Erzählung : Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen , und diese Flasche enthielt einen Zettel , auf welchem geschrieben stand : » In einem unterirdischen Kerker bin ich begraben . Nicht weiß der von meinem Kerker , der auf meinem Thron sitzt . Grausam bin ich bewacht . Keiner kennt mich , keiner vermißt mich , keiner rettet mich , keiner nennt mich . « Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name , von dem alle deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren . Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden , war aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in Vergessenheit geraten . Da hatte vor vier Wochen etwa ein ungenannter Schnüffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der » Magdeburger Zeitung « neuerdings ans Licht gebracht . Andre Journale bemächtigten sich der Angelegenheit , die nach und nach viel Staub aufwirbelte . Auf einmal wurde nachgewiesen , daß seinerzeit ein Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde , die Flasche in den Rhein geworfen zu haben . Es stellte sich ferner heraus , daß derselbe Mönch plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im Elsaß , in einem Wald der Vogesen , ermordet aufgefunden worden war . Den Täter hatte man nie entdeckt . » Wenn auf diese Spur hin das Mysterium , das über dem Findling schwebt , nicht endlich gelüftet wird , « rief der Querulant in der » Morgenpost « , nachdem er die Geschichte also ausführlich berichtet hatte , » dann gebe ich keinen Pfifferling für unsre ganze Justizpflege ! « Caspar las und las . Zwei Stunden verbrachte er damit , die wunderliche Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne Wort zu überlegen . Dabei überraschte ihn der Studiosus ; er vergewisserte sich , daß es eben dieselbe Affäre sei , von der er neulich nicht sprechen gewollt , und sagte hastig : » Ei , was treiben Sie da , Caspar ? Was sagen Sie übrigens dazu ? Die meisten Leute halten es für Quark , trotzdem es ein unwiderlegliches Faktum ist , daß die Sache damals in der Magdeburger Zeitung gestanden hat . Was sagen Sie dazu , Hauser ? « Caspar hörte kaum ; als der Mann seine Frage wiederholte , erhob er das Gesicht , schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise : » Ich hab es nicht geschrieben , was da vom Kerker steht . « » Vom Kerker und vom Throne « , fügte der Studiosus mit sonderbarem und begierigem Lächeln hinzu . » Daß Sie es nicht geschrieben haben , glaub ich schon , Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt . « » Aber wer kann es geschrieben haben ? « » Wer ? Das ist eben die Frage . Vielleicht einer , der helfen wollte ; ein verborgener Freund vielleicht . « » Vom Kerker und vom Throne « , lallte Caspar mit willenlosem Mund . Er begab sich in die Ofenecke , kauerte sich auf einem Schemel zusammen und versank in tiefe Grübelei . Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten ihn zu wecken , und der Studiosus , der sich schuldig fühlte , blieb , um kein Aufsehen zu machen , die Stunde über sitzen und entfernte sich dann still . Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus ; alle Freunde der Familie waren geladen , und eine halbe Stunde lang dauerte das Wagengerassel . Als die ersten Tanzweisen vom Saal heraufschallten , begab sich Caspar in den Korridor und horchte . Er hatte nicht mehr Zutritt zu solchen Festen . Während er noch stand , ans Geländer gepreßt , den Kopf vorgebeugt , und er sich so recht verstoßen vorkam , berührte eine Hand seine Schulter . Es war der Lakai , der ihm auf silberner Platte einige Süßigkeiten brachte . Caspar schüttelte den Kopf und sagte : » Süßes mag ich nicht « , worauf der Diener ihn mürrisch mit den Blicken maß und sich zu gehen anschickte . Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her , die unbeleuchtet war , und unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener Haarschärpe vor den beiden ; indem sie ihre blauen Augen streng in die des Jünglings bohrte , sagte sie stolz und befremdet : » Süßes mag Er nicht ? Warum mag Er denn Süßes nicht ? « Sie kam von unten ; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren Gewändern . Es war ihre Art , sich früh zurückzuziehen . Bevor sie zur Ruhe ging , pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern , um nachzusehen , ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe . Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf Es ist anzunehmen , daß seine Phantasie ungewöhnlich erregt war . Plötzlich spürte er eine lähmende Furcht . Schwärze stieg um seine Augen , es war ihm , als habe er die Stimme des Vermummten gehört , und den Arm ausstreckend , schrie er bittend : » Nicht schlagen , nicht schlagen ! « Die alte Dame , die es so schlimm eben nicht gemeint hatte , blickte verwundert und erschrocken auf . Indes hatte Caspars lauter Schrei die Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt , die im unteren Flur auf und ab spazierten . Sie wandten sich an Herrn von Tucher , und dieser ging die Treppe empor , gefolgt von einigen Herren . Unter der Gesellschaft im Saal verbreitete sich das Gerücht , es sei etwas passiert , und da Caspars Aufenthalt im Hause natürlich bekannt war , dachten alle an ein Ereignis wie das bei Daumer vorgefallene . Es entstand ein Schweigen , die Tanzmusik verstummte , viele drängten hinaus , besonders die jungen Damen waren erregt , und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb schauend stehen . Herr von Tucher , der dies alles aufs