Der würde sie nunmehr führen ! Und schon wollten sie sich anbetend vor dem Greis niederwerfen , als plötzlich einer der Knaben , die ihre Scharen begleiteten , durch die Reihen vorschob , neugierig , den Wundermann auch zu sehen . Es war Mahan ! - Kaum aber hatte dieser den Alten erblickt , als er mit gellender Stimme zu schreien begann : » Das ist kein guter Zauberer ! Der kann keinen Regen schicken . Wir haben ihn gefüttert , und er sandte keinen Tropfen . Er ist ein falscher Zauberer ! Er ist unser Feind ! Ich selbst hörte ihn sagen , er könne das ganze Land und uns alle ins Nichts versinken lassen ! « Ein drohendes Murren ging durch die Menge . Aber noch unschlüssig starrten sie von dem unbekannten Greis auf den eigenen Geisterknaben . Doch immer heftiger und aufgeregter werdend , fuhr Mahan kreischend fort : » Und er spricht mit den fremden Teufeln ! - Ich sah ihn selbst draußen in den Bergen mit einer ihrer Frauen ! - Er ist selbst ein Fremder , ein fremder Teufel ! « - Kaum war das Wort gefallen , so ward es von der ersten Reihe der Boxer aufgegriffen . » Ein fremder Teufel ! « schrien sie wirr durcheinander , und die weiter zurückstehenden Hörer drängten vor : » Wo ? Wo ist er ? Tötet ihn ! Tötet ihn ! « Bei diesen Lauten war der Einsiedler verstummt . Als erwache er aus einem Traum , so stand er da . Starrte in die Wirklichkeit , ohne zu wissen , wo er sich befand , noch was eigentlich geschehen . Aber das verklärte Lächeln , das seine Vision heraufbeschworen , lag noch auf seinen runzligen alten Lippen . » Tötet ihn ! Tötet ihn ! « umbrauste ihn dichter das Brüllen . Und der erste Schwerthieb sauste durch die Luft . Andere folgten . - Ohne einen Laut sank der Alte nieder . - Und über ihn wälzte sich die wilde Horde . Wie erbost , an einen falschen Zauber geglaubt zu haben , wollte jeder noch einmal sein Messer , seine Lanze in den armen stillen Körper stoßen . - Der lag längst leblos am Boden . Wie eine abgeworfene Schlangenhaut , eine überflüssig gewordene Sache . Sie aber schrien noch immer : » Tötet ihn ! Tötet ihn ! « - Keuchend und mit äußerster Anstrengung , den wüsten Lärm in den Ohren , hatte Tschun endlich mit der Mutter auf dem Rücken den Petang erreicht . Wie durch ein Wunder und als einer der allerletzten , denen es noch gelang , sich dahin zu retten . Und wie für die Tausende von anderen Unglücklichen öffnete sich auch ihnen das Tor . Unberührt sah Tschun an jenem Tage noch einmal die weiße Kathedrale , die , in den Erinnerungen an seine Kindheit , aufragte als hohes lichtes Gebilde . Unberührt die schneeigen Spitzbögen , die in Kreuzblumen auslaufenden Wimpergen über den Türen , die Krabben , das Maßwerk und die mittlere Fensterrose . Unbefleckt die granitenen Stufen , die zu der Kirche hinan führten . Unversehrt auch noch die zwei , zu beiden Seiten dieser Treppe wie Schildhäuschen vorgeschobenen echt chinesischen Pavillons , die , mit ihren bizarren Formen und bunten Verzierungen , ihren hochgeschwungenen leuchtenden Kacheldächern , einen überraschenden Kontrast bildeten zu den so ganz anderen Vorstellungskreisen entstammenden gotischen Gebäuden dahinter . Ja , überraschend wirkten sie , wie etwas , das eigentlich nicht in diese Welt des Petang hinein gehörte , und waren doch sehr wichtige , als besonders tatkräftig geltende Schildhäuschen , denn sie bargen ja die von großen Steinschildkröten getragenen Gedenkstelen , mit den Inschriften , die besagten , daß diese im dreizehnten Jahre der glorreichen Aera Kwang Hsüs eingeweihte christliche Kirche sich des gnädigen Wohlwollens und mächtigen Schutzes des Kaisers von China erfreue . Aber seit den Tagen , da solch schöne Gefühle in Stein eingemeißelt worden waren , hatte sich manches verändert . Und der Kaiser Kwang Hsü , selbst ein Gefangener und Unterdrückter geworden , vermochte in diesem , dem sechsundzwanzigsten Jahre seiner inzwischen weniger glorreich erscheinenden Aera niemand mehr zu schirmen , noch zu hindern , daß versprochener Schutz sich in heftigste Befehdung wandelte . - Am Abend desselben Tages schon erfolgte der erste Angriff der Boxer auf den Petang . Durch die Straße , die auf das Hauptportal mündet , sah man sie in großer Schar herankommen , Fackeln und Säbel schwingend , und Schreie ausstoßend , die an das Heulen wilder Bestien mahnten . Dann plötzlich hielten sie inne und warfen sich nieder , ihre Schutzgeister noch einmal anzurufen . Also gestärkt rasten sie nun heran wie Besessene . Doch da , als sie nur noch ein paar hundert Meter entfernt waren , erscholl im Innern das Kommando : » Feuer ! « Siebzehn Kugeln mähten die ersten Reihen der Angreifer nieder . Wie Karten sanken sie um ; und wieder ertönte das Kommando : » Feuer ! « Die zweite Salve krachte , die zweite Mahd fiel getroffen . Als der Rauch sich verzog , war der Platz von Angriffslustigen gesäubert . Tote lagen am Boden . Verwundete schleppten sich davon . In der Ferne sah man Flüchtende eilen , dicht an den Mauern sich hindrückend . Und es war gut , daß dieser erste Angriff für die Belagerten so glücklich verlief , und ohne daß einer von ihnen getroffen worden . Es stählte sie alle , die vor so ungeheurer Aufgabe standen . Vor allem beruhigte der Anblick der Boxerleichen die einheimischen Christen , denen , trotz aller Bekehrung , der nationale Hang zum Aberglauben doch in verborgenen Winkeln des Herzens stecken mochte . Der Beweis , daß die gefürchteten I ho Chüan sterblich wie andere seien , war unwiderleglich erbracht . All ihre Zauber waren unwirksam gegen europäische Kugeln gewesen . Trotz gelber Talismane mit seltsamen Figuren und Sprüchen , trotz den auf ihre Röcke und Flaggen genähten