ihrer Tochter erkennen , ein blasses , feierliches Mädchenangesicht mit großen seligen Augen . Mutter und Sohn hatten sich begnügt , höflich Gute Nacht zu sagen , und letzterer zu 208 gleicher Zeit Adieu ! Denn seine Zeit war vorüber , und morgen früh mußte er wieder fort . Das » Lebewohl ! « der Frau Amtsrat klang nicht allzu freundlich , und als Mutter und Sohn außer Hörweite waren , da ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf . Ganz unpassend sei das , so ein Umherlaufen in der Nacht . » Gott sei Dank , daß er morgen reist , der Junker Leichtfuß ! « Aber Röschen antwortete nicht . Sie blickte , ganz gegen ihre Gewohnheit , in den Himmel hinauf , nur der rote Mund lächelte ein wenig , als wüßte sie alles besser als ihre liebe Mutter . » Ich red ' nicht zum Spaß , du ! « bemerkte Frau Amtsrat scharf , » ich hoffe , daß deine Tante Lotte da nicht etwa ein verstecktes Spiel treibt . Es könnte ihr sicher passen , wenn sich der Fritz in so ein warmes Nestchen setzen möchte und sie ihren Willen doch bekäme somit . Aber daraus wird nichts , merk dir ' s und laß dir keinen Floh von ihr ins Ohr praktizieren – ich bitte mir ' s aus ! « Wieder keine Antwort . Still und stumm gingen sie beide ins Haus . Frau Amtsrat aber tat kein Auge zu diese Nacht . Sie war eine ehrenwerte prächtige Frau , die ihr Kind liebte , aber beinahe ebenso stark wie dieses Kind liebte sie Hilgendorf , ihre alte Heimat . Ach , wenn es einmal sein könnte , diese beiden größten Erdenfreuden zu vereinigen , auf daß sie bis an ihr Lebensende beide genießen könnte , dann würde sie Gott Abends und Morgens ein Loblied singen , solange sich ein Ton in ihrer Kehle fände . Der Hilgendorfer ist Witwer – der Hilgendorfer , Witwer ! so klang ' s unaufhörlich in ihrer Seele heut abend , denn im Kaffee bei der Frau Superintendent hatte sie die große Neuigkeit gehört , daß die kränkliche Frau aus Hilgendorf gestern abend sanft entschlafen sei . » Gott steh ' mir bei , ich bin ja wohl ganz verrückt ! « seufzte sie , » die Frau ist noch nicht einmal unter der Erde ! Und nach dem Trauerjahre würde er schon wieder ein Jahr älter sein , und er ist so schon Anfang der Vierziger : – ein Unsinn , nur daran zu denken ! « Aber da sprach wieder eine Stimme in ihr : » Wird er ein Jahr älter , so wird Röschen auch ein Jahr älter , und ein 211 stattlicher Mann ist er noch immer – à la bonheur ! – Unsinn ! – Dieses Kind , wie komme ich nur darauf ? « ging ' s wieder durch ihre Seele . » Das macht aber die ewige Sehnsucht nach dem alten Nest , wo ich so glücklich gewesen bin , und die Angst vor Fritz ! Herr Gott , wenn ich oben in der Hilgendorfer Giebelstube meine alten Tage verbringen könnte , von deren Fenster aus man das Dorf liegen sieht , und die kleine Kirche am Apfelberge , und die weiten Felder und Wiesen ! Und dann der Park , und der Garten mit dem Spalierobst , das ich selbst angepflanzt habe , lauter feine Sorten , und der Kuhstall – solchen Kuhstall gibt ' s ja überhaupt nicht weiter ! Da noch einmal durch die Gänge zu wandern zur Melkezeit – ach Gott – ach Gott ! « Es kam ein förmlich schreiendes Heimwehfieber über die hübsche Frau . Ruhelos warf sie sich umher auf ihrem Lager , und mit heißem Kopf erhob sie sich in aller Herrgottsfrühe . Ich schnappe ja wohl noch reinweg über ? sagte sie sich , dies Hilgendorf wird sicher noch ' mal mein Tod – gottlob , daß der helle Tag kommt ! Sie badete den Kopf mit kaltem Wasser und ging im Morgenkleide nach dem Garten hinaus , einem sehr schönen Garten , aber natürlich mit dem Hilgendorfer nicht zu vergleichen . Die Morgensonne warf ihre schrägen Strahlen durch die Wipfel der alten Linden und Kastanien und blitzte in den Tautropfen des Rasens und der Beete : wunderbar kühl war die Luft . Sie ging mit federnden , elastischen Schritten an den Rosenstöcken vorüber , die gerade die zweite Blüte entfalteten , hob hie und da das herunterhängende Köpfchen einer Thea , roch daran und ertappte sich wieder bei dem Gedanken : in Hilgendorf sind sie doch noch schöner , das macht das regelmäßige Düngen mit Kuhmist . Dann , völlig ärgerlich über sich selbst , weil sie nicht loskommen konnte von Hilgendorf , lief sie dem Gemüsegarten zu , weiter nichts wünschend , als daß das Schicksal ihr irgend etwas in den Weg schicken möchte , über das sie mit vollem Rechte schelten und reden könnte , um Hilgendorf und den Witwer einen Augenblick zu vergessen . Und dieser Wunsch erfüllte sich auch im selben Augenblick , denn als sie eben um das dichte Boskett bog , das den Zaun des Küchengartens 212 verdeckte , sah sie zwischen den roten Rüben , dem Wirsingkohl und den Bohnenbeeten ein paar junge Menschen umherspazieren , zärtlich aneinander geschmiegt , denn er hatte den Arm um die Taille des schlanken Mädchens gelegt . Frau Amtsrat stand buchstäblich » angedonnert « , wie ein Lokalausdruck in Neustadt an der Solau verblüffte Menschen bezeichnet , und keines Wortes fähig . Auf ihrem frischen Gesicht wechselten Röte und Blässe , man sah , sie überlegte , was zu tun sei . Und plötzlich wandte sie sich um und kehrte im Geschwindschritt nach dem Hause zurück . Besser , nicht tun , als ob ich etwas weiß , denn der Sache eine zu große Bedeutung durch eine Szene beimessen , entschied sie : in der nächsten halben