« Otteneder wurde ungeduldig . Die schlichte Rede des Schullerbauern hatte ihn nachdenklich gestimmt . Er konnte sich dem Eindruck nicht entziehen , daß Wahrheit in diesen Worten lag . Aber der Eindruck verflog , als Florian Weiß zu sprechen anhob . Da stand der richtige Vertreter dieser hinterlistigen Rasse vor ihm , welche überall versteckten Widerstand leistete . Er verstand nicht alles , was er mit seinen Anspielungen sagen wollte . Vermutlich einiges von den dummdreisten Behauptungen , mit denen jetzt gegen die Obrigkeit gehetzt wurde . Nein , der Kerl verdarb alles ! Franz Otteneder war nicht bösartig . Es lag ihm ferne , einem Menschen mit Überlegung Unrecht zuzufügen . Er hätte den Gedanken mit Entrüstung zurückgewiesen , und wo sein Verstand nicht durch Vorurteile beeinflußt war , konnte er das Recht wohl finden . In seiner beruflichen Stellung nicht . Hier hörte nicht seine anständige Gesinnung auf , aber der klare Blick . Er prüfte seine Handlungen auf ihre Nützlichkeit hin ; eine Nützlichkeit , die er sich selbst zurechtgelegt hatte mit farblosen Begriffen vom Leben und der herkömmlichen Anschauung von öffentlicher Wohlfahrt , Staatszweck , Untertanenpflicht . Da war nun dieser Fall Andreas Vöst kontra Pfarrer Baustätter , also kontra Kirche , Obrigkeit , Staat . Von vornherein der einzelne im Kampfe gegen notwendige und nützliche Institutionen . Es hätten zwingende Gründe sein müssen , die Otteneder hätten veranlassen können , bei einem solchen Zwiespalte die Sache des einzelnen mit Wohlwollen anzusehen . Ohne Wohlwollen aber ist Verständnis nicht möglich . Von diesem führte ihn sein Mißtrauen weit ab . Er sah nicht das Unrecht , und nicht die Tragweite seines Vorgehens . Er suchte bei einem Bauern weder Ehrliebe noch Zartgefühl . Wie so viele Menschen , die in den engen Gassen der Städte aufgewachsen sind und einen gewissen Bildungsstolz als Erbteil mitbekommen haben , war er geneigt , die bäuerliche Art für roh und jeder Empfindung bar zu halten . Eine Bildung , welche ihre Vollendung darin sucht , natürliche Gefühle zu verbergen , fühlt sich recht erhaben über das formenfremde Wesen der Bauern . Sie kommt auf seltsamen Umwegen dazu , einem ganzen Stande tiefere Empfindung abzusprechen , weil er inhaltlose Formen nicht kennt . Und weil er in solchen Anschauungen befangen war , schlug Otteneder sein Vorgehen gegen den Schuller gering an . Er hätte sich vielleicht schwer entschlossen , in anderen Verhältnissen das gleiche zu tun , den Angehörigen eines anderen Standes so bloßzustellen . Hier erschien es ihm nicht als große Härte , weil er überzeugt war , daß der Erlbacher Bürgermeister nur Zorn über die getäuschte Hoffnung empfinden werde . Das wog nicht schwer gegen die Bedenken , welche ihm eine Stellungnahme gegen den Pfarrer erregen mußte . Und seine Erziehung zwang ihn geradezu , den Angaben einer Autorität ohne Prüfung Glauben zu schenken , wenn ihnen nichts anderes gegenüberstand als die Behauptung des Beschuldigten . Einen Augenblick verließ ihn seine Sicherheit . Er gewann sie wieder , als Florian Weiß seine Rede anhob . Und nun beging er einen Fehler , in den alle verfallen , welche sich nicht gerne ihr Unrecht eingestehen . Er versteifte sich darauf und wollte es damit vor seinem eigenen Gewissen als Recht erscheinen lassen . » Wer kann so etwas befehlen ? « fuhr er den Alten unwirsch an . » Das sind Verdächtigungen , die Ihr jetzt aus dummen Zeitungsartikeln herauslest . « Er wandte sich an den Schuller . » Haben Sie Ihren Landsmann deswegen mitgenommen , daß er solches Zeug daher redet ? « » Na . I hab ' g ' moant , er kunnt mir an Zeug ' n macha . « Weiß schwieg . Der Bezirksamtmann hatte ihn schon verstanden ; jawohl , sonst wär ' er nicht zornig geworden . Der Schuller freilich wußte nichts davon ; der glaubte immer noch , er könne mit seinem Streiten was ausrichten . Er sah nicht , daß er verspielt war , noch vor er anfing . Jetzt redete er schon wieder . » I sag ' s no amal , Herr Bezirksamtsmann , i glaab net an dös Schreiben . « Otteneder richtete sich auf . » Eigentlich , Vöst , ist Ihr Zweifel eine Anklage . Und zwar eine sehr schwere . Nehmen Sie sich in acht mit Behauptungen , die Sie nicht beweisen können . « » I hab ' in dera Sach ' koa Wort g ' sagt , für dös i net ei ' steh ' . In acht nehma müassen si de Leut ' , de g ' logen hamm . « » Beschuldigen Sie jemand ? « » Dös muaß si erst aufweisen . I hab ' an Herrn Pfarra Baustätter auf da Stell ersuacht , daß er mir den Zett ' l zoagt . Er hat ' s net to , aber an Hierangl hat er ' n lesen lassen . Zu mir hat er g ' sagt , i wer ' s am Bezirksamt derfrag ' n. Und jetzt frag ' i Eahna , ob i den Zettel seh ' gn derf . « » Warum nicht ? « Otteneder blätterte in dem Akte . » Drei , vier , Folium fünf . Abschrift der von Pfarrer Baustätter übergebenen Urkunde . Ja , richtig ! Das Original liegt nicht hier , es ist dem Herrn Pfarrer wieder zurückgestellt worden . « » Was is z ' ruckgeben wor ' n ? « » Das Original , der Zettel , welchen Herr Held geschrieben hat . « » Den hamm Sie net ? Den hat inser Pfarrer ? « » Ja . « » Jetzt woaß i net , was i da denken soll . « » Die Abschrift ist beglaubigt , Vöst . « » Der Pfarra sagt , Sie zoag ' n an mir , und Sie sag ' n , der Pfarra hat ' n. Dös kimmt mir ja schier so vor , als wann i