ihre Untergebenen haben durfte – , es war die Gräfin Völdern vom Kopf bis zur Zehe ... Die junge Dame hatte kein Wort des Dankes für den greisen Mann . – Er war in der glühenden Nachmittagssonne stundenweit gelaufen , um ihren lebhaft ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen , der Schweiß perlte von der Stirne , und die alten Füße waren sicher todmüde – aber das war ja der Lakai Braun , dem die Gliedmaßen dazu gegeben waren , sie zu bedienen . – Solange sie denken konnte , setzten sich diese Arme und Füße für sie in Bewegung , diese Augen durften nicht lachen , nicht weinen in ihrer Gegenwart , der Mund nicht eher sprechen , als bis sie befahl – sie kannte keine Hebung , keine Senkung seiner Stimme , alles ging unter in dem vorgeschriebenen devoten , halben Flüsterton ... Hatte dieser Mann innere Freuden und Leiden ? Dachte und fühlte er ? Das hatte die kleine Gräfin , die über die Möglichkeit eines Seelenlebens stundenlang gegrübelt , nie in das Bereich ihrer Betrachtungen gezogen – diese in ein und dieselbe Form gekneteten Menschen regten sie dazu nicht an . Der Lakai verbeugte sich so tief , als sei ihm mittels der Versicherung , daß der Vogel bezahlt werden solle , eine unverdiente Gnade widerfahren , und entfernte sich auf leisen Sohlen . Im Vestibül trafen die beiden Damen mit dem Minister und der Gouvernante wieder zusammen . Seine Exzellenz zog sich für einen Augenblick zurück , um seinen Anzug mit einem bequemeren zu vertauschen , und die junge Gräfin ging , ihrer Kammerfrau einen Auftrag zu geben , während die Baronin und Frau von Herbeck die Treppe hinaufstiegen . » Haben Sie den Kaffee bestellt , Frau von Herbeck ? « fragte die Baronin . » Er steht bereit , Exzellenz « , antwortete die Gouvernante und deutete einladend in einen Gang , der sich seitwärts vom Hauptkorridor abzweigte . Die Baronin stutzte und zögerte , die niedrige Stufe zu betreten , die hinaufführte . In demselben Augenblick wurde die am gegenüberliegenden Ende des Ganges sichtbare Tür geöffnet – ein Bedienter trat heraus , und als er die Damen erblickte , schlug er beide Türflügel zurück . In einem weiten Saal , nahe an ein hohes Bogenfenster gerückt , stand der Kaffeetisch . Rubinrote und feurigblaue Lichter zuckten über das blinkende Silbergerät und streckten sich riesig und gestaltlos auf das dunkle Getäfel des Fußbodens hin – den Fensterbogen umschloß eine uralte , prachtvolle Glasmosaik , und hinter den funkelnden Gewändern der durchsichtigen Heiligen erblühte das ehrliche Stückchen Thüringer Gegend draußen zu einem feenhaft bunten Wunderreich des Orients . Ohne ein Wort zu sagen , aber mit dem Ausdruck eines mißfälligen Befremdens durchschritt die Baronin rasch den Korridor und betrat den Saal ... Es war derselbe an die Schloßkirche stoßende Raum , der für das Kind Gisela einst ein Gegenstand sehnsüchtiger Wünsche gewesen war – und von den Wänden herab schauten die überlebensgroßen , tiefsinnig verkörperten Gestalten aus der biblischen Geschichte , um derentwillen ehemals die Weltdame , Frau von Herbeck , den Saal stets mit Abscheu gemieden hatte , » weil sie stets schreckhaft davon träumte « . Der Bediente war mit eingetreten ; er rückte die altväterischen gestickten , hochbeinigen Lehnstühle um den Tisch , zog vor eines der Eckfenster den Laden , weil die Sonne zudringlich und sengend in den kühlen , mit einer Art von Kirchenluft erfüllten Raum fiel , und wischte von einer Tischplatte den feinen Staubanhauch , der sich ohne Zweifel in einigen Minuten wieder erneuerte – diese uralten Wände , dieses fast schwarz gewordene Holzgetäfel des Fußbodens predigten wie die Wandgemälde dringend und rastlos das Ende alles Zeitlichen : » Staub , Staub ! « Die Baronin stand neben einem Lehnstuhl , auf dessen hohen Rücken sie ihren Arm stützte – sie hatte weder Hut noch Umhang abgenommen und wartete scheinbar ruhig , bis der Lakai fertig war , dann winkte sie ihm , sich zu entfernen . » Meine beste Frau von Herbeck « , unterbrach sie das peinliche Schweigen eiskalt und ohne ihre Stellung im mindesten zu verändern , » wollen Sie mir nicht erklären , wie Sie auf den Einfall kommen , mich hierher gleichsam zu dirigieren ? « » O mein Gott , wie mögen Exzellenz eine harmlose Anordnung in der Weise deuten ! « rief die Gouvernante . » Die Gräfin ist sehr gern in diesem Saal – wir speisen hier , und ernst und beschaulich , wie mein ganzes jetziges Leben und auch das unserer Gräfin ist , weiß ich für uns beide nichts Lieberes als diesen Aufenthalt ... verzeihen Exzellenz , wenn meine Vorliebe mich zu weit führte ! « Mit wenigen Schritten stand sie vor einer Flügeltür der nördlichen Saalwand und schlug sie zurück – die Schloßkirche tat sich in ihrer ganzen Tiefe auf . Trotz des Sonnenglanzes und der Juliglut draußen webte ein graues , kaltes Halbdunkel unter der mächtigen Kuppel ; die schwer vergoldete , fast überreiche Ornamentierung schimmerte bleich herüber , und unten , neben dem Altar , hob sich das blendend weiße Marmormonument des Prinzen Heinrich gespenstisch aus dem Dunkel ... Eine wahre Grabesluft wehte herein in den Saal – die Baronin zog den Umhang fester um die Schultern und hielt das Taschentuch an die Lippen . » Sagen Exzellenz selbst , ob das nicht ganz wundervoll ist ! « fuhr Frau von Herbeck fort . » Ich meide geflissentlich die Neuenfelder Kirche , solange der Antichrist da drüben von der Kanzel herab gegen unsere Bestrebungen intrigiert ... Es bleibt mir mithin nur die eine Erquickung , mir wöchentlich einigemal den Greinsfelder Schullehrer herüberkommen zu lassen – er ist streng bibelgläubig und spielt mir Choräle auf der Orgel . « Ein flüchtiges , aber sehr boshaftes Lächeln zuckte um die schönen Lippen der Baronin – vielleicht gedachte sie jenes Momentes , wo diese Frau da im Eckstübchen der Neuenfelder Pfarre majestätisch auf und ab gerauscht war , maßlos