. » Nein ? « » Nein ! « wiederholte die Frau , » nein ! nein ! « Sein Arm sank herab . Er nahm ihre Hand , klemmte ihre Finger zwischen seine Zähne . » Ich soll nicht wiederkommen ? « » Nein ! « » Und du wirst mich vergessen , Josefine ? « Ein gebrochener Laut kam aus ihrem Munde , sie bebte am ganzen Körper . » Sterben , « flüsterte sie rauh , » nur sterben ! « Ein plötzlicher Schauder überlief seine große , prächtige Gestalt . » Das ist zu schwach für dich ! - du - wirst leben , « sagte er leise , nachdrücklich . Die Hand vor den Augen stand er eine Weile stumm . Josefine rührte sich nicht . Die Luft war voller Seufzer . Ihr war , als sei er schon fern , fern , als sei sie schon gestorben . » Nach mir - was ich tun werde , fragst du nicht , « sagte er bitter . Hastig trat sie auf ihn zu : » Was wirst du tun ? « Da zog er sie noch einmal in die Arme und begann zu flüstern , in seiner Sprache , mit erstickter Stimme , mit nassen Augen , einen Segen , ein Gebet , einen Dank . Und dann : » Lebe ! lehre mich zu ertragen ! du wirst vieles tun ! Ich werde von dir hören . Vielleicht hörst du von mir . Wir haben Aufgaben dort - du weißt ... in Rußland ! « Sein Ton verlor die dringende Wärme , seine Augen blickten groß und über sie hinaus . » Zwischen dir und mir liegt ein Dolch , « sagte er mit gerunzelten Brauen . Seine Arme gaben sie frei . » Du hast es so gewollt . « Das Wetterleuchten um sie herum ruhte keinen Augenblick , es war ein rotes und grünliches Lohen , die ersten Donner rollten über den See . Hell schien der Mond . Erschlagt mich , ihr Blitze , wimmerte Josefines gequälte Seele , dies ist mehr , als ich tragen kann . Sie wendete sich um , entfernte sich : » Einziger Freund ! « stammelte sie mit gesenktem Kopfe , » lebe wohl - glücklich du ! - vergiß - ich - ich - danke - dir - « Sie verschwand im Schatten der Bäume . Ihre Worte verklangen klagend im Rauschen der Äste . Hovannessian ließ sie gehen ... Er wartete , daß sie zurückkehren , daß sie wenigstens den Kopf nach ihm zurückwenden würde . Aber sie tat es nicht . Mit wankenden Schritten , in gebeugter Haltung , aber durch eine unerklärliche Kraft beseelt ging sie vorwärts , blind geradeaus . Wenn ein Berg dort vor ihr wäre , sie würde hindurchgehen , dachte der Mann . Er folgte ihr in einiger Entfernung , sah , wie sie in den Lichtkreis ihres Hauses trat , wie sie sich zu kurzer Rast an die Pfosten des kleinen , hölzernen Vorbaues lehnte . Mit hintenüber gesunkenem Kopf stand sie , den Hut in der schlaff herabhängenden Hand . Er fühlte , daß er sie allein lassen müsse , aus Schonung , aus Zartgefühl , aus einer Liebe , die er sich selbst nicht zugetraut , und die ihm plötzlich gekommen war , irgendwoher , vom Himmel herunter oder aus dem Herzen der Frau , die ihn geboren . Gefunden und verloren , dachte er . Warum drängt alles vorwärts ! Warum konnte es nicht bleiben , wie es war ! Sie war im Hause verschwunden . » Gott schütze dich ! Gott sei mit dir ! « murmelte der Mann unter den Bäumen , mechanisch - Er glaubte an keinen Gott , er glaubte an keinen Schutz , der sich erflehen ließ , aber in dieser heiligen Stunde fand er auf seinen Lippen die Worte seiner Mutter , die er liebte , die Worte einfältiger , demütiger , ergebener Zärtlichkeit . Auf dem Bänkchen in der Anlage , wo er ihr Haus sehen konnte , verbrachte er die Nacht . Zwei Tage später hatte er die Stadt verlassen . Und Josefine lebte weiter in dem verödeten Zimmer , in dem verödeten Hause , in der verödeten Stadt . Die Welt war eine Wüste geworden . Lebte weiter , ein Leben ohne Sinn und Inhalt , ohne Sonne und Stern , verstümmelt und verarmt . Lebte so , lange , lange Monate , vier qualvolle Monate . Nicht untätig , aber in einer seellosen , bewußtlosen Tätigkeit , aufnehmend und wieder vergessend , und von neuem aufnehmend und von neuem vergessend . Die Arbeit , ihre Ehre und ihre Hoffnung , war wieder nur das Opium geworden , das ihre Schmerzen betäubte , abstumpfte , einschläferte . Sie spann sich in ein dichtes Netz ; was draußen vorging , war so gleichgültig geworden . Eine seltsame Unempfindlichkeit gegen Böses und Gutes stellte sich ein . Ihr Verkehr mit den Kindern selbst , mit den Hausgenossen und Freunden wurde äußerlich und unfruchtbar . Aus der Einsamkeit kommen wir , in Einsamkeit leben wir , in die Einsamkeit kehren wir zurück , fühlte sie , und groß und fremd blickte sie die anderen Menschen an , die von Gemeinsamkeit , Zusammenwirken , Solidarität sprachen . Sie war allein . Viertes Buch Dor dem Bahnhofsgebäude , auf dem geräumigen Platz um den schönen Brunnen und unter den Säulengängen stand eine Kopf an Kopf gedrängte Menge . Die Silberlinden des Platzes und der ausmündenden Straßen waren schon gelb und dünn belaubt , aber eine heißrote Oktobersonne schien durch weißlichen Staub und Dunst und machte die grüne , weißschäumende Limmat , deren lebendige Wasser , rasch und wirbelnd nach der Aufstauung , zu den Mühlen unterhalb der Brücken niederrauschen , zu einem erfrischenden , Erquickung hauchenden Anblick . Frauen ohne Kopfbedeckung , mit Körbchen am Arm , braune Großväterchen mit qualmenden Pfeifen , Kinder in bunten Sommerkleidern und Mädchen