. « » Und soll er es nicht ? « warf Toby ein . » Ist er nicht der Allerneuesten einer ? Ist er nicht ein Kommunard ? Und wenn du von Furcht redest , von Furcht vor Lehnert und vor den Preußen , warum , wenn du doch von ebenso schlimm sprichst , warum fürchtest du dich nicht vor Monsieur L ' Hermite und seiner Kommune ? « » Weil ich nicht an sie glaube . « » Wie kannst du das sagen , Ruth ! Das ist Torheit . Warum glaubst du nicht an sie ? « » Weil sie für uns ein Märchen ist . « » Ein schönes Märchen ! Rotkäppchen ist mir lieber . « » Da triffst du ' s freilich « , lachte Ruth und war froh , von einem Gespräche loszukommen , das ganz gegen ihren Willen ins Politische hineingeraten war . Und nun tat sie noch ein paar Fragen , und als Lehnert mittlerweile sein Mahl beendet hatte , wandte sie sich wieder an den Bruder und sagte : » Nun aber ist es Zeit , Toby , daß wir Mister Lehnert auf sein Zimmer führen . « Alle drei stiegen treppauf . Toby führte , während Ruth , im Geplauder mit Lehnert , folgte . Der Oberstock war von ganz anderer Einrichtung als das im wesentlichen nur aus Treppenhaus , Betsaal und Halle bestehende Erdgeschoß , und wenn dieses letztere , mit Ausnahme von Obadjas Wohnzimmer , lediglich kirchlichen Zwecken oder gelegentlicher gesellschaftlicher Repräsentation diente , so diente das , was eine Treppe hoch lag , dem häuslichen Leben , der Gemütlichkeit , der Familie . Beide Hälften des Oberstockes , zwischen ihnen ein großer quadratischer Flur , waren durch einen schmalen Mittelgang wieder in eine Reihe verschiedenster Vorder - und Hinterzimmer geteilt , von denen alles Linksseitige von Maruschka , Ruth und Toby bewohnt wurde , während alles an der entgegengesetzten Seite Gelegene die Gast- und Fremdenzimmer umschloß . Eines derselben war für Lehnert bestimmt worden und lag dem Zimmer gegenüber , das von Monsieur L ' Hermite bewohnt wurde . Ruth , als man oben war , ging , sich verabschiedend , nach links hin den Gang hinunter , während Toby Lehnerts Hand nahm und ihn , nach der anderen Seite hin , auf einen in Dämmerlicht daliegenden Korridor zuführte . Nur am Ende desselben war ein Lichtschein . Dieser kam aus Monsieur L ' Hermites Zimmer , das meist offenstand und dem Korridor nicht bloß einiges von seiner Helle , sondern , nicht eben zur Freude der anderen Hausbewohner , auch viel von dem » Korporal « mitteilte , da beständig darin geraucht wurde . Lehnert , als er bis heran war , warf einen Blick in das Zimmer hinein und sah hier einen hageren Mann von Mitte Fünfzig , mit Zwickelbart und Käppi , der , an einem Schraubstock eifrig beschäftigt , eben in einem scharfen Profile sichtbar wurde . Auch L ' Hermite sah von der Arbeit auf und schob das Käppi nach hinten , was einen Gruß bedeuten , aber auch bloße Neugier sein konnte . Weiter darüber nachzudenken verbot sich , denn Toby hatte mittlerweile die gerad gegenüber gelegene Tür geöffnet und trat ein , während Lehnert folgte . » Das ist nun also dein Heim , Lehnert , das dir eine Friedensstätte werden möge . So soll ich dir im Auftrage des Vaters sagen . Er hat dies Zimmer für dich ausgesucht , weil er meint , die Berge drüben würden dich freuen . « » Das werden sie ; danke deinem Vater dafür ! Und nun sage du mir , wie hab ich mich drüben zu meinem Nachbar zu stellen ? Er ist ein Franzose ? « » Ja . Von Geburt . Aber es ist sein nicht geringer Stolz und , wie du bald erfahren wirst , auch sein Lieblingsthema , die nationalen Vorurteile hinter sich zu haben . Er war , wie du vorhin schon aus unserem Gespräche gehört haben wirst , ein Mitglied der Kommune , ja mehr , ein Führer derselben , und hat den Erzbischof von Paris erschießen lassen und sollte dann später selbst erschossen werden . Nur durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon . All das sind Dinge , wovon ich dir ( wenn er ' s nicht selber tut ) ein andermal erzählen werde . Heute nur das noch , daß er deinen Frieden nicht stören wird , höchstens deine nächtliche Ruhe . Denn er ist ein unruhiger Geist , den mitunter die Lust anwandelt , ein paar Stunden in der Nacht zu plaudern . Vielleicht ist es auch sein Gewissen , was ihn wach hält . Und dann wankt er durch das Haus und weckt jeden , und einmal war er selbst bei dem Vater . Und dann spricht er wie irr und deklamiert lange Gedichte vom Menschengeist , der seine letzten Fesseln abwerfen müsse . « » So nehmt ihr ihn also einfach als einen Irren ? « » O nein , durchaus nicht ; er ist nicht irr , im Gegenteil , er ist grundgescheut und kann alles und weiß alles . Er hat nur eine Menschheitsbeglückungsidee , der er alles opfert , und am liebsten einen Erzbischof , einen Empereur , einen Papst . In seinen Ideen ist er ein Fanatiker und tut das Äußerste , sonst aber ist er wie ein Kind . Er ist der Friedliebendste von uns allen , und es ist rührend , ihn zu sehen , wenn er Ruth sieht . Dann verklärt sich sein Gesicht , und ich glaube , wenn sie ' s beföhle : so ging ' er nach Neu-Kaledonien und Numea zurück . Von da floh er nämlich und kam bis hierher . Aber was sprech ich nur von Monsieur L ' Hermite . Du wirst ihn kennenlernen , und unter allen Umständen ist er kein Gesprächsstoff für deinen Einzug an dieser Stelle . Denn es ist Blut