schöne Sache , wenn auch noch nie einer satt davon geworden ist . Und das Kind ! An das denken wir ja immer zuerst , wir Frauen . Aber ich sage Ihnen was : ob so ' n armer Wurm ' nen Vater hat , der ' s nicht ernähren kann , oder gar keinen , das bleibt sich auch am Ende gleich . Na , nichts für ungut , Fräulein , das wars , was ich Ihnen hatte sagen wollen , weil ich Ihren Jammer nicht länger mitansehen kann . Und nun , wenn Sie mich brauchen können oder eins von den Kleinen zum Zeitvertreib , oder meinen langen Karl , den ich ja nun doch ' mal für Lebenszeit auf dem Halse habe , wenn Sie vielleicht irgend was zu basteln haben , dann klopfen Sie man ruhig bei Korns an . Und besuchen Sie auch die hübsche schwarze Dame mit den schönen Blumen bald ' mal - ja ? Die hat so lustige Augen , die werden Ihnen gut thun - Na , und was er ist - wenn ich mir einen Rat erlauben dürfte - stellen Sie ihn ' n bischen kalt oder thun Sie , als ob Sie sich nischt draus machten , das ist noch das Einzige womit man die Männer ' rumkriegt . « An der Thür kehrte Frau Korn noch einmal um . » Liebes Fräulein , ich hätte noch eine Bitte . Nächste Woche ist Mutters Geburtstag . Sie braucht ' ne neue Haube , die hab ich ihr schon lange versprochen . Hätten Sie wohl Zeit , mir eine anzufertigen ? Einfach aber nett . Zwei bis drei Märker kann sie schon kosten . « Und fort war sie , und ehe Lotte noch Zeit gefunden hatte , eine Antwort zu geben , hörte sie nebenan die Thür schon zugeschlagen und das Geschrei der kleinen wilden Schar , die die Mutter begrüsste . - Die gutgemeinten Vorstellungen der Schlossersfrau waren auf Lotte nicht ohne Wirkung geblieben . In ihrer grenzenlosen inneren Verlassenheit klammerte sie sich an manches Wort der schlichten Frau , wie an einen letzten rettenden Strohhalm an . Frau Korns Hauptargument freilich , dass es vielleicht besser sei , wenn Gerhart sie nicht heiratete und sie mit dem Kinde allein bliebe , wies sie mit leidenschaftlichem Widerstand zurück . Alles in ihr bäumte sich schon gegen den blossen Gedanken auf . Mutter und Mädchen zu sein , dünkte ihr ein unauslöschliches Brandmal der Schande , das höchstens der Tod zu tilgen im stande war . Und da sie den freiwilligen Tod nicht suchen durfte , um ihres Kindes willen , musste Gerhart ihr seinen Namen geben . Im Uebrigen that Lotte wirklich nach Augustes Worten . Ihrer anschmiegenden unselbständigen Natur wurde das nicht einmal schwer . Sie war so sehr daran gewöhnt , sich leiten und bestimmen zu lassen - von des Vaters Eigenwillen früher , von Lenas Launen und Gerharts Wünschen , seit sie in Berlin war - dass es ihr beinahe zur zweiten Natur geworden , nach dem Willen eines anderen zu handeln . Sie ging jetzt regelmässig an die Luft , öfters begleitet von einigen der Kornschen Kinder , die in der Umgegend gut Bescheid wussten . Die muntere kleine Gesellschaft führte Lotte so weit ihre müden Füsse sie tragen konnten , feldeinwärts nach Friedenau hinaus oder auf die Schöneberger Kirchhöfe , die Lotte in diesen schwülen Sommertagen am liebsten aufsuchte . Die tiefe Stille um sie her , der sanfte Duft , der dem reichen Blumenschmuck der Gräber entströmte , der Anblick der wenigen langsam dahinschreitenden ernsten Gestalten thaten ihrem wunden Gemüt unendlich wohl . Sie schickte dann die Kinder fort und verlor sich , auf einem still verborgenen Plätzchen sitzend , tief in Gedanken , die sich am Ende jedesmal in dem einen sehnsüchtigen auflösten : Wer doch auch hier liegen könnte und schlafen , schlafen mit Blumen bedeckt , von rauschenden Zweigen sanft umsungen ! Etwa vierzehn Tage nach dem Gespräch mit Frau Korn entschloss Lotte sich auch endlich einmal wieder Lena aufzusuchen . Sie traf nur das Ladenfräulein mit der gebrannten Lockenfrisur , der geschnürten Taille und dem dreisten Mundwerk an . In ihrer schnoddrigen Art teilte das Mädchen Lotte mit , dass das Fräulein gestern abgereist wäre , an die See mit einer adeligen Dame , der Schwester von dem Herrn Leutnant , der so oft hier sei . Da wäre auch ein Brief , den sie heut Abend mit ein paar frischen Blumentöpfen habe zu ihr hinausbringen sollen . Um so besser , dass sie den Weg und die vier Treppen sich nun sparen könnte ! - Lotte nahm dem Mädchen den Brief wortlos aus der Hand . Am liebsten wäre sie gleich wieder gegangen und hätte erst zu Haus gelesen was Lena schrieb , aber sie fühlte sich zu matt dazu . So bat sie das blonde Mädchen schüchtern um die Erlaubnis , sich ein Viertelstündchen in dem türkischen Boudoir ihrer Schwester verweilen zu dürfen . Lena schrieb : » Liebes Lottchen , wenn Du diesen Brief bekommst , bin ich schon weit von Dir entfernt - das heisst eigentlich nicht weit , sondern nur vier Stunden von Berlin , in dem schönen Heringsdorf . Du wirst Dich wundern , dass ich so plötzlich verreist bin , aber das kam so . Die Hitze hier war und ist , wie Du weisst , kaum noch zum Aushalten . ( Du armer Wurm da oben unter Deinem Dach ! ) Das Geschäft ging schlecht . Wie sollte es auch nicht , jetzt in der Saurengurkenzeit . Da machte mir Herr Bornstein den Vorschlag , mit ihm an die See zu gehen . Du weisst ja , die See war immer mein grösster Wunsch , aber mit Bornstein - - so dumm ! Da brachte Herr von Strehsen mich auf die gute Idee , seine Schwester Elisabeth nach Heringsdorf mitzunehmen . Elisabeth sei immer verständiger als die Mutter und Clementine