Ich kam zu dir am Eli-lama-Tag Und sah dein Haupt im Todesschmerz sich senken . Doch als dein Mund das Asabthani sprach , Mußt schon ich an das nahe Ostern denken . Du warst ja einst auf jenen Berg gestiegen , Den man als Stätte der Verklärung preist , Und mußtest beide , Grab und Tod , besiegen In deiner Kraft als erdenfreier Geist . Nun komme ich zum Auferstehungstag Und sage dir : die Steine sind verschwunden . Die Jünger sahen früh im Grabe nach Und haben deinen Leichnam nicht gefunden . Soll wohl der Geist hier in der Gruft verbleiben , Wo doch der Körper längst schon auferstand ? Steh auf , steh auf ! Es giebt noch viel zu schreiben , Jedoch von jetzt nur mit - - - der Geisterhand ! « Ich las es noch einmal und dann zum dritten Male . Welch ein Gedicht ! Ich meine nicht etwa den künstlerischen Wert desselben . Der ging und geht mich gar nichts an . Es war nicht die Form , sondern es war der Geist , der vor mir stand . Ich sah ihn deutlich , mit allem , was ich loben konnte , und auch mit allem , was ich an ihm tadeln mußte . Der Mann , der diese Zeilen geschrieben hatte , war aber unbedingt auch körperlich in Jerusalem gewesen . Ich sah ihn durch das Jaffathor kommen und geradeaus auf jenem Stufenwege schreiten , welcher hinab nach dem » Heiligtume « führt . Aber dorthin wollte er gar nicht , sondern er bog nach links , in die engen Bazare , die auf das Thor von Damaskus münden . Dort wendete er sich rechts , dem » Leidenswege « zu , hinauf nach Golgatha , dessen Stätte ein Gegenstand der Phantasie geworden ist , weil man die rechte Stelle nicht mehr kennt . Im tiefen Winkel liegt die » Klagemauer « . Hier hörte man die wahre Sehnsucht einst nach der Erlösung rufen . Jetzt aber kratzt man sich dort am Gestein die Finger blutig wund , nur um ein karges Bakschisch18 zu erhalten . So geht überall , nicht bloß im heiligen Jerusalem , die Menschheitsseele betteln , wenn sie den Geist verlor , der hier ihr Führer ist , damit dann sie ihn fort , nach oben , leite ! Er aber , dieser Geist , schleicht forschend durch den Sukh19 des niederen Lebens , an Kesselflickern , Krämern und Wechsel-Habichten vorbei , nach dieser Seele suchend , die er verlieren mußte , weil er sein Herz an eitle Dinge hing ! Und wenn er sie nicht findet , geht er hinaus vor Salems alte Mauern , steigt hin und her in jenen öden Thälern , wohin die Stadt das Aas gefallener Tiere sendet , am Oelberg dann hinauf , wo an dem Weg nach Jericho das Volk der Hammel abgeschlachtet wird . Und wenn er oben angekommen ist und von der höchsten Stelle des einstigen Jebus sein Morijah liegen sieht , so wallt es tief entrüstet in ihm auf . Er schüttelt seine Hände , in denen doch nichts ist , streng über Salem aus und klagt im Tone schmerzlicher Enttäuschung : » Ich kam zu dir - - - was habe ich gefunden ? ! « Jetzt stand er dort am Fenster , den Rücken mir zugekehrt . Er achtete nicht auf mich , war nur in sich versunken . Die letzte Seite seines » Leidensweges « war noch leer . Tinte und Feder gab es hier auf dem Tische . Wer war ' s , der in mir sprach ? Der mir befahl , zu schreiben , was ich hörte ? Ich that es ! Ich hielt mich ganz an seine eigene Weise . Dasselbe Metrum und dieselbe Zahl der Verse . Drei Strophen , so wie er , genau auch so beginnend : » Ich kam - - - « ; » Ich kam - - - « , und dann : » Nun komme ich - - - « ! Er sah nicht , daß ich schrieb . Ich wurde fertig , schloß das Buch und ging vom Tische weg . Da drehte er sich um , verließ das Fenster und ging dorthin , wo ich geschrieben hatte . Dort blieb er stehen . Es war ein tiefer Ton , in dem er langsam sprach : » Wo habe ich ' s gelesen ? Vielleicht auch las ich ' s nicht . Erzählte man es mir ? Hat mirs ein Traum gebracht ? Ich weiß es nicht , doch ist es in mir da . Ich will es dir jetzt sagen . « Nun hob er den Blick und sah mich an . Da glitt es wie etwas Helles über sein Gesicht , und er rief aus : » Es hatte deine Augen ! Ganz dieselben Augen , die jetzt im Schatten liegen und doch so hell erscheinen ! Sonderbar ! « Er sann ein kleines Weilchen . Dann fuhr er fort : » Es war an einem Tag , an dem der Himmel offen stand . Da sprach der Herr : Geht hin , um zu erlösen ! Sie folgten dem Befehl , sie alle , alle , viele Tausende . Bei ihnen die für mich bestimmte auch . Es war Dschanneh , der Gottessonnenstrahl ! « Welch ein Wort ! Dschanneh ! Sein Geist begann , klar , bestimmt und rein zu denken . Ich hörte , und ich sah , daß er den richtigen Weg gefunden hatte . Er sprach weiter : » Sie suchte mich . Wie schwer war ich zu finden ! Ich lag im tiefsten , fernsten Erdenwinkel , bei meiner bleichen Ahne , der Entbehrung , von den zerrissenen Fetzen ihres Mantels vollständig zugedeckt . Mich hungerte . Es war so dumpf , so dunkel unter meiner armen Decke . Da griff ein kleines , kleines Händchen unter sie herein , hob sie ein wenig auf .