schwachen König beherrschte und dessen innere und äußere Politik nach Gefallen lenkte , aufbehalten werden bis zum allgemeinen Frieden . Dann von Richelieu in die zu verteilende Masse verfügbarer Länder geworfen , unter die übrigen Tauschobjekte gemengt , war seiner armen Heimat unvermeidliches Schicksal , beim Länderschacher des Friedensschlusses auf den Markt gebracht und diesem oder jenem einen günstigen Handel Anbietenden zugewogen zu werden . Der Herzog trug keine Schuld daran . Er liebte Bünden und wollte es freigeben ; aber er war nicht stark genug , seinen Willen gegen den ihn mißbrauchenden des Kardinals durchzusetzen . Er wagte es nicht , sich mit einem Nebenbuhler zu messen , der über den Schranken der Gewissenhaftigkeit stand ; er scheute sich seinen Gegner mit jenen wirksamsten Waffen zu bekämpfen , die Richelieu mit Meisterschaft führte ! – War es nicht möglich , diese von Rohan kindisch verschmähten Waffen zu ergreifen ? Dem Jäger selbst eine Schlinge zu legen ? Wo galt die menschliche Gerechtigkeit , die der Herzog verwirklichen wollte – wo war ihr Urbild , die göttliche , um sie zu Ehren zu bringen und zu belohnen ? Eitle Träume beides ! Ein frommer Tor nur konnte daran glauben ! . . . Der Herzog war blöde genug zu meinen , der Kardinal anerkenne die Gültigkeit des von dem Mächtigen einem Schwachen gegebenen Wortes ! Er war töricht genug zu wähnen , ein zugunsten der Hugenotten im Bürgerkriege gezogenes Schwert könne jemals von Richelieu vergeben und vergessen werden , es sei möglich durch ruhmreiche Dienste den Haß des mächtigen Ministers auszulöschen ! . . . Er war so blind , nicht einzusehen , daß gerade seine zu Frankreichs Ehre verrichteten Heldentaten für den Eifersüchtigen ein Grund mehr waren , ihn zu beargwöhnen und ihn aufzuopfern ! Wohin aber war es gekommen mit diesem christlichen Ritter ? Er stand am Rande des Abgrundes , ein verlorener Mann ! . . . Und Jenatsch hafte ihn zu dieser Stunde darum daß er ein Betrogener und Besiegter war . Doch unglaublich ! er selber hatte sich ja verblenden lassen durch ein Gefühl bewundernder Liebe zu diesem edlen Menschenbilde ! Er hatte geglaubt , daß der Wert reiner Gesinnung , der ihn berückt hatte , auch in der Rechnung des Kardinals eine Zahl sei ... Ja , wohl hatte Richelieu mit dieser Zahl gerechnet – wie der schlaue Fischer auf seinen Köder zählt – und Jenatsch selbst – , doch nicht allein er – Verzweiflung ergriff ihn – sein Vaterland war ein Opfer dieses Betruges . Vielleicht war noch Rettung möglich ! Weg jetzt mit jedem hemmenden Bedenken , mit allen Banden der Dankbarkeit , mit allen Berückungen der Liebe , mit jeder Eigensucht eines rein gehaltenen Charakters ! Hinunter mit der Vergangenheit ! Weg die Fesseln ihrer liebgewordenen Überzeugungen und Vorurteile ! Gelöst werde jeder Zusammenhang des Dankes und der Treue ! – Jetzt vertiefte sich Jenatsch mit einem durch das Gefühl der Gefahr geschärften Geiste in die Schlangenwege und Berechnungen der französischen Politik . – Eine Befürchtung , die Rohan ihm preisgegeben , ließ ihn einen Schlüssel finden zu den