wann es sei – ich bin nicht zu sprechen « , befahl sie , » es müßte denn Onkel Heinrich sein . « Und sie nahm das Buch vor die Augen und las . Es rührte sich schon längst nichts mehr im ganzen Hause , da ließ sie es einen Augenblick sinken und starrte ins Leere hinaus . » Nein ! « sagte sie halblaut , » nein ! « Drei Tage später fuhr die Niendorfer Equipage vor das Gittertor von » Waldruhe « . Sie hielt dort eine Viertelstunde im grellsten Schein der Nachmittagssonne , so daß sich die Gärtnerkinder nicht satt zu sehen vermochten an der aufsprühenden 210 Farbenpracht von Tante Rosas veilchenfarbenem Sonnenschirm und den roten Straußfedern , die auf Adelheids Sommerhütchen lagen und sich effektvoll mit dem dunklen Kraushaar vermischten , das wie in Fransen über der jungen Stirn hing . Auch dem Herrn Amtsrichter mußte dieser Anblick behagen , denn er verwandte kein Auge von dem anmutigen Visavis . » Frau Linden bedauert ; sie ist nicht wohl genug , um Besuch empfangen zu können « , berichtete Johanne mit niedergeschlagenen Augen . Zwei der Insassen des Wagens sahen sich enttäuscht an , und der Amtsrichter suchte in der Brusttasche nach seinem Visitenkartenetui : » So ! « Er händigte der Dienerin die umgebogene Karte ein . » Und hier ist ein Brief , ein wichtiger Brief – verstehen Sie , Johanne ? Empfehlen Sie mich , und ich wünschte gute Besserung . « » Ich auch « , sagte schüchtern das Fräulein . Tante Rosa aber schwieg , und da man genauer hinsah , schlief sie , und das alte runzlige Gesichtchen wackelte seltsam über der großen Hutschleife . » Borrmann , fahren Sie ja recht langsam , wenn wir in den Wald kommen « , flüsterte der Amtsrichter , » Fräulein Rosa schläft . « Und der Kutscher schnalzte mit der Zunge und fuhr auf dem weichen Graswege schier lautlos dahin . Johanne sah nur noch , daß der Herr Amtsrichter von der Mitte des Sitzes dem jungen Mädchen völlig gegenüberrückte , und daß 211 diese plötzlich so rot erglühte , wie die Federn ihres Hütchens . Johanne ging mit Brief und Karte ins Haus zurück und überreichte sie Trudchen . » Einen Brief ? « fragte die junge Frau . » Der Herr Amtsrichter gab ihn mir « , erwiderte Johanne und verließ das Zimmer , in dem trotz der draußen herrschenden Wärme eine feuchtkühle Luft wehte . Trudchen öffnete langsam das Kuvert . Es war seine Handschrift ; sie hatte es geahnt . Ein rasches , banges Herzklopfen nahm ihr fast den Atem , und die Buchstaben flimmerten vor ihren Augen . Es verging eine Weile , ehe sie lesen konnte : » Gertrud ! Gestern abend ist Wolff gestorben . Es ist nicht mehr möglich , ihn auf Erden zur Rechenschaft zu ziehen , es ist nicht mehr möglich , seine Schuld aufzudecken . Er steigt ins Grab , ohne die Verleumdung von mir genommen zu haben . Ich bleibe als der vermeintlich Schuldige vor Dir stehen und kann weiter nichts tun , als noch einmal versichern , daß wir – Du und ich – die Opfer eines Schurken geworden sind . Ich habe nie mit Wolff über Dich , über Dein Vermögen verhandelt , noch seine Vermittlung angerufen . Ich überlasse Dir und Deiner Einsicht das Weitere . Zwingen zur Rückkehr werde ich Dich nicht , sowenig ich mich zu einer Scheidung 212 zwingen lasse . Komm , Gertrud , komm bald , und alles soll vergessen sein . Das Haus ist öde , und die Herzen sind es noch mehr . Fasse wieder Vertrauen . Dein Franz . « Sie war eben zu Ende mit dem Lesen dieser Worte , da trat Onkel Heinrich ein . Der kleine Herr hatte entschieden gut diniert . Er machte das lustigste Gesicht von der Welt . » Noch immer hier ? « fragte er . Und als sie nicht antwortete , faßte er sie näher ins Auge – » nun , doch nicht schon wieder in Gemütsbewegung ? « Aber die junge Frau wankte plötzlich , und Onkel Heinrich sprang noch gerade hinzu , um sie stützend zu halten und mit ängstlicher Stimme nach Johanne zu rufen . Sie legten die schlanke Gestalt in den Lehnstuhl und wuschen die Schläfen mit kaltem Wasser . » So sprich doch , Kind ! « bat er ; » so sprich doch ! « und das wiederholte er , bis sie die Augen aufschlug . » Ich kann nicht « , sagte sie nach einer Weile . » Was denn ? « fragte der asthmatische alte Herr . » Zu ihm gehen ! Ich kann nicht ! Muß ich denn ? « » Barmherziger Gott ! « stöhnte Onkel Heinrich , » nimm doch Vernunft an ! Freilich mußt du , wenn du ihn nicht verkommen lassen willst . « » Ich muß ? « wiederholte sie , und wie zu ihrem Trost fügte sie hinzu : » Nein , ich muß nicht ! Ich kann mich nicht zwingen , Vertrauen zu fassen , ich 213 kann mich nicht verstellen . Nein , ich muß nicht ! « und sie sprang auf und lief das Zimmer entlang bis zur Tür , bebend vor Aufregung . » O la la ! « Der alte Herr griff sich in die Haare . » So bleib ! Laß Haus und Hof zugrunde gehen und den Mann dazu , dem du Treue gelobt hast ! « » Ja , ja ! « flüsterte sie , » du hast schon recht , aber ich kann nicht ! « Und sie umfaßte in der Tasche die kleine Börse , in der das unselige Brieffragment steckte . Es war , als ob diese Berührung ihr die völlige Besinnung wiedergab . Sie wurde still , schmiegte sich in den Sessel und lehnte den Kopf in die Polster . » Verzeihe , Onkel