, die auf sie gerichtet waren , merkten sie , daß auf sie gewartet worden war , und auf der vordersten Bank neben der Steegin und ihren drei Kindern waren für sie Plätze frei gehalten worden . Der weißgetünchte Raum war voller Sonnenschein und das Altarbild , Christus Petrus über das Wasser geleitend , mit seinen giftgrünen Wellen , seinen rot und gelben Gewändern schrie ordentlich in die weiße Helligkeit hinein . Ein Choral wurde gesungen von lauten , heiseren Frauenstimmen , dann las der Schullehrer eine Predigt vor , sein bleiches , gedunsenes Gesicht verzog sich zu einer traurigen Miene , sein Tonfall war singend und eintönig . Auf allen Bänken begannen die Frauen zu seufzen , die Steegin und ihre Kinder weinten laut , auch Agnes weinte . Doralice jedoch konnte nicht weinen und weil sie fühlte , daß die Frauen sie deshalb verwundert und mißbilligend ansahen , zog sie sich ihren Schleier vor das Gesicht . Sie hatte nicht die Empfindung , daß diese singenden und seufzenden Frauen , daß die Worte , die dieser häßliche Mann dort auf der Kanzel vorlas , irgend etwas mit ihr und ihrem Schmerze zu tun haben könnten . Der Gottesdienst war zu Ende , die Fischerfrauen standen noch auf dem sonnigen Kirchenplatz beisammen und sprachen . Die Steegin war sehr umringt , man versprach ihr bei der Kartoffelernte zu helfen , doch die Stibbin meinte , sie solle zum Fischreinigen zu ihr herüberkommen , dafür würde sie dann einige Fische kriegen . Der Steegin schien die allgemeine Teilnahme wohlzutun und sie machte fast ein zufriedenes Gesicht , als sie mit ihren drei Kindern durch die niedrige Tür in ihrer Kate verschwand . Ihr Unglück war von heute ab eine Einrichtung ihres Lebens geworden , mit der sie sich abzufinden hatte . Von nun ab irrte sie auch nicht mehr am Strande umher . Doralice ging jetzt allein am Strande hin , sie ging täglich stundenlang , das war der Inhalt ihres Lebens . Sie wollte Hans dienen , wollte bei ihm sein , wollte ihm treu sein . Dort auch vermochte sie ihren Schmerz tief zu fühlen , konnte um ihre Liebe trauern , konnte unglücklich sein , denn , wenn sie das nicht konnte , was hatte sie dann , was war sie dann ? Und dann war um sie und in ihr alles leer . Etwas anderes noch war es , was sie auf ihren Wanderungen begleitete . Wenn sie so an den Wellen entlang ging , die weiß mit leisem Prickeln über den Sand bis zu ihr hinaufliefen , da schien es ihr , als wollte das Meer sie zu etwas überreden , zu etwas , gegen das sie sich sträubte , gegen das sie stritt , zuweilen so heftig stritt , daß sie laut vor sich hin ein » nein , nein « in das Rauschen der Wellen hineinsprach . Allein dieser Streit mit dem Meere hatte für sie eine furchtbar erregende Anziehung . Zu Zeiten jedoch entglitt ihr all das , dann versank sie gedankenlos in die Betrachtung der feinen Linien , die das Wasser auf den Sand geschrieben hatte , in den Anblick der zitronengelben , hellblauen und hellrosa Muscheln , welche wie kleine Blumen über das Ufer gestreut waren . Oder sie folgte mit den Blicken den Wellen , die eilig hintereinander herliefen , ohne daß je eine die andere erreichte . Der zu Ende gehende September hatte sommerwarme Tage gebracht , Doralice ging weit weit hinaus dem Leuchtturme zu , sie ging , bis ihr die Füße schwer vor Müdigkeit wurden . Dort weiter fort trat der Hochwald bis dicht an den Dünenrand heran , riesige rote Föhrenstämme mit wirren dunklen Schöpfen , hier und da stand eine Birke oder eine Espe zwischen ihnen , das Laub , schon herbstlich gelb , stand da wie ein goldenes Gerät in einer großen Säulenhalle . Die Moosdecke des Bodens war bunt von Herbstschwämmen und Preiselbeeren , Sonnenschein und die Schatten der Baumzweige trieben dort ihr stummes Spiel . Das mußte gut tun , dort auszuruhen , dachte Doralice . Sie stieg hinauf und streckte sich auf einem Mooshügel aus . Wir können einen sehr großen Schmerz haben , wir können sehr unglücklich sein und doch hält all das nicht stand vor der Wonne , nach einer langen ermüdenden Wanderung wohlig die Beine von sich zu strecken . Sie sah hinauf in die Wipfel der Föhren , hoch oben revierte ein Falke metallblank in all dem Blau . Neben ihr stand eine Espe und flüsterte unablässig . Wie war es hier gut , über alles Wünschen hinaus gut . Doralice fielen die Augen zu , das letzte , was sie mit halbgeschlossenen Lidern noch sah , war ein Sprung Rehe , der von der Höhe niederstieg . Vorsichtig hoben die Tiere ihre dünnen Läufe über das hohe Farnkraut . Sie gingen bis an den Rand der Düne vor , blieben dort stehen und äugten regungslos auf das Meer hinaus . Doralice schlief so süß , daß , als der Schlaf vorüber war , sie doch noch dalag ohne sich zu bewegen , in der Hoffnung , noch ein wenig dieses gedankenlose Glück halten zu können . Allein dann war das Erwachen endlich unwiderruflich da , sie richtete sich auf , saß da und dachte nach . Wie wohl sie sich gefühlt hatte , wie wohl sie sich immer noch fühlte ; wie war das ? Sie hatte doch ihren großen Schmerz , ihr Unglück . Wo waren sie ? Hatte sie sie verloren ? Nein nein , das nicht . Angstvoll sprang sie auf und eilte zum Meere hinab , dort ihren Schmerz wiederzufinden . Die Nächte waren wieder mondhell . Knospelius und Doralice saßen an dem gewohnten Platz auf der Düne , ihnen zu Füßen schlief Karo der Hühnerhund . Das Meer war tief beruhigt , sachte wiegte sich der Mondglanz auf dem Wasser , nur an der Brandung schnurrten kleine silberne Wellen behaglich