habe mich zu fest engagiert , sagte Viktor ärgerlich ; ich kann nicht zu Hause bleiben . Würde auch zu nichts dienen , entgegnete der Detektive . Im Gegenteil ! Wir wollen doch ein Resultat . Ich kann nur wiederholen : ich bin überzeugt , der Abend bringt uns eines . In Viktors Seele begann ein wunderlicher Kampf . Der Gedanke , daß Befürchtungen , gegen die er sich aus allen Kräften wehrte , in denen er , schien ihm einmal die Lebenssonne ein wenig heller , nur Nachtgespenster seiner verstörten Phantasie sah , Wirklichkeit werden könnten , war ihm schauderhaft . Auf der andern Seite : der Mann hatte recht : dies mußte zu einem Resultat kommen . Seine Nerven hielten es nicht länger aus . Und seine Devise war immer der Wahlspruch Theodor Körners gewesen : » Durch ! « War das Wort doch , weil er es in jedes Stammbuch der Freunde schrieb , auf der Universität sein Spitzname geworden ! Was also wollen Sie , daß ich thun soll ? fragte er nach einer dumpfen Pause . Ruhig in Ihre Gesellschaft gehen , erwiderte Herr Krüger , und mir nur gefälligst sagen , wo das ist , damit ich Sie eintretenden Falles dort aufsuchen - ich meine : herausrufen lassen kann . Viktor hätte den Mann am liebsten mit der Faust in das bleiche Gesicht geschlagen . Statt dessen nannte er mit leidlich gut gespielter Ruhe das Lokal , in welchem er zu finden sein würde , und sagte , seinen Hut nehmend : Es wird vergebliche Mühe sein ; aber ich will hernach nicht von Ihnen hören , ich sei schuld daran gewesen , daß wir zu keinem Resultat gekommen sind . - Am Schluß des heute , wie jetzt immer , schweigsamen Mittagmahles fragte er Klotilde : Hast Du für den Abend etwas vor ? Ich weiß nicht , erwiderte sie ; vielleicht fahre ich auf eine Stunde zu Stephanie . Er wollte antworten : ich wünsche , ich befehle , daß Du zu Hause bleibst ; aber was galten ihr jetzt noch seine Wünsche ? und einem Befehl gegenüber würde sie ihm ins Gesicht gelacht haben . Dreiundzwanzigstes Kapitel Albrechts nächste Sorge war gewesen , sich in dem Restaurant eines separaten Kabinetts zu versichern . Es hätte so großer Eile nicht bedurft : sämtliche vier , derer sich das Lokal rühmte , standen zu seiner Verfügung . Einen behaglichen Aufenthalt versprach freilich keines : die Tapeten zeigten häßliche , wie es schien , von Feuchtigkeit herrührende Flecke ; die Überzüge der alten , unschönen Möbel bedenkliche Risse , in den abgeschabten Teppichen klafften große Löcher ; die Versicherung des schäbigen , vermauserten Kellners , - ein zweiter ließ sich auch diesmal nicht blicken - daß sich bei voller Beleuchtung alles viel besser und wunderschön ausnehme , klang nicht sehr glaubwürdig . Und dann , sagte der Mann , wir legen auf die Ausstattung weniger Wert ; unser Ruhm sind unsere Küche und unser Keller . Ein schwacher Trost für Albrecht , dem der Sinn wahrlich nicht nach Essen und Trinken stand , und der nun doch ein Langes und Breites mit dem umständlichen Alten über das Souper verhandeln mußte . War doch das Souper der Rechtstitel , auf den hin er sich den Aufenthalt in dem fürchterlichen Kabinett erkaufte ! Klotildens Rat folgend , bestellte er drei Couverts : für sich , seine Braut und deren Bruder . Er werde einige Minuten vor neun kommen , sich zu versichern , daß alles in gewünschter Ordnung sei . Der Alte beteuerte , der Herr Graf werde seine Erwartungen übertroffen sehen . Um sich Klara gegenüber für sein Ausbleiben am Abend zu entschuldigen , hatte er eine gesellige Zusammenkunft mit ein paar Kollegen vorgeschützt . Er erschrak aufs heftigste , als am Sonnabend vormittag der Direktor durch den Schuldiener herumsagen ließ : er müsse die für heute nach dem Schluß der Stunden anberaumte Konferenz auf den Abend verlegen und bitte die Herren Kollegen um pünktliches Erscheinen , da sehr wichtige Dinge zur Beratung , resp . zur Entscheidung ständen , und die Sitzung voraussichtlich geraume Zeit in Anspruch nehmen werde . Albrecht kannte nur zu gut eines dieser wichtigen Dinge . Der seiner besonderen Sorge empfohlene und anvertraute jüngste Sohn des Sudenburg ' schen Hauses war , nachdem er sich längere Zeit gut gehalten , in seine angewohnte Liederlichkeit zurückgefallen und hatte sich Vergehen gegen die Schuldisciplin zu schulden kommen lassen , die nicht ungeahndet bleiben durften . Die Wage schwankte nur noch zwischen der Relegation und dem consilium abeundi . Albrecht hatte sich darauf vorbereitet , heute mittag für das mildere Urteil zu plaidieren , so hoffend , dem würdigen Manne , in dessen Hause er als Freund der Familie verkehrte , das Äußerste ersparen zu können . In diesem Sinne hatte er mit dem über den neuen Schlag ganz gebeugten Vater gesprochen und war von ihm des innigsten Dankes im voraus versichert worden . Was nun beginnen ? Der Konferenz fern bleiben , schien unmöglich ; die Verabredung mit Klotilde war nicht rückgängig zu machen , da sie heute keinen Brief mehr erwartete , also auch auf dem Postamt nicht nachfragen würde , und , direkt an sie zu schreiben , das teure Geheimnis jedem blöden Zufall preisgeben hieß . In seiner verzweifelten Ratlosigkeit dachte er einen Augenblick daran , Adeles oder Stephanies Vermittelung anzurufen ; aber Klotilde hatte ihm geschrieben , wie kläglich ihr Versuch , die erstere in ihr Interesse zu ziehen , abgelaufen sei ; und ihre Klage über die Strafpredigt , die ihr Stephanie gehalten , war noch bei ihm in zu frischer Erinnerung . Wiederum eine Entschuldigung , welche immer sie sei , würde , ja - wie er sich selbst eingestand - konnte der Direktor in diesem Falle nicht gelten lassen . Er riskierte , blieb er der Konferenz fern , nicht weniger als eine Disciplinar-Untersuchung , vielleicht Schlimmeres . Dennoch , hier war keine Wahl .