müsse jene Charette sein , die die Verdammten zum Richtort führte . Und dieses Rasseln erschien ihr , im Traum , in unlöslichem Zusammenhang mit der gespenstigen Verlassenheit ihres Lebens . - - Sie erwachte , am späten Vormittag , als ihre Wirtin ihr das Frühstück brachte . Und da lag auf dem Tablett ein Rohrpostbrief . Hastig strich sie mit einem in Wasser getauchten Lappen den Schlaf aus den Augen und las , am Bettrand sitzend , Hoffmanns Brief : Mädchen ! Du weißt nicht , was Du mir gegeben hast . Du tatest das Herrliche , ohne darum zu wissen . Und auch ich werde eines Tages vielleicht nicht mehr darum wissen , werde es , mit Blindheit geschlagen , vielleicht vergessen können , eines Tages . Aber heute weiß ich ... Und so sei es gesagt , - wie glitzernd ich bin und befreit und sprudelnd , wie ein Bach , der im ersten Frühling durch den Tannenwald jagt ... Seine Wellen überspringen einander und verstäuben Diamantengesprühe in die selige Luft . Mädchen , das hast Du mir gegeben , Du stolze Spenderin ; mir , dem Gedemütigten , der bislang nur , mit verbissenen Zähnen und schamrotem Gesicht , im Schöße der Schande von seiner Mannheit erfuhr ... Nun bin ich so ohne Sorge ! Warum bist du nicht da , daß diese Herrlichkeit über Dich auch käme ? Und denke ich an Dich , so mahnt es mich , an den Duft der schwarzen , bergenden Frühlingserde , an das Flüstern der bedächtigen Blätter , wenn der Wind über sie streicht , - an das Klirren der weißen Kieselsteine , am Grunde des Baches , wenn die frohen , stürmenden Wasser sie überfluten ... Ach und nie - nie noch war das alles in mir - wie jetzt ! - - - Vergiß es nicht , Mädchen , was heute in mir ist , - auch wenn ich es vergesse ! Vergiß es nie , - daß heute meine Seele fromm in der Deinen war ... Ich küsse Deine Lippen , Deine Hände , Deine Knie ... Werner . Fünftes Kapitel Versuche und Kämpfe » Nur der Irrtum ist das Leben , Nur die Fülle birgt die Klarheit , Und im Abgrund wohnt die Wahrheit . « Goethe . Werner Hoffmann hatte mehrere Wochen im Sanatorium zugebracht . Nach dem aufreibenden Existenzkampf vieler Jahre waren diese Monate die erste Erholung gewesen . Dabei hatte er diese Ruhepause seinen Verhältnissen nicht in einer Weise abgezwungen , die ihren Genuß mit neuer Sorge beladen hätte . Er zehrte nicht von irgendeinem zu diesem Zweck mühsam aufgetriebenen Gelde , er bangte nicht , was » dann « werden sollte , - wie die meisten seiner Kreise , die , ohne ein wirtschaftlich gesichertes Endziel ihres Strebens zu sehen , auch zu einer beruhigten und gesicherten Rast keine Gelegenheit haben . Seine Stellung im Verlag , die ihm erst wenig Befriedigung gegeben hatte , festigte sich immer besser , und es lockte sein Interesse , als Hüter an einem jener Tore zu sitzen , durch welches das , was der persönlichsten Erkenntnis des einzelnen geworden , in die Fülle der Gemeinschaft drängte , in ihr zur Wirkung zu gelangen . Dieser Gedanke , den er in seinem Amt ausgedrückt fand , hatte in ihm den ersten Zweifel erweckt , über das Wort , das bisher seine trotzige Parole gewesen : » Was habe ich mit der Gesellschaft zu tun ? « Der Chef seines Verlages hatte ihm bereitwillig den Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit gewährt . Durch Empfehlung war ihm zu sehr ermäßigtem Preise Aufnahme in einer Anstalt geworden , in der die jüngste Heilweise der Moderne , die physikalisch-diätetische Therapie ihre Wunder tat . Müde , unfrei , beladen war er hingegangen , und unbewußt und ungefühlt ging bei einer höchst einfachen , aber glücklich zusammengestellten Lebensweise , bei der besten Ausnutzung von Licht , Luft , Wasser , Elektrizität und bedächtiger Auswahl der Nahrungsstoffe jene Erneuerung mit ihm vonstatten , die zwar nicht den organischen Defekten , wohl aber den von der steeple chase des modernen Lebens an den Nerven Geschundenen wieder zur Häufung neuer Energien verhilft und ihre zeittypisch gewordenen » funktionellen Störungen « behebt . Er hatte nicht » gedacht « in diesen Wochen , hatte mit vollem Willen alles Grübeln und Sinnieren ausgeschaltet . Ja , er hatte auch nur wenig gelesen , - die Gedichte der Baronin , um ihren Verlagsantrag zu erledigen , sonst fast nichts ; und geschrieben hatte er eigentlich nur an Olga , da , fast ohne Willen und Absicht , ihr Bild , in dieser Zeit der Ruhe , stark und fest umrissen vor seine Seele getreten war . Ja , - er sah sie : in ihrem reifen , reinen Werden , sah sie , wie eine Erscheinung , die , hart an der Grenze der zeitlichen Gegenwart , wach und zielsicher in die Zukunft schritt , - eine Wegebahnerin der Kommenden , jener Frauen , die mit instinktstarkem Willen ein ganzes Menschtum forderten , die nicht mehr satt wurden in generativer Beschränkung , die es aber auch nicht ertragen mochten , aus dem Zauberkreis der Gattung ausgeschlossen zu bleiben . So war sie plötzlich vor ihm gestanden , so hatte er sie » gewußt « - erlebt , - ohne über sie viel gedacht zu haben . Wie schon manchmal in seinem Leben war hier ein Bild , ein Gefühl , ein Gedanke entstanden , an dem sein Bewußtsein kein Teil hatte , zumindest nicht das Bewußtsein , wie es deutlich der Tag gibt . So war über ihn auch manchmal , wie eine wahrhaftige Offenbarung , ein Rhythmus , ja ein Gedankenkomplex gekommen , war mit erstaunlicher Deutlichkeit plötzlich vor ihm gestanden ; aber nur in guten Zeiten , in denen seine Kräfte geheimnisvoll sich erneuten und häuften , geschah ihm , - wie allen Findern , Erfindern , Propheten und Dichtern geschieht . Darum