und die Einsamkeit auf ihrem abgelegenen Gehöft . — Sie ging unerschrocken durch das rauschende Dickicht weiter , tiefer und tiefer in den Wald hinein , bis sie , ohne zu wissen wie , auf der andern Seite heraustrat und unter der Eiche stand , wo sie Johannes zuerst erblickt hatte . Da hing noch ganz verdorrt jener Zweig , der unter ihr gebrochen war , als sie vor ihm fliehen wollte , dort war jener Rasenfleck , wo er ihr das Buch geschenkt , das wunderbare Buch , das ihr ganzes Denken mit lieblichen Bildern durchwob ; und doch erschien das , was sie mit Johannes erlebt , noch viel märchenhafter als alle Märchen und sie versank in tiefes Sinnen , bis ein furchtbarer Windstoβ in die Krone des majestätischen Baumes fuhr , als wolle er sie niederschmettern und den ganzen Wald damit zertrümmern . Prasselnd stürtzte der geknickte Ast herab , der nur noch an einer dürren Faser gehangen hatte und wehklagend rauschte es durch die entlaubten Wipfel in der Tiefe des Gehölzes nach . Ernestine blickte bebend empor . Die Zweige ächzten und knarrten und die aufgescheuchten Raben flogen kreischend darüber hin . Abermals strich es heulend über die Ebene her , langsam , aber mäch ­ tig anschwellend dem Walde zu und wieder war es die freistehende Eiche , an die es zuerst anprallte , daß sie bis ins Mark erzitterte . Nur einen Augenblick aber währte Ernestinens Schreck , — sie war ja die nordischen Oktoberstürme gewöhnt und es überkam sie eine Freude an der wilden entfesselten Naturkraft , als ob es ihre eigene Hand sei , die die Bäume rüttle und Äste zersplittere . Eine Titanenlust in der Brust eines Geschöpfes wie aus Mondschein und Lilienfasern gewoben ! — Es war ein gottverwandter Geist , der in so zartem Leib so mächtige Gefühle erzeugen konnte . Dieser Geist jauchzte dem ebenbürtigen Elemente den Brudergruß zu und vergaß freudetrunken der schwachen Hülle , in die er gebannt war . Wilde Lieder in den Sturm hinaussingend , schwang sich die Kleine mit der gewohnten Geschicklichkeit auf den Baum , der ihr so lieb geworden , höher und höher , und wiegte sich frohlockend in den hin und her gepeitschten Zweigen . Da saß sie endlich in der höch ­ sten Spitze und schaute weithin über Wald und Ebene , und je stärker es brauste und rüttelte , je heftiger der Wipfel mit ihr schwankte , desto lieber war es ihr , — es war ja halb und halb geflogen — sie schwebte hoch über der Erde und doch so geborgen . Sie küßte den Ast , an dem sie sich hielt , sie mußte doch etwas küssen , und als sie unter sich bald hier , bald dort die jungen Stämme brechen sah — und der Orkan ihr den Atem fast raubte , — da schaute sie begeisterten Blickes empor und sagte unwillkürlich : „ Das ist der Atem Gottes . “ Plötzlich raschelte etwas wie der Tritt eines Menschen und durch das Tosen des Stur ­ mes drang ein Ruf . Sie mußte an den fremden , schönen Jüngling denken , — wenn er es gar wäre , sie wieder vom Baume zu holen ? Es befiel sie ein unerklärliches , freudiges Bangen , wenn er es wieder wäre und seine Arme nach ihr ausstreckte ? — Aber er war es nicht , es legte sich kalt über ihr Herz und dunkel über die ganze Natur — es war der Oheim ! „ Ernestine ! “ rief er hinauf , „ unbesonnenes Kind , in welche Angst stürzest Du mich ! In solchem Wetter in den Wald zu laufen und auf Bäume zu klettern — Du kannst Dir ja den Tod holen . Komm ’ herab , ich bitte Dich . “ „ Oheim , laß mich hier — hier ist mir so wohl ! “ bat die Kleine . „ Ich muß Dich ernstlich ersuchen , mit mir zu gehen . Was sollten die Leute denken , wenn ich Dich in diesem Sturme draußen ließe ? Sei so freundlich und folge mir . “ Ernestine blickte stumm noch einmal über den geliebten Wald hin und kletterte mit trübem Antlitz abwärts . Als sie an die Stelle kam , wo der Ast ge ­ brochen war und Johannes sie geholt hatte , riß sie ein paar welke Blätter ab , steckte sie zu sich und glitt leicht , wie ein Schatten , am Stamme nieder . Sie blickte den Oheim an . Verschwunden war aller Zau ­ ber , alle Freude , sie war wieder auf der Erde und des Oheims kaltes lauerndes Auge ruhte so ernüch ­ ternd auf ihr . — Sie schaute zu Boden , sie schämte sich fast ; wenn er wüßte , daß sie noch soeben an Gott gedacht , wie würde er sie verhöhnen . Und warum konnte sie dort oben wieder an ihn glauben und hier unten in des Oheims Nähe nicht ? Sie ging schweigend neben Leuthold her , sie schaute nicht rechts noch links , gleichgültig ließ sie es geschehen , daß ihr der Sturm die Kleider fast vom Leibe riß . Sie wollte nicht mehr fliegen , sie hatte keine Sehnsucht mehr , — wcnn der Oheim bei ihr war , schämte sie sich jeden Gefühls . Als sie bei der Stelle ankamen , wo der Weg nach Hartwichs Gut sich von dem trennt , der nach dem Dorfe zu führt , bat sie Leuthold , sie noch im Pfarrhaus Abschied nehmen zu lassen . Er gestattete es ihr nach kurzem Besinnen und ging allein weiter . Ernestine eilte nun die ge ­ wohnte Straße zu dem alten Prediger hinab , die Baueinkinder schrieen ihr nach : „ Halloh — Hart ­ wichs Tine , die stolze Tine mit dem Käsegesicht ! “ — Sie achtete nicht darauf , über die Spöttereien dieser Geschöpfe fühlte sie sich erhaben . Mit pochendem Herzen erreichte sie den