- Freud , Leid , Tod ! Besonders erinnere ich mich einiger Frühlingsnächte , da ich in Peking schwer krank lag und des Lebens Funken wie ein schwaches Irrlicht unstet zwischen mir und dem grossen grauen Nichts da draussen hin und her sprang , nicht wissend , ob es gehen oder bleiben solle . Die Fenster standen weit offen ; aus dem Hof drang der Duft des weissen Flieders herein ; von meinem Bette aus sah ich in den sternbesäeten Himmel . Ein grosses Gefühl unendlicher Schwäche überkam mich und doch seliger Befreiung - es war mir als schwebe ich gerade hinein in das tiefe Nachtblau , wo die Sterne winkten - und dazu klang es von der fern unter mir verschwindenden Erde wie leise Schicksalsworte : Freud , Leid , Tod - Freud , Leid , Tod ! Heute Nacht hier in anderem fremden Lande habe ich im Traum wieder den altgewohnten Ton vernommen . Er zittert mir im Herzen weiter , aber ich höre nur immerwährend das eine Wort : tot , tot , tot ! Und eine namenlose , unbeschreibliche Angst hat mich erfasst , ein brennender Wunsch dorthin zu eilen , eine wahre Verzweiflung , hier still sitzen zu müssen . Ich möchte helfen und retten , und dann klingt es immer wieder : tot , tot , tot ! Es ist wie eine quälende , verzehrende Sehnsucht , Sehnsucht nach Ihnen , liebster Freund , Sehnen , Sorgen um Sie . Mir ist , als müsste ich Ihnen grad heute noch tausend und abertausend Liebes sagen , Sie schützen und nicht von mir lassen . Warum nur heute gerade dies Bangen und Zittern , dies Grauen , das mir keine Sekunde Ruhe lässt , das mich vom Haus an den Strand , vom Strand wieder ins Haus treibt , das nicht weichen will , wie sonst nächtliche Spukgestalten , die aus den Träumen ins Wachen übergehen , sondern ein Grauen , das wächst und wächst , auch jetzt während ich Ihnen schreibe . Warum das heute , wo die Retter Ihnen doch schon ganz nahe sein müssen ? - Und dazu immer der leise Klang , wie ich ihn schon nachts im Traum vernahm : tak , tak , tak . Er verfolgt mich förmlich . Ich will nicht und muss ihn doch beständig hören . Ich halte mir die Ohren zu , da vernehm ich das Pulsieren des eigenen Blutes , tak , tak , tak . Wie Glockenläuten dröhnt es , wie beständiges , regelmässiges Schiessen klingt es tak , tak , tak . - Was will es mir nur sagen ? Ich lausche und lausche . Jetzt ist es ganz leise geworden ... Wie aus weiter Ferne , wie letztes versagendes Herzklopfen dringt es zu mir .. tot , tot , tot ... Was soll das ? Was soll es ? O die Angst ! Das Grauen ! 63 Bay View , 17. August 1900 . Endlich , endlich ! Nun ist es wirklich wahr ? Die ersten Depeschen der Gesandten sind in den Zeitungen abgedruckt . Gerettet , wirklich gerettet , wiederhole ich immer von neuem ! Seit diesen ersten Nachrichten weiss ich nicht mehr , was ich tue und sage , weiss nicht , ob ich lache oder weine ! Es scheint beinah unglaublich , dass einmal die Hoffnung Recht und die Verzweiflung Unrecht gehabt haben sollte ! Und in der Freude des Herzens , das zum Himmel jauchzt und dann wieder ängstlich bebt und fragt : » Ist ' s denn wahr ? Ist ' s denn wahr ? « - in diesen ersten Augenblicken eines wie neu geschenkten Lebens ist es mir , als seien Sie hier dicht bei mir , als erlebten wir es alles zusammen . Es ist ja unmöglich , dass eine solche Glückseligkeit mein ganzes Sein erfüllen kann , und Sie nichts davon wissen sollten . - Sicher wissen Sie ' s ! Ich fühl es ja so deutlich , dass Sie hier ganz nahe bei mir sind , wenn auch die armen noch verweinten Augen Sie nicht zu schauen vermögen . Sicherlich werden wir uns bald wiedersehen ! Es wird ein schöner Abend kommen , an dem wir auf goldigem Strande zusammensitzen und hinausschauen auf das weite Meer , das sich durch Sturmestage zur Ruhe hindurchgekämpft hat , und ein solches Glück des Wiederfindens wird in uns sein , dass keine Sprache je das Wort dafür ersann , dass wir kaum zu atmen wagen , dass wir die Sekunden zu Ewigkeiten wandeln möchten . Ja , so , ganz so wird ' s sein . 64 Bay View , 18. August 1900 . Als ich heute früh erwachte , schien die Sonne strahlend in mein Zimmer ; blinzelnd musste ich mich erst an den Glanz gewöhnen . Noch halb im Schlaf , hatte ich die Empfindung , dass etwas Wunderbares , Wunderschönes meiner warte - zuletzt ist mir als Kind so zu Mut gewesen , wenn ich am Weihnachtsmorgen erwachte und mich noch halb träumend erinnerte , dass nebenan im Wohnzimmer der Baum stände mit allen Geschenken . Nicht nur draussen schien aber heute früh die Sonne ; nein , in mir selbst strahlte es von Glück und Seligkeit und auch an diesen Glanz musste ich mich erst blinzelnd gewöhnen - nach der langen Sorgennacht . Die Welt ist schön , die Welt ist gut - weil Sie leben , liebster Freund ! Was spricht man denn von irdischem Jammertal - ein blühender Garten ist ' s - Sie leben ja ! Schmerz und Leid soll alles sein ? Oh , es gibt so wonniges , tief inneres Glück - Sie leben ja ! - Mir ist , als erwache ich erst der Welt , wie sie wirklich ist - meiner Welt - wie ich sie sehe - wie ich sie fühle . Die anderen Leute gehen herum , als sei nichts Besonderes vorgefallen - und es ist doch alles neu und anders