den andern Tag seine Kräfte braucht . « Zwölftes Kapitel Ziemlich um dieselbe Zeit , wo der Felgentreusche Wagen in der Adlerstraße hielt , um Corinna daselbst abzusetzen , hielt auch der Treibelsche Wagen vor der kommerzienrätlichen Wohnung , und die Rätin samt ihrem Sohne Leopold stiegen aus , während der alte Treibel auf seinem Platze blieb und das junge Paar - das wieder die Pferde geschont hatte - die Köpnicker Straße hinunter bis an den » Holzhof « begleitete . Von dort aus , nach einem herzhaften Schmatz ( denn er spielte gern den zärtlichen Schwiegervater ) , ließ er sich zu Buggenhagens fahren , wo Parteiversammlung war . Er wollte doch mal wieder sehen , wie ' s stünde , und , wenn nötig , auch zeigen , daß ihn die Korrespondenz in der » Nationalzeitung « nicht niedergeschmettert habe . Die Kommerzienrätin , die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibels belächelte , wenn nicht beargwohnte - was auch vorkam - , heute segnete sie Buggenhagen und war froh , ein paar Stunden allein sein zu können . Der Gang mit Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt . Die Gewißheit , sich verstanden zu sehen - es war doch eigentlich das Höhere . » Viele beneiden mich , aber was hab ich am Ende ? Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüßen Gesicht . Treibel ist gut , besonders auch gegen mich ; aber die Prosa lastet bleischwer auf ihm , und wenn er es nicht empfindet , ich empfinde es ... Und dabei Kommerzienrätin und immer wieder Kommerzienrätin . Es geht nun schon in das zehnte Jahr , und er rückt nicht höher hinauf , trotz aller Anstrengungen . Und wenn es so bleibt , und es wird so bleiben , so weiß ich wirklich nicht , ob nicht das andere , das auf Kunst und Wissenschaft deutet , doch einen feineren Klang hat . Ja , den hat es ... Und mit den ewigen guten Verhältnissen ! Ich kann doch auch nur eine Tasse Kaffee trinken , und wenn ich mich zu Bett lege , so kommt es darauf an , daß ich schlafe . Birkenmaser oder Nußbaum macht keinen Unterschied , aber Schlaf oder Nichtschlaf , das macht einen , und mitunter flieht mich der Schlaf , der des Lebens Bestes ist , weil er uns das Leben vergessen läßt ... Und auch die Kinder wären anders . Wenn ich die Corinna ansehe , das sprüht alles von Lust und Leben , und wenn sie bloß so macht , so steckt sie meine beiden Jungen in die Tasche . Mit Otto ist nicht viel , und mit Leopold ist gar nichts . « Jenny , während sie sich in süße Selbsttäuschungen wie diese versenkte , trat ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Straße . Drüben , im Hause gegenüber , hoch oben in der offenen Mansarde , stand , wie ein Schattenriß in hellem Licht , eine Plätterin , die mit sicherer Hand über das Plättbrett hinfuhr - ja , es war ihr , als höre sie das Mädchen singen . Der Kommerzienrätin Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht lassen , und etwas wie wirklicher Neid überkam sie . Sie sah erst fort , als sie bemerkte , daß hinter ihr die Tür ging . Es war Friedrich , der den Tee brachte . » Setzen Sie hin , Friedrich , und sagen Sie Fräulein Honig , es wäre nicht nötig . « » Sehr wohl , Frau Kommerzienrätin . Aber hier ist ein Brief . « » Ein Brief ? « fuhr die Rätin heraus . » Von wem ? « » Vom jungen Herrn . « » Von Leopold ? « » Ja , Frau Kommerzienrätin ... Und es wäre Antwort ... « » Brief ... Antwort ... Er ist nicht recht gescheit « , und die Kommerzienrätin riß das Couvert auf und überflog den Inhalt . » Liebe Mama ! Wenn es Dir irgend paßt , ich möchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben . Laß mich durch Friedrich wissen , ja oder nein . Dein Leopold . « Jenny war derart betroffen , daß ihre sentimentalen Anwandlungen auf der Stelle hinschwanden . So viel stand fest , daß das alles nur etwas sehr Fatales bedeuten konnte . Sie raffte sich aber zusammen und sagte : » Sagen Sie Leopold , daß ich ihn erwarte . « Das Zimmer Leopolds lag über dem ihrigen ; sie hörte deutlich , daß er rasch hin und her ging und ein paar Schubkästen , mit einer ihm sonst nicht eigenen Lautheit , zuschob . Und gleich danach , wenn nicht alles täuschte , vernahm sie seinen Schritt auf der Treppe . Sie hatte recht gehört , und nun trat er ein und wollte ( sie stand noch in der Nähe des Fensters ) durch die ganze Länge des Zimmers auf sie zuschreiten , um ihr die Hand zu küssen ; der Blick aber , mit dem sie ihm begegnete , hatte etwas so Abwehrendes , daß er stehenblieb und sich verbeugte . » Was bedeutet das , Leopold ? Es ist jetzt zehn , also nachtschlafende Zeit , und da schreibst du mir ein Billet und willst mich sprechen . Es ist mir neu , daß du was auf der Seele hast , was keinen Aufschub bis morgen früh duldet . Was hast du vor ? Was willst du ? « » Mich verheiraten , Mutter . Ich habe mich verlobt . « Die Kommerzienrätin fuhr zurück , und ein Glück war es , daß das Fenster , an dem sie stand , ihr eine Lehne gab . Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet , aber eine Verlobung über ihren Kopf weg , das war doch mehr , als sie gefürchtet . War es eine der Felgentreus ? Sie hielt beide für dumme Dinger und die ganze Felgentreuerei für erheblich unterm Stand ;